An Weser und Jade

Die Marsch – ein Land im beständigen sozialen Wandel

I.

Die Feddersen Wierde

Die Marsch ist ein Raum, der zunächst einmal außerordentlich lebensfeindlich erscheint, aber bei näherem Zusehen dem Menschen enorme Chancen bietet. Wenn wir uns das Mündungsgebiet der Weser, wie es sich den ersten Siedlern irgendwann im Neolithikum oder in der beginnenden Bronzezeit darbot, vorzustellen versuchen, dann sehen wir eine unendliche grüne Fläche vor uns, die von einer Vielzahl von Flussläufen durchzogen ist, in denen das Wasser träge dahin strömt, bis es irgendwann einmal die Nordsee erreicht, wobei zu dieser Zeit, wie man noch auf Landkarten erkennen kann, die auch den Strömungsverlauf im Meer darstellen, die Elbe und Weser eine gemeinsame Mündung haben. Lebensfeindlich war das Gebiet aus mehreren Gründen: da gab es zum einen Sturmfluten, die den Wasserspiegel plötzlich steigen ließen und die wenigen trockenen Plätze, die es geben mochte überfluteten, vor allem aber brüteten in den stehenden Gewässern Krankheiten, deren Ursachen die Menschen damals natürlich nicht kannten, deren Wirkungen sie aber durchaus wahrnahmen, außerdem war das Brackwasser, in dem sich das salzige Meerwasser mit dem Süßwasser, das von der Geest zu zufloss, ungenießbar, kurzum: man mied besser die Sümpfe der Flussniederungen. Aber das war nur die eine Seite: Daneben lockte sicherlich der ungeheure Fischreichtum in den Wasserläufen, und wenn man trockene Siedlungsplätze fand und darüber hinaus in der Lage war, das Regenwasser in Kuhlen aufzufangen, wie das später auf den Wurten geschah, dann verwandelten sich die Sümpfe in einen Lebensraum, der, wenn man einmal von Holz, Steinen und Metallen absieht, fast alles bot, was man zum Leben brauchte. Und es kam noch ein weiterer Gesichtspunkt hinzu: Die Marsch ist zwar, wie man gerne witzelt, flach und feucht wie ein Bierfilz, aber sie ist zur Geest hin etwas geneigt, also an der Küste etwas höher als im Binnenland. In dieser flache Rinne hatten sich aber im Laufe der Jahrhunderte weite Moore gebildet, die in der Zeit, die wir hier betrachten, natürlich noch nicht abgebaut waren, sondern natürliche Hindernisse bildeten, die es jedem möglichen Angreifer schwer machten, die Dörfer, die sich an der Küste selbst, also auf der Hohen Marsch, bildeten, anzugreifen – ein Umstand, der in Zeiten einer allgemeinen Anarchie nicht zu verachten war.

Dies also waren die allgemeinen Lebensbedingungen, die die Menschen seit jeher an der Nordseeküste vorfanden und die natürlich auch für das Mündungen der Weser und der Wapel, die sich im Laufe der Geschichte zum Jadebusen geweitet hat, gelten. Ich fasse das Gebiet. also auf Grund der geographischen Gegebenheit ohne Rücksicht auf die zufälligen historischen und administrativen Grenzen, die es heute durchziehen, als ein Gebiet auf, das einem einzigen historischen Prozess unterworfen ist. Dabei gilt seit vielen Jahrtausenden bis heute ein wahrhaft fataler Grundsatz, nämlich dass in diesem ganzen Zeitraum das Meer unaufhörlich steigt und immer mehr Land verschlingt. Befand sich die Küstenlinie in grauer Vorzeit, als die Sammler und Jäger des Paläolithikums auf der Pirsch nach Mammuts und anderem Wild mit ihren Waffen aus Feuerstein das Land durchstreiften, weit im Norden, so dass sie die heutige Doggerbank einschloss, so drängte die Flut sie immer mehr nach Süden zurück, bis sie in etwa die heutige Linie erreichte. Dabei vollzog sich diese Entwicklung nicht linear, vielmehr gab es immer wieder Phasen, in denen sich das Meer sogar zurückzog und damit Land, das es zuvor bereits erobert hatte, wieder freigab. So war es beispielsweise möglich, dass die Menschen in unserem Raum etwa um 100 vor Christus auf dem gewachsenen Boden ihre Siedlungen errichten konnten, ohne dass sie befürchten mussten, von einer Sturmflut weggeschwemmt zu werden. Auf diese Orte richtet sich natürlich heute die Aufmerksamkeit der Archäologen, die an mehreren Plätzen Häuser der damaligen Menschen ausgegraben haben, aber das, wenn man so will, Pompeji Norddeutschlands fand man unter einem unscheinbaren grünen Hügel etwas nördlich von Bremerhaven, der, als ihn ein Team von Wissenschaftlern unter Leitung von Professor Werner Haarnagel ausgrub, nicht nur ein ganzes Dorf freigab, sondern dessen vollständige Geschichte vom Anfang bis zum Ende erzählte und uns damit ein Modell bot, an dem wir die historische Entwicklung in der Marsch im Grunde bis heute betrachten können, denn diese vermoderten Holzreste, die man von 1954 bis 1963 in mühsamer Kleinarbeit freilegte, sagen uns, was in unserem Kulturraum immer so war und auch in Zukunft bleiben wird und was sich geändert hat – sie bieten uns damit also die Chance, unsere Zukunft zu gestalten, oder auch zu verpatzen, denn auch das ist möglich, aber mit dieser Bemerkung verlasse ich den Zuständigkeitsbereich der Geschichte und begebe mich auf das glitschige Feld der Politik, auf dem ich leicht ausgleiten könnte, weswegen ich es flugs verlasse.

Betrachten wir also das Dorf, das wir mit dem Namen belegen wollen, den die Wurt gehabt hat: Feddersen Wierde. Seine Geschichte begann damit, dass irgendwann um das Jahr 100 ante Christum fünf Familien auf dem rechten Ufer der Weser an einem Ort siedelten, der damals trocken lag, also Gelegenheit zu Ackerbau und Viehzucht bot, und der sich darüber hinaus in der Nachbarschaft eines ganzen Prielsystems befand, das die Menschen mit Fisch versorgte, und von denen ein Wasserlauf breit genug war, um die schmalen Boote, über die man verfügte, aufzunehmen, kurzum: ein idealer Wohnplatz. Dabei ist bemerkenswert: Die Menschen „wohnten in 5 reihenförmig hinter- und nebeneinander angeordneten, aus jeweils einem Wohnstallhaus mit Speicher bestehenden Wirtschaftsbetrieben etwa gleicher Größenordnung auf dem Rücken und am geschützten Hang des Brandungswalles, d. h. unmittelbar am Rande der Küstenlinie.“1 Diese, aus unserer Sicht, sehr primitiven Gebäude, bestehend aus geflochtenen, mit Lehm beschmierten Wänden und einem Reithdach, stellten jeweils sozusagen die Grundeinheit der damaligen Gesellschaft dar. Im Innern war ein solches Haus in einen vorderen Bereich gegliedert, in dem das Vieh untergebracht war, wobei für jeweils etwa 20 Rinder Platz war, während sich hinten der Herd befand, um den sich vermutlich die Menschen lagerten. Dazwischen gab es einen Bereich, der verschiedenen Zwecken diente, vor allem konnten hier handwerkliche Tätigkeiten ausgeübt werden. Zugänglich war das Haus durch eine große Tür in der Vorderfront und zwei kleineren Pforten an den Seiten, die einander gegenüber lagen und vom Zwischenbereich nach draußen führten. Zum Hof gehörte dann noch ein Speicher, der sich über Ständern erhob, die dazu dienten, Ratten und Mäuse fernzuhalten. Alles in allem haben wir hier das typische dreischiffige Haus vor uns, das bis weit in der 19. Jahrhundert unserer Zeitrechnung in den Marschgebieten vorherrschend war und dadurch gekennzeichnet ist, dass Mensch und Tier unter einem Dach untergebracht waren – eine Gemeinsamkeit, die keineswegs eine Gemeinschaftlichkeit bedeutete.

In dem von mir zitierten Werk unterstellt der Autor, dass den fünf ersten Häusern der Feddersen Wierde auch fünf Familien zuzuordnen seien. Das mag so gewesen sein, ja, ich räume sogar ein, dass das sehr wahrscheinlich der Fall war – wir wissen es jedoch nicht. Wenn ich mir die sozialen Verhältnisse auf einem Marschenhof des, sagen wir, 18. oder 19. Jahrhunderts vor Augen führe, dann bemerke ich eine sehr komplizierte soziale Gliederung, die zunächst einmal die Bewohner eines solchen Hofes in zwei Gruppen gliederte, nämlich die Familie des Bauern selbst und dann das Gesinde. Die Familie umfasste den Bauern, die Bäuerin, dann die Kinder, aber vielleicht auch noch eine „Tant’ up’n Hoff“, also eine unverheiratete Tante, oder eine Mamsell, also die Tochter einer befreundeten Familie, die hier die Hauswirtschaft erlernen sollte. Schließlich wäre noch der Hauslehrer zu nennen, in aller Regel ein Theologe, der noch keine Anstellung als Pastor gefunden hatte. Alles in allem lebten auf einem Marschhof zu dieser Zeit auch solche Personen, die in die Familie integriert und damit entsprechend privilegiert waren, aber im strengen Sinne nicht dazu gehörten. Aus der Aufzählung ergibt sich bereits die hierarchische Gliederung der Gruppe: Der Bauer steht an der Spitze, weil er für das Ganze im Guten wie im Bösen verantwortlich ist und diese Einheit auch nach außen vertritt. Der Zuständigkeitsbereich der Bäuerin ist das Haus mit dem dazugehörigen Garten, während alle anderen diesen beiden Instanzen unterworfen sind. Unter der Familie steht „dat Folk“, also das Gesinde, das sich ebenfalls in mehrere Schichten gliedert. Auch hier müssen wir die Knechte und die Mägde trennen. An der Spitze der Ersteren steht der Großknecht, der vom Mittelknecht vertreten wird, während „de Jungs“, also die Kleinknechte die unterste Schicht des bäuerlichen Proletariats bilden. Für die Mägde gilt Entsprechendes, nur dass diese insgesamt ebenso unter den Männern rangieren, wie die Bäuerin natürlich unter dem Bauern steht. Nun spreche ich vom Marschenhof der Neuzeit und nicht von demjenigen der späten Bronzezeit bzw. früheren Eisenzeit (wäre es nicht angebrachter, die Epoche als „germanische Antike“ zu bezeichnen?), aber wer sagt mir denn, dass die soziale Gemeinschaft, die ein Hallenhaus der Feddersen Wierde bewohnte, nicht ähnlich strukturiert war? Es ist ja die Crux der Archäologie, dass man nur Gegenstände findet, von denen man auf die sozialen Verhältnisse und mitunter sogar auf die religiösen Vorstellungen schließt, was manchmal überzeugend ist, manchmal auch nicht. Auf der sicheren Seite sind wir jedoch, wenn wir ein solches Haus, wie wir es in diesem alten Dorf vorfinden und wie es für die Marsch bis weit ins 19. Jahrhundert hinein typisch bleiben wird, als eine Konsum- und Produktionseinheit definieren, die sich allerdings um eine Familie, die ich als eine Reproduktionsgemeinschaft definieren möchte, organisiert. Eine solche Einheit möchte ich, im Anschluss an Riehl, als „Ganzes Haus“ bezeichnen. Es zeichnet sich also durch eine weitgehende Autarkie aus, die jedoch nie vollständig ist, so dass eine solche Gemeinschaft stets auf den Austausch mit der Außenwelt und damit auf die Kooperation mit anderen Häusern angewiesen ist. Daraus ergeben sich soziale Zusammenhänge und auch Konflikte, die auch das Leben in der Feddersen Wierde geprägt haben.

Zunächst ist ja zu beachten, dass bereits zum Anfang fünf Häuser nebeneinander bestehen. Die einzelnen Sozialverbände, wie immer sie geartet sein mögen, bewahren also gegeneinander eine gewisse Autonomie, wenn sie auch die Kooperation suchen und deren Vorteile nutzen. Es existiert aber zwischen diesen Häusern auch ein Konkurrenzverhalten, was gravierende Folgen hat, denn in den folgenden Jahrhunderten expandiert das Dorf räumlich, bis es schließlich im 3. Jahrhundert nach Christus aus nicht weniger als 26 Einheiten besteht;

differenziert sich die Einwohnerschaft auch qualitativ, was daran deutlich wird, das neben die bäuerlichen Höfe kleinere Häuser treten, die von den Archäologen als die Handwerksbetriebe gedeutet werden;

ergibt sich vor allem eine gesellschaftliche Hierarchie, die ihren Ausdruck darin findet, dass sich ein Herrenhof herausbildet, in dem kein Vieh mehr gehalten wird und dessen Eigentümer wahrscheinlich gewisse Herrschaftsrechte ausüben.

Zu diesem Befund gehört auch eine Gemeinschaftshalle, die daraufhin deutet, dass in diesem Dorf, das zum Schluss etwa 300 Bewohner gehabt haben mag, gemeinsame Beschlüsse nicht mehr allein durch Konventionen gleichberechtigter Partner zustande kamen, wie das vielleicht noch am Anfang der Fall war, als es nur fünf Beteiligte gab, sondern dass man allgemeinen Gesetzen gehorchte, die einen Einzelnen ermächtigten, im konkreten Einzelfall Befehle zu geben.

Mehr als diese allgemeinen Vermutungen lassen sich über die Gesellschaft der Feddersen Wierde nicht anstellen. Und ebenso wenig wissen wir über ihr Ende. Nur so viel ist sicher: Der steigende Meeresspiegel zwang die Bewohner, die Wohnplätze nach und nach zu erhöhen. Diesem Prozess verdanken es die Archäologen, dass sie den Prozess der Besiedlungen Ebene für Ebene nachvollziehen konnten – nur war irgendwann einmal der Punkt erreicht, an dem man nicht mehr, wie gehabt, fortfahren konnte – die Menschen der Feddersen Wierde wurden gezwungen, ihre Heimat aufzugeben. Man vermutet, dass sie damals nach England ausgewandert sind, aber mehr können wir nicht sagen. Ihr Dorf verfiel und wurde vergessen und über die Reste wuchs das Gras der Marsch, bis die Archäologen es wieder ausgruben und uns so ein Modell vor Augen stellten, das uns sehr hilft, die Ereignisse der kommenden Jahrhunderte zu verstehen.

II.

Das Rätsel „Stedingen“

Drei Jahrhunderte blieb das Mündungsgebiet der Weser unbesiedelt. In dieser Zeit zog sich das Meer wieder etwas zurück und ließ trockenes Land zurück, das seit dem 8. Jahrhundert wieder die Menschen anzog, die diesmal auf kleinen Booten aus dem Westen kamen: die Friesen. Sie sickerten vermutlich zunächst in kleinen Gruppen ein und siedelten, so lange das möglich war, auf dem Geestrand, der nicht nur frisches Wasser, trockene Bauplätze sowie Holz und Steine bot, sondern auch die Möglichkeit, die Vorteile der Marsch zu nutzen, ohne unter deren Nachteilen zu leiden. So mögen Städte wie Jever, Varel oder Lehe (heute ein Teil Bremerhavens) entstanden sein. Indes waren diese Möglichkeiten bald erschöpft und so drang man erneut in die Marsch vor, wobei man wiederum zunächst natürliche Anhöhen nutzte, die die Gletscher der Eiszeit zusammengeschoben hatten, ehe man auf die Hohe Marsch auswich, die an der Küste entlang lief und immerhin noch akzeptable Siedlungsplätze bot. Das alles lief sicherlich spontan ab, so wie es einer Gruppe halt in den Kopf kam, indes gab es auch den Fall einer planmäßigen Besiedlung und zwar in dem Marschgebiet unmittelbar nördlich der heutigen Freien Hansestadt Bremen, das als „Stedingen“ in die Geschichte eingegangen ist.

Mit diesem Begriff ist nicht nur die heutige Gemeinde dieses Namens gemeint, sondern auch das nördlich angrenzende Gebiet bis zur heutigen Stadt Brake sowie das jenseitige Weserufer, also die Osterstader Marsch. Für diesen ganzen Raum gilt, was ich eingangs gesagt habe: auch hier sickerten Familien ein und siedelten dort, wo sie in dem Sumpfland einen trockenen Platz fanden und das so zahlreich, dass die Kolonisten relativ früh – man weiß nicht wann, nimmt aber das 11. Jahrhundert an – an einem zentralen Punkt an der Ochtum, also in dem heutigen Berne, eine Holzkirche bauten, die indes irgendwann abbrannte und dann im 12. Jahrhundert durch eine Steinkirche ersetzt wurde. Es handelte sich um eine der üblichen Hallenkirchen, denen man einen Turm vorsetzte, der heute noch vorhanden ist. Inzwischen hatte sich allerdings eine wesentliche Änderung ergeben: Als sich die ersten Siedler in der Stedinger Marsch festsetzten ging die juristische Fiktion davon aus, dass das Gebiet herrenlos war, also dem Kaiser als dem höchsten Souverän der Welt gehörte. Der belehnte nun – es handelte sich um Heinrich IV. - im Jahre 1063 den Erzbischof von Bremen mit dem Land, so dass von jetzt an die Eigentumsrechte geklärt waren, und dieser machte sich ans Werk und organisierte die Erschließung seiner neuen Provinz, indem er holländische Unternehmer ins Land rief, welche die Kolonisierung des Ödlandes organisierten. Sie waren deshalb für die Arbeit besonders geeignet, weil sie die Kunst des Deichbaus beherrschten. Die aber war notwendig, weil die Fluten inzwischen so hoch stiegen, dass man vor der Alternative stand, entweder das Küstengebiet, wie einst im 5. Jahrhundert, zu räumen oder aber die Äcker durch Dämme zu schützen. In den Niederlanden hatte man sich bereits um die erste Jahrtausendwende zu der zweiten Lösung entschlossen und hundert Jahre später, holte man an der Wesermündung diese Entscheidung nach.

Nun ist der Deichbau selbst keine besondere Leistung – man schüttet einen Damm auf, begrünt ihn mit Gras und fertig ist die Chose, aber wenn man so verfahren wäre, hätte man sich ein anderes Problem geschaffen, das sehr viel gravierender gewesen wäre als eine gelegentliche Überflutung des Landes, denn ein solcher Damm hätte verhindert, dass das Wasser, das der Marsch aus der Geest beständig zuströmt, in die Weser abgeflossen wäre. Man musste also im Deich Löcher lassen und doch verhindern, dass die Flut durch diese in das Land eindrang. Diese Aufgabe lösten damals (und noch heute) die Siele, deren Tore so konstruiert waren, dass sie sich bei Ebbe von selbst öffnen und sich ebenso bei Flut wieder schlossen. Aber damit war es nicht getan: Das ganze Land musste von Gräben durchzogen werden, die das überflüssige Wasser in das Sieltief und von dort in die Weser ableiteten, kurzum: man benötigte einen zentralen Plan, durch den ein ganzes Gebiet ganz bewusst gestaltet und erschlossen wurde. Das also leisteten die niederländischen Unternehmer, die der Erzbischof ins Land rief. Sie organisierten nicht nur das, was wir heute die „Vorflut“ nennen, sondern teilten auch das Land auf und suchten die Siedler aus, die ihrer Ansicht nach geeignet waren, sich in der Kolonie eine Existenzgrundlage zu schaffen.

Woher kamen sie?

Wenn wir das wüssten! Das Rätsel „Stedingen“ beginnt bereits an dieser Stelle. Gewiss ist, dass die Unternehmer selbst Niederländer waren, aber brachten sie bereits diejenigen mit, die sie ansiedeln wollten? Möglich wäre es, aber es kann auch sein, dass von der Geest die „afgahn Kinner“ kamen, also die Bauernsöhne, die den väterlichen Hof nicht erben konnten, und vielleicht wanderten auch aus ganz anderen Gegenden Menschen zu – wir wissen es nicht, und deshalb können wir beispielsweise auch nicht sagen, welcher Sprache sich die Stedinger bedient und wie sie ihr Land politisch organisiert haben – all das bleibt im Dunkeln, obwohl die interne Geschichte der Gemeinde nicht ohne Konflikte abgegangen sein kann, denn die Bevölkerung war ja nicht homogen: Da gab es zum einen die kleine Gruppe derjenigen, die schon seit eh und je in dem Sumpfgebiet gesiedelt hatten, zum andern griffen sich die Unternehmer, so weit sie das Land nicht wieder verließen, ganz sicher die besten Landstücke für sich, wenn sie nicht überhaupt gewisse Herrschaftsrechte beanspruchten, und schließlich kamen ja die Neuankömmlinge hinzu, und das alles soll in einer Zeit, in der Gewalt das Leben beherrschte, schiedlich-friedlich vor sich gegangen sein? Das glaube, wer will – nur wir wissen von alledem, was sich da abgespielt hat (oder auch nicht), leider nichts. Nur eines ist sicher: Die Stedinger, die so planmäßig und entschlossen das im Prinzip sehr entwicklungsfähige Marschland erschlossen hatten, regelten die internen Konflikte irgendwie und handelten in der kurzen Zeit ihrer Selbständigkeit überaus effektiv mit der Folge, dass sie reich wurden und deshalb den Versuch unternehmen konnten, sich von der Herrschaft des Bremer Erzbischofs unabhängig zu machen, was darin seinen Ausdruck fand, dass sie sich weigerten, ihrem Landesherrn Steuern zu zahlen. Aus diesem Sachverhalt ergab sich ein Konflikt, der schließlich darin gipfelte, dass Erzbischof Gerhard II. zum Kreuzzug gegen die Stedinger aufrief, in dessen Verlauf die Bauern am 27. Mai 1234 bei Altenesch von einem überlegenen Ritterheer geschlagen wurden, womit sie ihre politische Unabhängigkeit teils an den Erzbischof von Bremen, teils an die Grafen von Oldenburg verloren.

Im Konflikt der Stedinger mit dem Erzbischof von Bremen wurde ein Thema durchgetextet, das uns noch ausführlich beschäftigen wird, hier aber seine besondere Note dadurch erhielt, dass die eine Partei die Römische Kirche war, die in diesem Fall zu einem „Kreuzzug“ aufrief, der doch eigentlich, nach der Vorstellung des Mittelalters, nur dann legitim war, wenn das Ziel die Eroberung des Heiligen Landes, wenigstens aber die Bekehrung von Heiden, etwa der Pruzzen, war, hier aber richtete sich die Campagne gegen Christen, die Erzbischof Gerhard indes aus der Gemeinschaft der Katholischen Kirche ausgeschlossen hatte, indem er sie als Ketzer verurteilte – aber waren sie das wirklich? Die Dominikaner richteten gegen die Bauern damals wütende Vorwürfe, die sicherlich nicht zutrafen und in den folgenden Jahrhunderten das Material lieferten, um die Römische Kirche mit Anklagen zu überschütten, wobei man übersieht, dass es bei den haarsträubenden Geschichten nicht darum ging, Fakten zu beweisen, sondern dass die Mönche dogmatische Inhalte in der Form von Mythen vermittelten. Man müsste also, was ich hier nicht leisten kann, aus inen zu erschließen suchen, was die Prediger den Bauern tatsächlich vorwarfen. Indes verstehen wir auch so, um was es in dem Konflikt ging, denn wir müssen den Kreuzzug gegen die Stedinger im Zusammenhang mit dem Konflikt der Römischen Kirche mit dem Islam einerseits und mit den verschiedenen innereuropäischen Reformbewegungen andererseits sehen. In dieser doppelten Auseinandersetzung konnte die Ecclesia Romana nur dann hoffen, ihren Fortbestand zu sichern, wenn es ihr gelang, die Inhalte ihrer Dogmen in den Emotionen der Menschen zu verankern. Sie musste also einmal missionarisch wirken, indem sie diejenigen, die formal getauft waren, auch von den Glaubenslehren überzeugte, und zum anderen aber auch defensiv vorgehen, indem sie alle Alternativen, sofern das möglich war argumentativ (das war die Aufgabe der Dominikaner), notfalls aber auch mit Gewalt abwehrte, wiebeispielsweise in den Albigenser-Kriegen geschehen. In der tat ging es aber im 13. Jahrhundert nicht nur um das Überleben der Römischen Kirche, sondern auch um die Fortexistenz der abendländischen Kultur, die in ihr fortlebte, auch wenn das den beteiligten Priestern nicht wichtig war. Für sie ging es darum, dass sie ihre gesellschaftliche Funktion behielten, die ihrer Ansicht nach gefährdet war, und diese Zwangslage führte zu den in der Tat üblen Exzessen der Römischen Kirche in dieser Zeit, von denen der Kreuzzug gegen die Stedinger eine Episode (und sicher nicht die wichtigste) bildet. Für Gerhard II. kam ein Weiteres hinzu: Das Erzbistum Bremen musste nämlich um seinen seinen Rang fürchten. Einstmals war es begründet worden, damit von hier aus der Norden missioniert werden konnte, aber dieser entglitt zunehmend dem bremischen Einfluss, was sicherlich auch daran lag, dass der Sitz der Erzdiözese im 9. Jahrhundert, als die Wikinger raubend und mordend die Elbe hinauffuhren, von Hamburg nach Bremen verlegt worden war. Hinzu trat, dass der Erzbischof keineswegs Herr im Eigenen hause war, denn da gab es nicht weniger als zwei Domkapitel - eins im Hamburg und eins in Bremen, die eie eigene Politik verfolgten und darüber hinaus beanspruchte noch die Ritterschaft der einstigen Grafschaft Stade ein Mitspracherecht, das sie auf Landtagen geltend machte, die üblicherweise in Basdahl tagten, ja, selbst in der Stadt Bremen, in der die Kirche des Bischofs stand, war der nominelle Landesherr allenfalls der geduldete Gast, keineswegs aber der Herr, denn ob er in der Stadt die Rechte eines kaiserlichen Vogts, die Gerhards Vorgänger einst nicht nur besessen, sondern auch ausgeübt hatten, noch geltend machen konnte, war durchaus zweifelhaft. Die geistlichen Rechte machte natürlich niemand dem Erzbischof streitig, aber was waren sie noch wert, wenn er in allen anderen Beziehungen von einer politischen Instanz abhängig war? Auf regionaler Ebene wiederholte sich also der Konflikt, der durch die Reformen des Klosters Cluny ausgelöst worden waren und die im Endeffekt dazu führen sollten, dass sowohl der Kaiser als auch der Papst ihre Machtpositionen verlieren sollte.

Wenn also Erzbischof Gerhard II. zum Kreuzzug gegen die Stedinger aurief, ging des vordergründig darum, der bremischen Kirche einen ausreichenden Grundbesitz zu sichern, der aber, noch beherrcht die Logik des Kapitalismus nicht alle menschlichen Beziehungen, für die Kirche den Zweck hatte, sie in die Lage zu versetzen, ihre geistlichen Funktionen auszufüllen, und das war, mit dieser These hatte Bernhard von Clairveaux die wichtigste Reform, die das Abendland gekannt hat, eingeleitet, nur möglich, wenn die Kirche, konkret der Papst, von der politischen Macht des Kaisers (und umgekehrt) unabhängig war. Damit hatten Mönche von Cluny das entscheidendes Merkmal der innereuropäischen Verfassung etabliert, die theologisch ausgedrückt wurde durch die „Zwei-Schwerter-Lehre“. Sie galt es zu bewahren, notfalls mit politischen Mitteln und damit auch solchen der Gewalt. Wenn also Gerhard II. in seinem Streit mit den Stedingern auch einen dogmatischen Konflikt sah, dann hatte er damit sicherlich in gewisser Weise Recht, wenn es auch auf den ersten Blick empörend ist, dass eine Institution, die doch den Frieden predigt und in der Tat als die größte pazifistische Bewegung der Geschichte bezeichnet werden kann, einen Krieg organisiert, um schlicht ausstehende Steuern einzutreiben. Dass der Erzbischof ihn zwar militärisch gewinnt, aber politisch verliert (denn im Ergebnis eigneten sich auf der einen Seite die Grafen von Oldenburg den größten Teil Stedingens an, während die Stadt Bremen sich Rechte zusichern ließ, die faktisch einer Unabhängigkeit gleichkamen), mag man als Ironie der Geschichte werten. Und ähnlich wie der Papst, der seine politischen Ansprüche im späten Mittelalter übersteigerte und damit seine Macht verlor, gilt auch im Falle Gerhards II., dass er aus dem Konflikt mit den Stedingern zwar militärisch als der Sieger hervorging, politisch aber verlor, denn die eigentlichen Nutznießer des Streits waren einmal die Grafen von Oldenburg, die sich Stedingen, so weit es links der Weser lag, aneigneten, zum andern die Stadt Bremen, die ihrem „Vogt“die entscheidenden Rechte abringen konnte, so dass sie nunmehr faktisch eine freie Stadt war, die keinen Herrn mehr hatte..

Und die Bauern?

Die Stedinger wurden keineswegs, wie das die in der deutschnationalen Propaganda des 19. und 20. Jahrhunderts gerne behauptet wurde, ausgerottet, im Gegenteil: sie setzte auch nach der Niederlage bei Altenesch ihren aktiven Widerstand bis zum Ende des Jahrhunderts fort, wobei jetzt nicht mehr der Erzbischof von Bremen der Gegner war, sondern der Graf von Oldenburg. Schließlich war das Land aber unterworfen und „befriedet“, aber die großen Bauern, die sog. Erbexen, blieben reich und behielten, etwa im Deich- und Sielrecht, erhebliche Gestaltungsmöglichkeiten, die ihnen erst im 17. Jahrhundert genommen wurden, was enorm war, man man ihre gesellschaftliche Position mit derjenigen vergleicht, die etwa den Bauern in Süddeutschland zugewiesen worden war. Natürlich muss man immer hinzufügen, dass die Familien, die wir als „die Stedinger“ bezeichnen, in ihrer sozialen Funktion durchaus vergleichbar sind, mit den Aristokraten, die in den anderen Teilen Deutschlands die Bevölkerung des Landes unterdrückten und ausplünderten, nur dass in der marsch (wie auch in Bremen) nicht die Geburt allein über den Rang entschied, sondern in erster Linie das Vermögen. Wir können also durchaus davon sprechen, dass hier der Kapitalismus, der sozusagen mit den Friesen ins Land gesegelt gekommen war, weiter existierte und von den Grafen von Oldenburg, die schließlich davon profitierten, nicht infrage gestellt wurde.

Diese Tatsache erklärt auch, dass Stedingen ein ideologisches Schlachtfeld blieb, eben weil die Römische Kirche hier unter einem beständigen Rechtfertigungsdruck geriet, der sich im 19. und 20. Jahrhundert noch verschärfte, als die katholische Theologie in einen Gegensatz zum herrschenden Liberalismus und dann zum Nationalismus und schließlich zum Nationalsozialismus geriet. Weil man nämlich von den Stedingern selbst nichts wusste, konnte man ihnen – von Gottfried Kinkel bis August Hinrichs – alles unterstellen, was gerade en vogue war, während Erzbischof Gerhard II. für das stand, was man ablehnte. So ließen sich Konflikte konstruieren, in denen alles in weißen und schwarzen Farben gemalt war, heldische Bauern also gegen schurkische Kleriker unterlagen. Das aber hatte mit dem höchst komplexen historischen Geschehen nichts zu tun, denn eines können wir ganz sicher sagen: Weder waren die Bauern die Guten, noch war Gerhard II. der Böse – beide folgten mit großer Konsequenz ihren Interessen mit einem Ergebnis, das der Logik des geschichtlichen Prozesses entsprach, denn es ist ganz klar, dass sich Stedingen als Bauernrepublik gegen die Feudalmächte der Umgebung eh nicht hätte halten können – immerhin bewahrten jedoch die Bauern trotz ihrer verheerenden Niederlage das, was sich für die Zukunft als entscheidend herausstellen sollte, nämlich die unternehmerische Selbstständigkeit, und ebenso musste sich Gerhard II. fügen, obwohl er in der Berner Kirche seinem Triumph ein ewiges Denkmal setzen ließ, denn die Kirche, der er mit Eifer diente, ging in ihrer feudalen Form unter, blieb jedoch, nicht zuletzt dank der Dominikaner, als religiöse Instanz bestehen. Die Grafen von Oldenburg gewannen schließlich nicht nur ein reiches Gebiet, sondern auch den Zugang zur Weser und damit die Basis für die weitere Expansion nach Norden.

Das hätte den Butjadingern als Warnung dienen können.

III.

Die Goldene Zeit der Friesen

Als im 8. Jahrhundert von Westen her, also aus den heutigen Niederlande, die Friesen in die Küstengebiete Norddeutschlands einsickerten, konnten sie, da, wie gesagt, das Meer sich wieder einmal zurückgezogen hatte, so wie einst ihre Vorgänger vor achthundert Jahren, ihre Häuser auf dem gewachsenen Boden bauen. Dabei verwandten sie – wie ich finde: erstaunlicherweise! – im Prinzip denselben Haustyp, nämlich den dreischiffigen Hallenbau, in dem Mensch und Vieh unter einem Dach lebten und so eine Produktions- und Konsumeinheit bildeten. Eine solche Einheit war immer noch weitgehend autark, zumindest reichten die Vorräte, die man erwirtschaftete, aus, um einige Monate lang zu überwintern, ohne dass Zufuhren von außen nötig wurden. Aber ein gewisser Austausch war auch hier nötig und so lebten auch diese Menschen nicht völlig einsam in dem grünen Meer der Marsch, sondern immer in Sichtweite zum Nachbarn und in Reichweite zum nächsten Dorf, das all die Waren und Dienstleistungen bot, die man eventuell brauchte.

Der Einzelhof war also möglich, aber, wie ich meine, durchaus nicht die Regel, denn man rückte doch sehr oft zu kleinen Hofgruppen zusammen, wie wir sie bereits in der Anfangsphase der Feddersen Wierde fanden, und die wir noch heute in der Marsch sehen, so in Grebswarden (Nordenham) oder in Isens (Gemeinde Butjadingen) und auch sonst in der Marsch. Aber in einem Punkt finden wir etwas, was vielleicht neu ist: Alle diese Höfe und Hofgruppen orientieren sich auf ein jeweiliges Zentrum, in dem sich zunächst ein heidnischer Kultplatz befand, sich aber seit dem 9. Jahrhundert eine zunächst hölzerne Kirche erhob, in der ein Priester seines Amtes waltete. Betrachten wir der Einfachheit halber ein solches Dorf, nämlich Blexen in der Wesermündung. Ursprünglich hieß der Ort „Plekkateshem“, war also das Heim des Blitzes und damit ein Heiligtum des Gottes Thor. Diesen Rang verdankte der Platz dem Umstand, dass sich hier mitten in der Marsch ein Sandhügel befand, der das Wasser filterte und damit einen idealen Siedlungsplatz bot. Außerdem führte ein schiffbarer Arm der Weser unmittelbar an dem Ort vorbei, so dass er mit den damals üblichen Booten leicht erreicht werden konnte. Hier entstand also ein wichtiges lokales Zentrum, in dem wir natürlich zunächst einmal eine Reihe von Bauernhöfen finden, die den Rand des Sandhügels, der nach und nach zur Wurt ausgebaut wurde, säumten, weil man so am leichtesten die Wiesen und Felder erreichen konnte. Auf dem Hügel selbst finden wir kleinere Häuser, in denen die verschiedenen Handwerker ihrer Arbeit nachgingen. Etwas abseits vom Dorf befand sich der germanische Kultplatz, auf dem der hl. Willehad wohl die erste Blexer Kirche erbauen ließ. In dem Winkel, der vom Dorf und dem Sakralbau gebildet wird, dürfen wir die Anlegestelle der Schiffe bzw. den Hafen, wenn wir etwas großspurig sein wollen, vermuten, und davor möglicherweise sowohl die Häuser der Schiffseigner oder aber auch der Händler, aber das möchte ich der Phantasie überlassen.

Das alles kommt uns sehr bekannt vor und doch ist einiges anders.

Betrachten wir zunächst die soziale Differenzierung: Wir sehen also in dem Dorf drei Gruppen, nämlich

die Bauern, die zugleich Händler und damit sicherlich die mächtigsten Mitglieder der Gemeinschaft sind,

die Handwerker, die in kleinen und bescheidenen Häusern arbeiten und wirtschaften, was auch so bleiben wird, denn um aus den Kleinbetrieben Industriewerke zu entwickeln fehlen hier die Voraussetzungen,

und schließlich sind all diejenigen zu nennen, die mit der Schifffahrt, also dem Transport von Waren zu tun haben, nämlich die Seeleute und die Händler, eine durchaus bunte Gesellschaft, deren wirtschaftliches und politisches Gewicht immer mehr zunimmt.

Die Kirche steht abseits auf einer eigenen Wurt, die höher ist als diejenige des Dorfes (was bedeutete, dass zum Weihnachtsfest des Jahres 1717, als ganz Butjadingen überflutet war, nur in Blexen ein Gottesdienst gefeiert werden konnte). Die Position ist durchaus symbolisch zu verstehen: sie ist das ganz Andere – Ausdruck der Sehnsucht nach Frieden und Geborgenheit, welche die Menschen in der gesellschaftlichen Realität nicht fanden, wohl aber in der Hinwendung zu Gott. Wie schmerzlich müssen sie es empfunden haben, als irgendwann im 12. Jahrhundert diese Oase der transzendentalen Hoffnung, aus welchen Gründen auch immer, zerstört wurde. Indes: man schuf Ersatz aus Stein, der Ausdruck der Ewigkeit war. Da man aber noch keine Ziegel brennen konnte, schaffte man das Material entweder aus dem Rheinland oder aber von der Oberweser heran, was sehr mühselig und kostspielig war, aber man unterzog sich der Mühe, denn eine solche Kirche ist für die Menschen in einer Welt, in der alles einem raschen Wandel unterliegt und eine Katastrophe der anderen folgt, der Garant, dass es eine göttliche und damit dauerhafte Ordnung gibt, der sich der Einzelne anvertrauen kann. Diese Gewissheit – man möge mir verzeihen, dass ich so allgemein bleibe – bot bereits die germanische Religion, aber sie gewährte auch das neue Christentum, das von Blexen aus in Butjadingen verbreitet wurde. Darüber hinaus aber brachten die Priester, die in Friesland wenigstens ursprünglich von den Gemeinden gewählt und nicht vom Bischof ernannt wurden, einen Gedanken ein, der von großer Bedeutung war, nämlich diejenige, dass es eine von Gott verordnete übergeordnete Rechtsordnung gebe, der alle Menschen unterworfen sind. Gewiss: die Priester hatten nicht die Macht, die Idee, welche die Römische Kirche aus der Antike tradiert hat, auch tatsächlich durchzusetzen, aber sie konnten den Bauern und Händlern sozusagen einen Spiegel vorhalten, der ihnen zu denken gab. Und da sie an Streitigkeiten nicht beteiligt waren, durften sie zwischen den Parteien hin und hergehen, Kompromisse aushandeln und das Ergebnis der Verhandlungen schriftlich festhalten. Die Katholische Kirche hatte also zwei wichtige Funktionen: zum einen bot sie den Menschen bei allem, was geschah, Trost und Hoffnung, und zum andern mahnte sie zum rechtlichen Handeln und schuf damit die Basis zu einem Leben in einer größeren Gemeinschaft.

Und das war durchaus nötig.

Denn die Friesen, wie übrigens die Germanen überhaupt, folgten eigentlich einer ganz anderen Vorstellung: Sie gingen von dem „Ganzen Haus“ aus, wie ich die Produktions- und Konsum-Einheit nennen möchte, die wir zunächst im Falle der Feddersen Wierde kennen gelernt haben, und die wir jetzt in der Gestalt des Marschhofes wiederfinden. Dessen Chef stand natürlich nicht allein, zumal er ja gelegentlich etwas einhandeln, also auch Ware anbieten musste, aber er trat dem Nachbarn als ein gleichberechtigter Mann gegenüber, mit dem er einen Vertrag abschloss. Man hat den Agrar-Unternehmer der Marsch gelegentlich als „Königlichen Bauern“ bezeichnet, weil er nur den Himmel über sich, den Klei unter sich und den Nachbarn neben sich habe, was für das Mittelalter, von dem wir hier handeln, sogar zutrifft. Immerhin: der Nachbar war da und mit ihm musste und wollte man sich verständigen. Wenn nun solche Übereinkünfte mehrere Partner einschließen und dauerhaft bestehen, sprechen wir von einer Genossenschaft – und das war die höchste Form der gesellschaftlichen Organisation, zu der sich die Küstenbewohner aufschwingen konnten. Die Schwäche eines solchen Verbandes besteht darin, dass die Teilnahme im Prinzip freiwillig ist, also keine übergeordnete Instanz besteht, die Regeln verfügen kann. Aus einem Vertrag kann aber jeder entweder freiwillig ausscheiden oder aber zwangsweise ausgeschlossen werden, was beides schwer fällt, weil wir es ja mit Grundeigentümern zu tun haben, die, jedenfalls damals, ihr Vermögen nicht unter den Arm nehmen und so verschwinden konnten. Da aber im Prinzip alle gleichberechtigt waren, nur dass die Reichen über mehr Möglichkeiten verfügten, ihre Interessen durchzusetzen, konnte man Sanktionen gegen den, der über ein großes Vermögen und ein entsprechendes Ansehen verfügte, sich aber sozial schädlich verhielt, schwer durchsetzen, kurzum: es fehlte die ordnende Hand der Obrigkeit, die ihre Autorität von einer Instanz ableitet, die nicht infrage gestellt werden kann, also von Gott. Gewiss: Man konnte zusammenkommen – und das tat man auch -, um gemeinsame Probleme zu erörtern und Konflikte zu schlichten, ja, die Vollversammlung der Bauern erließ sogar Gesetze (sogenannte „Willküren“), wer aber wollte, wenn wir wieder vom Fall Blexen ausgehen, etwa den größten Grundherren des Dorfes anklagen oder gar zur Rechenschaft ziehen, wenn es keine Polizei gab und vor allem niemanden, der befugt war, sie auch einzusetzen? Das Recht war zwar, dank der Kirche, als Idee vorhanden, aber nicht verbindlich – und die Folge war eine nur mühsam gebändigte Anarchie, in der es zwar viele Übereinkünfte gab, dennoch aber ebenso viel Streit, der mit Gewalt ausgetragen wurde, wobei man dann vielfach das Ergebnis als ein Gottesurteil akzeptierte.

Wir haben es also in der Marsch keineswegs mit einer Demokratie zu tun, was man sich stets vor Augen halten muss, wenn man sich die Ereignisse der folgenden Jahrhunderte vor Augen hält, sondern mit einer Gesellschaft, in der die Reichen und Mächtigen bestrebt waren, immer wieder einen internen Ausgleich zu suchen und zugleich die gemeinsamen Interessen wirksam nach außen zu vertreten, während denjenigen, die weder reich noch mächtig waren, allenfalls dann eine Überlebenschance hatten, wenn sie sich einem der großen bauern anvertrauten, der sie dann zwar schützte, aber auch ausbeutete. Dabei rede ich keineswegs von den Armen, wohl aber von denjenigen, die vielleicht eine kleine Hütte ihr eigen nannten und von dem Ertrag ihres Handwerks, einer kleinen Parzelle oder des Fischfangs lebten. Diejenigen, die nicht einmal das besaßen, verdingten sich vielleicht als Knechte oder aber versuchten, auf der Straße als Bettler oder Räuber eine Weile zu überleben,, bis sie entweder verhungert oder erschlagen waren – wer fragte schon nach ihnen?

Das Ergebnis dieser sehr fragilen sozialen Struktur war die Konsular-Verfassung der Friesen, die wir zwar nur sehr unvollkommen kennen, aber deren Umrisse doch deutlich genug werden. So ist, denke ich, zunächst verständlich, dass die Friesen es zu ihrem Unglück nie geschafft haben, eine gemeinsame politische Vertretung zu bilden. Ihre höchste politische Einheit war der Gau, der wiederum in Viertel zerfiel, an deren Spitze jeweils vier „Redjeven“, also Ratgeber, standen. Warum die Zahl „Vier“ eine solche fundamentale Rolle im friesischen Recht spielte, kann ich nicht sagen – es ist einfach so. Der Titel der Männer, die sozusagen die Regierung eines Gaus bildeten, sagt indes schon, dass ihre Stellung sehr schwach war. Nun will es der sozialromantische Mythos, dass diese „Ratgeber“ gewählt wurden, aber dabei dürfen wir uns kein modernes Verfahren vorstellen. Auch die römischen Kaiser wurden ja bis 1806 „gewählt“, aber das „Wahlrecht“ besaßen nur die Kurfürsten – alle anderen schauten zu. Und ähnlich wird es in Friesland gewesen sein: Nicht jeder konnte an der Abstimmung teilnehmen und schon gar nicht jeder gewählt werden. Wer als Ratgeber das Land vertreten wollte, musste sicherlich reich sein, dann aus einer angesehenen Familie stammen und schließlich ein gewisses Durchsetzungsvermögen haben. Der Kreis der Kandidaten war also sehr klein und seine Wirkungsmöglichkeiten hingen vermutlich sehr von der natürlichen Autorität eines Ratgebers ab – wir werden uns daran erinnern, wenn wir die spätere Entwicklung betrachten. Das alles klingt nicht so, als ob die Friesen in ihrer politischen Arbeit sehr effektiv gewesen wären – und doch hat diese Gesellschaft eines der erstaunlichsten Bauwerke der Menschheit zustande gebracht – ich meine: die Deiche.

Denn die Flut stieg wieder an.

Von den frühesten Katastrophen, die über das Land hereinbrachen, haben wir keine Nachrichten. Wann etwa ist der Hohe Weg verloren gegangen? Man findet gelegentlich auf dieser großen Wattfläche noch Spuren von vergangenen Siedlungen. und eine Sage teilt mit, dass irgendwann einmal ein kupfernes Siel bei Mellum, wo sich auch eine Burg befunden haben soll, von einer Flut zerbrochen wurde, die dann das ganze Land unter sich begrub. Bis dahin lebten dort die Herren vom Hohen Weg, die unermesslich reich und entsprechend frech waren, so dass sie für ihre Sünden mit dem Untergang bestraft wurden. Das alles mag die Butjadinger Variante der Rungholt- oder Vineta-Sage sein und hat sicherlich, wie diese, einen wahren Kern. Ich denke, dass der Hohe Weg überflutet wurde, als man weder Deiche noch Wurten baute, und als es noch keine schriftlichen Überlieferungen gab – aber wann mag das gewesen sein?

Doch wenden wir uns wieder unserer historischen Marschlandschaft zu. Zunächst genügte es ja aus, dass die Menschen, wie seinerzeit die Bewohner der „Feddersen Wierde“, Wurten aufschichteten, also ihre Wohnplätz erhöhten, aber nach zweihundert Jahren reichte das nicht mehr aus. Man schützte also zunächst die unmittelbare Dorfmark durch Ringdeiche, wie sie rings um Isens in Butjadingen oder um Heppens im heutigen Wilhelmshaven nachgewiesen wurden. Sie hielten wenigstens die Sommerfluten fern, aber als das Wasser weiter stieg, musste man sich dazu verstehen, Dämme aufzuschütten, die das Land auch im Winter gegen das Meer schützten. Nun lehrt die historische Erfahrung, dass überall dort, wo solche Regulierungsmaßnahmen notwendig waren, Zentralregierungen entstanden – so in Ägypten und in China, nur in Friesland blieb man zunächst bei der genossenschaftlichen Organisation. Man einigte sich also dahin, dass jeder, der durch die Flut betroffen war, für das Stück des Deichs zuständig wurde, das sein Grundstück berührte, wobei einleuchtet, dass dann, wenn jeder seine Pflicht tut, eben der „Goldene Ring“ entsteht, der so gern besungen wurde. Indes: die Dinge lagen nicht so ideal, denn natürlich gab es auch unter den Friesen Faulpelze, die nicht einsahen, dass sie sich um den Schutz des Landes kümmern sollten, andere waren zu arm, um Schäden auszubessern, wieder andere zu reich, als dass man sie zur Verantwortung hätte ziehen können– kurzum: Wir dürfen uns die Verhältnisse nicht allzu harmonisch vorstellen. Die Entwicklung lehrte, dass die genossenschaftliche Organisation des Deichbaus nicht ausreichte, um das Land verteidigen.

Aber gehen wir noch einen Schritt zurück und beantworten zunächst die Frage, warum die Menschen überhaupt an dem Land festhielten und nicht, wie die Bewohner der Feddersen Wierde, auswanderten. Nun: wohin hätten sie sich wenden können? Damals, vor einem reichlichen halben Jahrtausend, standen den Germanen vom Festland die britischen Inseln offen, nachdem sie von der römischen Armee geräumt worden waren, aber dorthin konnten sich die Friesen jetzt nicht mehr wenden. Allerdings hätten sie, wie andere, nach Osten ziehen können, um sich dort eine neue Heimat zu suchen, aber sie taten es nicht, denn die Marsch florierte wirtschaftlich enorm, zumal die Friesen eine Ware anbieten konnten, die überall heiß begehrt war, nämlich Tuche, die aus der Wolle der Schafe gewebt wurden, welche überall in der Marsch grasten (und noch heute grasen). Wir können uns vorstellen, dass überall in den Häusern der Marsch Webstühle standen mit deren Hilfe die Frauen die begehrten Textilien produzierten, denn es gab natürlich noch keine Fabriken, aber so klein die Mengen, die so zustande kamen, aus unserer Sicht auch gewesen sein mochten – damals bildeten sie die Grundlage eines enormen Reichtums, von dem heute allerdings nicht viel mehr übrig geblieben ist als das eine oder andere unscheinbare Stein-Gewicht, das einmal an den Geflechten der Webstühle hing, irgendwann verloren ging und dann in unserer Zeit wieder aufgefunden wurde.

Man kann sagen, dass die Marsch just im 12. und 13. Jahrhundert ihre große Zeit erlebte, wie wir heute noch an den mächtigen Kirchenbauten ablesen können. Dabei war es den Menschen lange Zeit schlecht gegangen, denn von Norden her waren immer wieder die Wikinger auf ihren schnellen Schiffen aufgetaucht, mit denen sie tief ins Land eindringen konnten, wo sie alles stahlen, was sich nur mitnehmen ließ, und Tod und Verderben zurückließen. Wirklich? Wieder dürfen wir uns die Verhältnisse nicht so einfach vorstellen – natürlich kam das vor, aber ebenso oft, auf die Länge der Zeit auch öfter, mag es zu einem friedlichen Warenaustausch gekommen sein, wie überhaupt Raub und Handel sehr oft ineinander übergingen, wie es eben die Gelegenheit ergab. Indes: Diese Zeiten waren vorbei. Die Wikinger waren ausgeblieben, und die Friesen, die sich in der Seefahrt auskannten, beherrschten nun den Handel, so weit er über die See ging, und vertrieben so ihre begehrten Tuche. Dabei wurden sie sehr reich, wie wir den Kirchen der Zeit, so weit sie erhalten blieben, noch heute ansehen können. Dabei blieb die dörfliche Struktur der Gaue erhalten, denn noch waren die Schiffe klein, noch nahmen die flachen und trägen Flussarme sie auf, noch gab es in Blexen, Langwarden, Aldessen und Varel, um bei dieser Gelegenheit die vier Hauptkirchen Rüstringens zu nennen oder Jever, das damals bereits eine wichtige Rolle spielte, Anlegestellen und Marktplätze, wo die Händler die Waren lagern und anbieten konnten – die Friesischen Seelande, und unter ihnen der Gau Rüstringen an der Wesermündung – erlebten im Hohen Mittelalter ihre Goldene Zeit – und den Status sollte man aufgeben, um ungewisser Chancen im Osten willen? Natürlich nicht!

In dieser Zeit, denke ich, entstand jener Typ des Marschbauern, der für die Küste typisch wurde – der breite, selbstbewusste Mann, der mit dem Kluwstock, mit dessen Hilfe er über die Gräben springt, sein Gesinde und sein Vieh beaufsichtigt und der sich vor allem als Unternehmer versteht, der kauft und verkauft und stets den Gewinn im Auge hat – nichts weiter, denn der einzige Maßstab, den er kennt, ist das Geld, das Vermögen. Noch Pastor Ibbeken rühmt zum Ende des 18. Jahrhunderts den Butjadinger Bauern nach, dass jeder, der es zu Vermögen gebracht habe, egal ob durch Erbschaft oder durch eigene Leistung, von ihnen als gleichberechtigt anerkannt werde, natürlich mit der Folge, dass derjenige, der es verliert, auch egal ob durch einen Schicksalsschlag oder durch das Spiel oder den Suff, zwei weitverbreitete Übel in der Marsch, ebenso gnadenlos fallengelassen wird. Der Name allein, wie das beim Feudaladel der Fall war, zählt in diesem Kreis nicht. Natürlich legt ein solcher Unternehmer Wert auf seine Selbständigkeit, weswegen er das, was wir als die „Friesische Freiheit“ bezeichnen, auch zäh verteidigt und zwar, wie wir noch sehen werden, durchaus mit Erfolg. Dieser Bauer ist nicht in seinem dörflichen Kleinklein gefangen, sondern weltläufig, wie in der Blexer Kirche dokumentiert ist. Dort sieht man noch heute über dem Sakramentenschrein in einem Relief aus dem 15. Jahrhundert das Martyrium des hl. Dionysios und zwar in einer Landschaft, die keineswegs nach Norddeutschland gehört, sondern dahin, wo der Heilige zu Hause war, nämlich nach Italien, denn der Künstler hat Felsen dargestellt und Bäume, die ich als Pinien deuten möchte. Man wusste also, wie es am andern Ende Europas aussah, denn man war dort gewesen oder man kannte jemanden, der das ferne Land gesehen hatte, jedenfalls schaute man über den Tellerrand.

IV.

„... bis kein Koben mehr aufrecht stand“

Gewiss: aus heutiger Sicht lebten die Menschen an der Küste – wie überall – im 12. und 13. Jahrhundert elend genug: Wir wären, würden wir in jene Epoche zurückgezaubert, entsetzt sein über die Lebensverhältnisse – über den unglaublichen Schmutz in den Häusern, den widerlichen Gestank, der von dem Mist ausging, der überall lag. Natürlich waren die geflochtenen, mit Lehm verschmierten Wände nicht dicht, so dass es durch die vielen Ritzen zog wie Hechtsuppe. Und wer den geschützten Bereich des eigenen Hauses oder gar des heimischen Dorfes verließ, setzte sich einem enormen Risiko aus, denn meinten es diejenigen, die einem entgegenkamen, mit Einem gut oder waren es Feinde? Ganz sicher handelte es sich um Räuber, wenn eine Bande aus dem Gebüsch losbrach oder wenn auf See an einem Schiff die schwarze Flagge der Seeräuber am Mast aufstieg. Und selbst wenn ein privater Streit in der Familie oder zwischen einzelnen Gruppen mit Mord und Totschlag endete, dann gab es mit Sicherheit oft genug keinen Richter, der den Konflikt schlichtete. Vor allem aber: wer krank wurde, legte sich in einen Winkel und wartete, bis er gesund wurde oder starb, denn Ärzte und Medikamente gab es nicht, kurzum: die Menschen führten aus unserer Sicht ein Leben, das wir keinem Hund mehr zumuten würden – aber sie wohnten in einem haus und wurden jeden Tag satt, und das war mehr, als jene von sich sagen konnten, die „im Elend“ lebten, also nicht den Schutz einer Gemeinschaft genossen, kein Dach über dem Kopf hatten und die, wenn sie nichts erbetteln oder stehlen konnten, hungerten und oft genug auch irgendwo am Wegesrand namenlos verhungerten und so aus der Geschichte verschwanden. Dieses menschliche Strandgut dürfen wir, wenn wir vergangene Verhältnisse betrachten, niemals vergessen, auch wenn es wenig oder gar nicht in Erscheinung tritt – eigentlich erst dann, als man für das Lumpenproletariat, wie Karl Marx die Elenden verachtungsvoll genannt hat, eine gesellschaftlich sinnvolle Verwendung gefunden hatte, und das war 19. Jahrhundert der Fall, als man für die riesigen Verkehrsbauten, die Eisenbahnlinien, die Häfen und die steinernen Chausseen noch keine Maschinen zur Verfügung hatte, als man Hände brauchte, an denen Menschen hingen – erst dann begann das, was wir heute als Sozialpolitik bezeichnen. Bis dahin gab es allenfalls milde Gaben mancher Mönche und später, nach der Reformation, vielleicht einen Zehrpfennig aus dem Armenkasten des Kirchspiels, aber in der Regel nicht einmal das.

Natürlich waren die Menschen auch in jenen Tagen mit ihrer Situation nicht zufrieden. Deshalb richteten sie ihre Hoffnungen auf einen Himmel, der ihnen in ihrer Kirche bereits, ein bisschen jedenfalls, realisiert zu sein schien, denn hier sahen sie Gott-Vater mit den Heiligen im Gewölbe, wohnte vor allem der Christus als der Heiland – „Jesus“ ist schließlich derjenige, der „einen Ausweg weiß“, so die Bedeutung des hebräischen Wortes -, der sie ins Paradies führen würde, und darüber hinaus arbeiteten sie zäh, wenn auch langsam, an einer Verbesserung ihrer konkreten Verhältnisse, wie wir aus den technischen Fortschritten sehen können, die in dieser Zeit zu verzeichnen sind. Wichtig wurde vor allem, dass man von den Zistersienser-Mönchen in Hude lernte, aus Lehm Ziegel zu brennen. Man war damit nicht mehr auf die Einfuhr von Steinen aus dem Rheinland oder von der Oberweser angewiesen und konnte also auch private Häuser aus Steinwänden errichten, die dauerhaft und vor allem dicht waren. Und der allgemeinen Unsicherheit suchte man durch „Willküren“ zu begegnen, auf die sich die Landesgemeinden einigten und die es erlaubten, wenigstens in dem einen oder anderen Falle Konflikte zu schlichten, was übrigens recht gut funktioniert haben muss. Das sehen wir an den mittelalterlichen Kirchen, die ja gelegentlich in ihren Dimensionen weit über den eigentlichen Bedarf hinausgingen und deshalb im 19. Jahrhundert teilweise oder ganz abgebrochen wurden. So war das immer noch sehr große „Gotteshaus“ von Langwarden einmal eine Kreuzkirche, deren beiden Seitenflügel man später, als der Bau seinen Symbolcharakter verloren hatte und zum schlichten Versammlungsort der Gemeinde reduziert war, abriss, zugleich verkürzte man sie erheblich, während man in Burhave wie auch in Esens den mittelalterlichen Bau ganz abriss und durch ein neugotische Häuser ersetzte. Damals, in der großen Zeit der Friesen, hatte man ein ganz anderes Verhältnis zu den Stätten, in denen, nach mittelalterlicher Auffassung, immerhin Gott wohnte: Man plante und baute an ihnen viele Jahre, manchmal sogar Jahrzehnte und in dieser Zeit musste man Geld aufwenden, Steine bestellen und beschaffen, dann auf die Baustellen bringen, einfügen – kurzum: die Kirchen lehren uns, dass die sozialen Beziehungen damals über weite Strecken hinweg sehr fest geknüpft gewesen sein müssen und dass nicht die Störungen die Regel waren, die uns heute beschäftigen, sondern die friedliche Zusammenarbeit der Menschen.

Das änderte sich im 14 Jahrhundert. In dieser Zeit beenden Naturkatastrophen, wirtschaftliche Krisen und schließlich politische Niederlagen die Epoche der Friesen in der Marsch an der Unterweser. Wir wollen die Faktoren der Reihe nach durchgehen:

Zunächst ist es offenbar um 1350 zu einer entsetzlichen Seuche gekommen, der die Menschen in großer Zahl zum Opfer fielen. Almut Salomon zitiert Urkunden, in denen von der Katastrophe die Rede ist. Sie schreibt: „Wenn de Beeste, die Rinder, herrenlos auf den Weiden gingen, dann heißt das, dass ganze Familien gestorben sind, ohne nähere Erben zu hinterlassen Es dürfte klar sein, dass diese Katastrophe auch einen wirtschaftlichen Zusammenbruch zur Folge hatte. Es dauerte vermutlich lange, bis der für die Marsch lebenswichtige Handel sich wieder eingespielt hatte und bis für alle entsprechenden Höfe neue Heuerleute gefunden waren, die auch Heuer bezahlen konnten. Für Bremen, eine wichtige Handelspartnerin der Friesen, konnte festgestellt werden, dass sich Konsum, Produktion und Handel erst langsam auf niedrigem Niveau wieder einpendelten.“2 Und dieser Rückschlag hatte nach Ansicht derselben Autorin diese Konsequenz: „In der Marsch kommt noch hinzu, dass der Menschenmangel notwendigerweise zu einer Vernachlässigung der Deiche führen musste. Die letzte Flut, die schon große Landverluste verursacht hatte, lag noch nicht sehr lange zurück (Clemensflut vom 23. 1. 1334). Es ist durchaus fraglich, ob die Marcellusflut vom 16. 1. 1362 auch so verheerende Auswirkungen gehabt hätte, wenn nicht das große Peststerben vorangegangen wäre.“3

Dem möchte ich zustimmen, indes müssen wir noch eine Weile bei den Fluten verweilen. Dass das Meer an der Küste nagte, war eigentlich nichts Neues und konnte zunächst einmal nicht so gravierende Folgen haben. Wir können den Vorgang später genauer verfolgen, etwa am Beispiel des alten Dorfes Waddens, das ja nicht mit einem Schlag im Meer versank, sondern in einem Prozess, der sich über vierzig Jahre hinzog. Man hatte also lange Zeit, sich zu entscheiden, ob man entweder das Dorf besser sichern oder aber eine Alternative suchen wollte, wobei man in diesem Falle das Letztere wählte, indem man die alte Heimat den Wellen überließ und nach Brüddewarden umzog. Ebenso vollzog sich – drei Jahrhunderte früher – der Untergang Aldessens, das im Jahre 1428 zum letzten Mal erwähnt wurde und irgendwann danach im Jadebusen verschwunden ist, während die Bewohner sich in Eckwarden neu ansiedelten. Die Katastrophe der großen Mannstränke (Frauen zählten damals nicht) von 1362 hatte, so jedenfalls lautet eine Interpretation der damaligen Ereignisse, deshalb eine andere Dimension, weil bei dieser Gelegenheit (oder in ihrem Zusammenhang) die Flut durch den Wall der Hohen Marsch gebrochen war und das dahinter liegende Moor ausräumte, so dass innerhalb relativ kurzer Zeit der Jadebusen entstand, der damals noch sehr viel größer war als er heute vor uns liegt. Das Meer drang tief in das Land ein und erreichte in immer neuen Anläufen, die bis 1511 andauern, die Friesische Wehde bzw. Neustadt-Gödens oder Friedeburg in Ostfriesland, während es zugleich den bisherigen Gau Rüstringen zerriss und im Osten das heutige Butjadingen ebenso zur Insel machte wie das heutige Stadland, kurzum: die geographischen Verhältnisse wurden geradezu revolutioniert. Die Konsequenz einer solchen Katastrophe war natürlich zunächst einmal, dass Familien, die bislang reich und einflussreich waren, plötzlich ihr gesamtes Vermögen, das ja nicht in Geld angelegt war, wie das heute der Fall wäre, sondern in Grundbesitz und Vieh, mittellos dastanden und ihren Verpflichtungen nicht mehr nachkommen konnten, will sagen: sie waren nicht mehr in der Lage, die verwüsteten Deiche zu erneuern oder auch nur reparieren und mussten, so verlangte es das Friesische Spaten-Recht, das Land verlassen, was einem Todesurteil gleichkam. Das war die eine Seite der Medaille. „Es gab aber auch Leute, die profitierten – das waren die Erben, besonders wenn Einzelne oder nur wenige aus einem Familienverband überlebten. Untersuchungen in anderen Regionen haben ergeben, dass die Pest zu bemerkenswerten Kapitalkonzentrationen geführt hat. Wie Zinn bemerkt, dürfte es sich um die in der europäischen Geschichte größte interpersonelle Vermögensumverteilung in so kurzer Zeit gehandelt haben’. Vermutlich machte Friesland da keine Ausnahme. In armen Familien konnte natürlich auch ein einzelner Überlebender nicht reich werden. Ganz anders sah das aber in vermögenden Familien aus, sodass mit einer Zunahme der sozialen Unterschiede zu rechnen ist, auch innerhalb einer Schicht.“4

Die Seuchen (ich denke, dass wir hier durchaus im Plural reden dürfen) und die steigenden Fluten bewirken also nicht nur enorme materielle Schäden, sondern darüber gewaltige soziale Umschichtungen, indem sie zunächst das Land entvölkerten und dann die Überlebenden teils ins Elend stießen, teils aber reich machten, wie des Schicksals Lose halt fielen. Hinzu kam aber noch etwas, nämlich eine schleichende Neustrukturierung der Wirtschaft, die ich hier, wenn auch nur als Hypothese, so erläutern möchte: Wenn wir zu den Wikingern zurückkehren, dann sehen wir diese wackeren Seefahrer auf offenen Boten ankommen, die zwar auch mit Hilfe eines Segels bewegt wurden, aber in den engen Prielen der Küste gerudert werden konnten. Auf diesen Nussschalen erreichten die Nordmänner nicht nur die Küsten Nordeuropas, sondern fuhren damit, die Küsten entlang, durch die Straße von Gibraltar bis nach Sizilien, wo sie einen sehr modernen Staat aufbauten, und sie entdeckten Nordamerika, was sie allerdings hinterher vergaßen. Natürlich kehrten sie nicht immer zurück. So ist beispielsweise überliefert, dass ein Wikinger von Kaiser Ludwig dem Frommen in Friesland zum Grafen ernannt wurde. Wir dürfen also davon ausgehen, dass es Schiffsmannschaften gab, die im Lande blieben und hier sesshaft wurden, und dass die Friesen von ihnen lernten, wie man so seetüchtige und schnelle Boote baut. Sie waren es denn auch, die den Typ weiter entwickelten, also größer machten, mit einem Deck und Aufbauten versahen – natürlich mit der Folge, dass der neue Schiffstyp – ich spreche von der mittelalterlichen „Kogge“ – nicht mehr gerudert werden konnte, sondern immer gesegelt werden musste. Mit solchen Schiffen konnte man nicht nur längere Strecken zurücklegen, sondern auch größere Massen transportieren – aber es war nicht mehr möglich, an jedem friesischen Anlegeplatz festzumachen. Überdies ließen sich die so transportierten Waren nicht mehr in Dörfern sicher stapeln. Man brauchte also ummauerte Städte als Stützpunkte, die zugleich als ergiebige Märkte dienten. Der Fernhandel entglitt damit den Dorfbewohnern und geriet in die Hände der Städte – in unserem Falle konkret: Bremens und Emdens -, und den Dörfern blieb nur der lokale Verkehr, wie er eben mit flachen Booten zu bewältigen war, welche die Priele und Tiefs der Marsch befahren konnten. Für Butjadingen, Stadland, aber auch das Jeverland kam noch ein Weiteres hinzu: Da es ja keine großen Fabriken gab, die friesischen Tuche also wintertags auf den Höfen ein einzelnen Webstühlen produziert wurden, bedeutete der enorme Verlust an Menschen und Land, dass die Produktion notwendig zurückging, die Gaue an der Wesermarsch faktisch als Lieferanten der begehrten Ware ausfielen. Friesland fiel also wirtschaftlich zurück, während die Städte, an der Weser vor allem Bremen, aufstiegen. Und zugleich versuchten die Feudalherren, und nun spreche ich von den Grafen von Oldenburg und den (späteren) Grafen von Ostfriesland, ihre Hände auf die Länder zu legen, die ihrer Ansicht nach herrenlos waren. Die vielfachen Rückschläge, welche die Friesen erlitten hatten, boten also den Anlass, eine politische Krise, die schon seit langem schwelte (und die zum ersten Male im Falle Stedingens zum Ausbruch kam) , zu aktualisieren. Das Problem lässt sich so skizzieren: Befehle kann jeder Räuberhauptmann geben – er muss nur in der Lage sein, sich in seiner Gruppe durchzusetzen. Anders sieht es aus, wenn Gruppen ihre Beziehungen durch Verträge regeln – in dem Falle bedarf es der gegenseitigen Übereinkunft. Gesetze schließlich müssen legitimiert sein und zwar durch eine Instanz, der keine andere mehr übergeordnet werden kann. Wenn wir uns noch einmal die sozialen Verhältnisse Frieslands vor Augen führen, dann können wir davon ausgehen, dass auf den Höfen die traditionelle Befehlsgewalt des Bauern genügte, um die Dinge zu regeln. Im übrigen, so sagte ich, verließen sich die Menschen, wie im germanischen Kulturkreis üblich, auf vertragliche Regelungen, aber es gab keine Gesetze, wie etwa die Thora der Juden oder die Zwölf-Tafeln der Römer, und demzufolge auch keine Instanz, die den einzelnen Gruppen vorgeordnet war, und im Streitfall urteilte, also entschied, was rechtens war. Das war der Zustand, wie er vor der Christianisierung bestand und noch lange Zeit, wenn wir ehrlich sind: bis heute, nachwirkte, aber seit der durchaus gewaltsamen Missionierung durch die Franken entsprach das in keiner Weise mehr den Vorstellungen der mächtigen Familien, vor allem war die Anarchie der Sippen nicht mehr in Einklang mit der Wirtschaftsverfassung Europas zu bringen. Deshalb – und natürlich auch aus anderen Gründen, die ich hier nicht erörtere – wandte man sich einer anderen Weltsicht zu, die besagte, dass Gott (nicht ein, sondern der Gott) die Welt regierte, aber seine Kompetenz auf zwei Instanzen, auf „zwei Schwerter“, wie man in Anspielung auf das Lukas-Evangelium formulierte, delegiert hatte, von denen das eine – nämlich der Papst – die geistlichen Verhältnisse regelte, das andere – der Römische Kaiser – hingegen die weltlichen. Beide übten ihre Befugnisse über Beauftragte aus, die man im Falle des Papstes als Bischöfe bezeichnete, im Falle des Kaisers als Grafen. Theoretisch waren also (und zu Karls des Großen Zeiten auch praktisch) die europäischen Gesellschaften bis ins letzte Dorf durchstrukturiert. Auch in Friesland hatte es Grafen gegeben, nur konnten sie sich nicht durchsetzen und waren infolgedessen vergessen worden. Wenn also jetzt die Grafen von Oldenburg und Ostfriesland im Falle der Marsch an der Jade und Weser, der Erzbischof von Bremen im Falle der Wurster Friesen und der König von Dänemark im Falle der Ditmarscher den Anspruch erhoben, dass diese Länder eigentlich ihnen gehörten, so befanden sie sich prinzipiell im Recht. Natürlich hätten die Friesen gegen das Prinzip des Feudalrechts, das auf dem „Gottesgnadentum“ beruhte, sozusagen das Selbstbestimmungsrecht ihrer Gaue geltend machen können, nur ein solches hätte vorausgesetzt, dass man die Legitimität des eigenen Anspruchs nicht auf einen persönlichen Gott, sondern auf ein abstraktes Prinzip – etwas das der „Menschenrechte“ oder „des Selbstbestimmungsrechts der Völker“– hätte zurückführen müssen, aber dazu war man im Mittelalter noch nicht in der Lage. Dennoch ergab sich hier ein innerer Widerspruch in dem damaligen feudalen Recht, der in einer fernen Zukunft von großer Bedeutung werden sollte, denn wir haben es mit zwei unterschiedlchen Sozialverbänden zutun:

Ich habe eben dargelegt, dass sich in den Marschen durch die Sturmfluten und durch Seuchen eine enorme Kapitalkonzentration in den Händen weniger Familien ergab, an die sich sog. „Freundschaften“ anschlossen, deren Mitglieder zwar formal frei waren, tatsächlich aber die Klientel des Hovetling bildeten. Das waren also Personalverbände, die noch kein Territorium abdeckten, das man sich nicht vorstellen konnte. Um das deutlich zu machen, sei dies Beispiel genannt: Wenn Hoffmann von Fallersleben im Deutschlandlied dichtete „von der Maas bis an die Memel, von der Etsch bis an den Belt“, dann meinte er im 19. Jahrhunderte eine Fläche, die von den genannten Flüssen begrenzt war, während Walter von der Vogelweide in der entsprechenden Passage seines Liedes den Weg beschrieb, den er zurückgelegt hatte, denn die Wege kannte man – Länder hingegen nicht. Doch zurück zu dem Sozialverband der „Freundschaft“: Da nun staatliche Strukturen, wie sie etwa in der Römischen Republik gegeben waren und, wenn auch in rudimentärer Form, auch im Reich Karls des Großen noch gewirkt hatten, in der damaligen Gesellschaft fehlten, musste man solche entwickeln, wenn man von Organisationen abkommen wollte, die von zufälligen persönlichen Verbindungen geprägt waren. Aus diesem Grunde waren die Hovetlinge, die nichts weiter waren als Bauern mit einer kleineren oder größeren Klientel ärmerer Landbesitzer im Gefolge, geradezu gezwungen, sich Titel anzueignen oder vom Kaiser übertragen zu lassen, die ihnen Herrschaftsrechte in einem bestimmten Territorium zusprachen. Das gelang natürlich nur wenigen, nämlich den Cirksena in Ostfriesland, den Papinga in Jever und den Herren von Inn- und Kniphausen. Die Grafen von Oldenburg spielen insofern eine besondere Rolle als ihr Rang als Beauftragter des Kaisers bereit im früheren Mittelalter von niemandem bestritten wurde. Sie besaßen also, im Gegensatz zu ihren ostfriesischen Konkurrenten beispielsweise, den Titel und eigneten sich dann erst den nötigen Reichtum an, den sie brauchten, um ihren Rang auch zu behaupten.

Anders die Städte. In diesen Siedlungen regierten natürlich auch diejenigen, die das Geld hatten und das Patriziat bildeten. So weit hatte alles seine Ordnung, aber die „Vogteirechte“, also diejenigen Befugnisse, die eigentlich dem Kaiser zustanden und die dieser an einen Grafen verliehen hatte, wurden nicht von dem Oberhaupt einer Familie ausgeübt, wie das im Ammerland und in Ostfriesland, später auch im Jeverland der Fall war, sondern gehörten der Stadt als Ganzes, in deren Auftrag dann Beamte, also Bürgermeister und Ratsherren, handelten. Im Falle Bremens lagen die Dinge deswegen kompliziert, als nach dem Sturz der sächsischen Herzöge die Rechte, die eigentlich dem Grafen von Stade zustanden, von den Bischöfen von Bremen ausgeübt wurden, die aber nachundnach alle ihre Befugnisse an den Rat der Stadt übertragen hatten. Die juristische Frage lautete nun zunächst, welche Privilegien hatte der Oberhirte von Bremen tatsächlich aus der Hand gegeben und welche nicht – eine Quelle beständiger Streitereien, die auch nicht aufhörten, als das Bistum säkularisiert wurde und nun in die Hände zunächst Schwedens, dann Hannovers geriet. Diesem Disput suchte der Rat der Stadt Bremen dadurch zu entgehen, dass behauptete, dass seine Selbständigkeit nicht mit dem Erzbischof von Bremen vertraglich vereinbart, sondern vom Kaiser verliehen sei. Das ist der Sinn des Satzes, der noch heute auf dem Schild der Rolandstatue auf dem Bremer Marktplatzprangt. Wenn hier davon die Rede ist, dass der Riese den Bürgern der Stadt die Freiheit offenbar, dann damit gemeint, dass die Selbständigkeit Bremens durch den Kaiser von Gott selbst verfügt wurde, also weder von einem Grafen von Stade noch von dem Erzbischof von Bremen zugestanden wurde und damit von einer dieser Istanzen abhängig ist.

Was uns jetzt auf den nächsten Konflikt hinführt: Wenn die Vogteirechte des Kaisers aber nicht in das Eigentum einer Familie übergegangen ist, sondern den Bürgern der Stadt insgesamt gehört, dann folgt doch daraus, dass der Rat der Stadt, der sie ausübt, von eben diesen Bürgern beauftragt sein muss. In den benachbarten Grafschaften Oldenburg und Ostfriesland waren die Untertanen der Grafen zwar auch persönlich frei, konnten also kommen und gehen, wohin sie wollten, und über ihr Eigentum frei verfügen, abr sie hatten auf politische Entscheidungen überhaupt keinen Einfluss, erhoben auch keinen Anspruch darauf. Anders in Bremen: Die Menschen in dieser Stadt waren nicht Untertanen des Rates, sondern Bürger, also Mitinhaber der Vogteirechte, die Bremen gehörten. Das war aber nun ein Gedanke, der den Mitgliedern des Rates überhaupt nicht gefiel, weswegen sie, also die Funktionselite der Stadt, sich die größte Mühe gab, Gründe zu finden, die dazu führten, dass die Masse der Bremer Bürger faktisch in den rang von Untertanen gedrückt, jedenfalls von einer Teilhabe an den politischen Entscheidungen der Stadt ausgeschlossen blieben. Diese Diskussion beginnt im Mittelalter und wird, mitunter in sehr gewalttätigen Formen, dann durch die Jahrhunderte hindurch fortgeführt. Sie ist eigentlich erst durch die Revolution von 1918 beendet worden, aber geblieben ist bis heute der besondere Geist Bremens, wo eben alles anders ist.

Damit haben wir sozusagen die Bühne aufgebaut, auf der sich das Drama abspielen konnte, das im 15. Jahrhundert beginnt und zu Beginn des 16. Jahrhunderts endete. Es beginnt damit, dass die „Likedeeler“ auftauchten, Partisanen der Meere, die zunächst in der Ostsee ihr Unwesen trieben, dort aber, als sich nach einer langen Zeit der Wirren im Jahre 1397 die drei nordischen Reiche Schweden, Norwegen und Dänemark in der Kalmarer Union zu einem Großreich vereinigten, verschwinden mussten, weil sie keine Stützpunkte mehr an Land fanden. Indes: auch Segelboote können nicht ständig auf See bleiben. Irgendwann brauchen sie frisches Wasser, neue Lebensmittel und irgendwo muss der Raub gelagert und verwertet werden, kurzum: Als die Seeräuber im Ostseeraum keine Protektion durch regionale Herrscher mehr genossen und sie damit ihre Stützpunkte auf Gotland und andernorts verloren, wandten sie sich im Jahre 1398 der Nordsee zu – und hier boten sich die friesischen Gemeinden an, die ja nun, seit die Kogge die Meere beherrschte, von dem Fernhandel ausgeschlossen waren. Hinzu kam sicherlich, wie bereits gesagt, dass es nach all den Katastrophen nicht mehr genügend Weiden für die Schafe gab, die man brauchte, um die nötige Wolle zu gewinnen, aus denen man die begehrten „friesischen Tuche“ webte, und auch die Menschen, die den Rohstoff verarbeiteten. Die Grundlage der mittelalterlichen Wirtschaft war also weggebrochen, man brauchte, da man keine Kunden mehr hatte, auch keine Rücksichten mehr auf mögliche Partner zu nehmen, aber man wollte doch so gut weiter leben wie bisher. Man war also mit der reinen Subsistenzwirtschaft nicht zufrieden, kurzum: Die neue Lage gab solchen Männern eine Chance, die, wenn es darum ging, sich zu bereichern, keine Skrupel kannten. Ich spreche von den Hovetlingen.

In der Literatur werden diese Männer als „Häuptlinge“ bezeichnet, womit der friesische Ausdruck zwar richtig übersetzt ist, dennoch aber nach meiner Meinung die Sache nicht recht getroffen wird, denn unter einem „Häuptling“ verstehen wir eigentlich den Chef eines Stammes, dessen Herrschaft aber, wie auch immer, legitimiert ist – und eben das war bei den Hovetlingen nicht der Fall. Sello weist darauf hin, dass es im 14. und 15. Jahrhundert in einem Dorf durchaus mehrere Hovetlinge gegeben hat. Er nennt Beispiele:

In Rodenkirchen gab es 1367 eine unbestimmte Anzahl,

Aldessen hatte 1408 deren vier,

Langwarden 1483 acht,

Schmalenfleth 1371 zwei,

Blexen im Jahre 1385 vier, Ellwürden 1362 drei;

und Varel 1386 drei.

Nun wissen wir, dass die germanische Gesellschaft ja keineswegs egalitär war. Wer mehr besaß, galt auchmehr, aber hinzu kam sicherlich das soziale Ansehen, das bestimmte Familien im Laufe der zeit erworben hatten. Wichtig ist, dass der politische Einfluss nicht auf der Beherrschung eines Territoriums beruhte, sondern auf der Loyalität, auf die manche Clanchefs Anspruch erheben konnten. Etwas profaner ausgedrückt: Bei den Hovetlingen handelte es sich zunächst um angesehene und reiche Bauern, deren Sitze, und nun folge ich der Argumentation von Almuth Salomon, durch die katastrophalen Fluten des 14 Jahrhunderts zu attraktiven Hafenplätzen geworden waren und die nun zwar nicht mehr am Fernhandel, wohl aber am Seeraub teilnehmen konnten, entweder aktiv, indem sie von ihren kleinen Häfen aus, etwa auf der Weser, die Koggen der Kaufleute überfielen, oder als Hehler der gestohlenen Waren. Dabei stützten sie sich gerne auf die bereits vorhandenen Kirchen, die sie zusätzlich befestigten, wie auch auf Burgen, die sie sich auch bauten, wenn die Mittel dazu ausreichten. Es handelte sich also um reiche und mächtige Männer, die, wie gesagt, eine mehr oder minder große Klientel, eine „Freundschaft“, um sich scharten, mit denen sie natürlich nicht nur ihre Ländereien, sondern auch die Dörfer, die sie bewohnten, beherrschten. Solche sesshaften Räuber finden wir um 1400 in Butjadingen, aber auch auf der anderen Seite des Jadebusens – eine wahre Plage, nicht nur für die Kaufleute in den Städten, sondern auch für die übrigen Bewohner der Marsch, denn sie überfielen ja nicht nur die vorübergehenden Koggen, sondern lagen auch untereinander im Streit, wobei es oft genug um ganz persönliche Konflikte ging. So hatte Husseke Hayen, der Esenshamm beherrschte, sich von seiner Frau getrennt, was bedeutete, dass er diese nach Hause schickte. Aber sie kam nicht aus irgendeiner Familie, sondern war die Halbschwester von Edo Wiemeken, der in Bant seine Burg errichtet hatte. Die Folge war, dass dieser den Schimpf rächte, indem er im Jahre 1384 die Festungskirche seines Feindes belagerte, nahm und ihn selbst, nachdem er ihn gefangen genommen hatte, mit einem Seil in zwei Teile sägen ließ. Das waren halt die Sitten der Zeit.

Nun wäre Edo Wiemeken allein wahrscheinlich zu schwach gewesen, um seinen unartigen Schwager so zur Rechenschaft zu ziehen. Deshalb verbündete er sich mit der Stadt Bremen einerseits und einem Grafen von Oldenburg auf der anderen Seite. Damit haben wir die beiden Mächte genannt, die sich in die inneren Angelegenheiten der Marschrepubliken einmischten, wie wir heute sagen, was sie, auch das lehrt dieses Beispiel, deshalb um so leichter tun konnten, weil sich zumindest beiderseits der Jade die bisherige Konsulatsverfassung faktisch aufgelöst hatte, ohne jedoch wirklich formell aufgehoben worden zu sein. Eine Ausnahme bildet jedoch das Land Wursten rechts der Weser, das an den alten Strukturen festhielt – übrigens eine glänzende Bestätigung der Theorie von Almuth Salomon, denn hier gab es nicht die tiefen Einbrüche der Nordsee, also auch nicht die plötzlichen sozialen Umwälzungen, die links der Weser die Verhältnisse zum Tanzen gebracht hatten. Aber wir wollen in die heutige Wesermarsch zurückkehren. Die interne Anarchie lockte also äußere Begehrlichkeiten, wobei die beiden konkurrierenden Mächte, die Stadt Bremen und die Grafen von Oldenburg, unterschiedliche Ziele verfolgten. Das Interesse der Kaufleute von Bremen bestand darin, dass ihre Koggen nicht durch Seeräuber bedroht wurden, und darin waren sie sich mit den anderen Städten des Hansebundes einig. Um das zu erreichen, suchten sie, um Kosten zu sparen, sich zunächst mit den faktischen Machthabern in der Marsch zu einigen, aber sie griffen, wenn das nicht gelang, auch durchaus zur Gewalt. Die Kämpfe gegen die „Likedeler“, wie sie genannt wurden, und ihre Komplizen an Land zogen sich über das ganze 15. Jahrhundert hin, wenn auch der entscheidende Schlag bereits im Jahre 1400 gelang, als eine Flotte der Hanse eine andere der Seeräuber auf der Außen-Ems vernichtete. Im Verlaufe dieser Auseinandersetzung brachte es die Situation mit sich, dass Bremen auch territoriale Gewinne machte. So sah es um 1420 so aus, als ob sich die Stadt Butjadingen einverleiben würde, denn sie hatte sich die Festungskirche von Golzwarden angeeignet und bei Atens die Friedeburg gebaut, aber die Herrschaft brach schon vier Jahre später zusammen, als die Machthaber von Ostfriesland, Ocko tom Brok (Norden) und Fokko Ukena (Leer) in das Stadland einbrachen und sowohl Golzwarden als auch die Friedeburg eroberten. Damit war ein dritter politischer Faktor in Erscheinung getreten, und er verhinderte zunächst einmal eine Entscheidung darüber, ob das linke Weserufer bremisch oder oldenburgisch wurde. Die Folge war, dass das Gebiet, wenn ich das in der Sprache unserer Politiker ausdrücken darf, neutralisiert wurde. Praktisch bedeutete das, dass die alte Konsulatsverfassung wieder in Kraft gesetzt wurde, die Großen Familien in Butjadingen und Stadland also die Angelegenheiten des Landes gemeinsam regelten, während sie nach außen nicht mehr in Erscheinung traten, vor allem die Koggen auf der Weser in Ruhe ließen.

In den folgenden Jahrzehnten ging es nunmehr um die Frage, wer sich das Land rechts der Weser aneignen würde. Da Bremen faktisch ausschied, weil es offenbar weder die Mittel und den Willen besaß, um in dem Spiel mitzumischen, blieben als Bewerber die jeweiligen Herrscher Ostfrieslands und die Grafen von Oldenburg, wobei sich letztere schließlich durchsetzten. Das beanspruchte alle ihre Kräfte, was daraus erhellt, dass zwischen 1499 und 1514 zwei Feldzüge nötig waren, um das kleine Ländchen zu unterwerfen, wobei sie sich der Unterstützung durch einen Braunschweiger Herzog versichern mussten, der damals gerade bemüht war, seine Herrschaft auf den Nordwesten Deutschlands auszudehnen – eine für Oldenburg durchaus riskante Liaison, denn Heinrich de Quade, wie er genannt wurde, hatte sicherlich auch die Absicht, nach Butjadingen und Ostfriesland auch Oldenburg unter seine Faust zu bringen – indes: er starb rechtzeitig bei der Belagerung von Leerort in Ostfriesland, womit sich dieses Problem erledigte – einer der vielen Zufälle, an denen die feudale Geschichte Europas so reich ist. Aber selbst diese beiden Herren hätten möglicherweise die Bauern nicht bezwungen, wenn nicht kurz zuvor, im Jahre 1511, eine verheerende Sturmflut den Friesen das Rückgrat gebrochen hatte, während die Ostfriesen mit anderen Affairen beschäftigt waren und sich deshalb um die Vorgänge an der Weser nicht kümmerten. Das Ergebnis dieser Ereignisse muss entsetzlich gewesen sein, denn am Ende, so heißt es irgendwo in den Quellen, habe in Butjadingen kein Schweinskoben mehr aufrecht gestanden. Eine neue Zeit war angebrochen.

V.

Bremen – das Zentrum

Bevor wir uns wieder der Entwicklung der Marsch zuwenden, müssen wir erst einen Blick auf den Ort wenden, der sich in den folgenden Jahrzehnten zum wirtschaftlichen, jedoch nicht zum politischen Zentrum des Wirtschaftsraumes „Unterweser“ entwickeln sollte: Bremen. Der Prozess verlief sehr langsam, wobei wir bedenken müssen, dass an der Küste sicherlich seit der Jungsteinzeit Schiffahrt getrieben wurde, aber dass die Boote nicht groß und stark genug waren, um auf das offene Meer hinauszurudern oder zu -segeln. Man blieb vermutlich, da man auch kaum nach den Sternen navigieren konnte, stets hübsch in der Sichtweite der Küste, an der man allerdings über weite Strecken entlangschipperte, so dass ein Warenaustausch etwa mit dem Mittelmeer oder aber, über die Flusssysteme Russlands, mit Byzanz durchaus möglich war, aber die Mengen, die so transportiert werden konnten, blieben gering. Die Weser selbst bildete, wie gesagt, ein Delta, von dem in historischer Zeit noch vier Arme existierten, wichtiger aber war noch, dass sie im wesentlichen am Westufer des Urstromstals entlangfloss und dann erst nach und nach ihren Lauf nach Osten verlagerte, ein Prozess, der erst im 18. Jahrhundert zum Stillstand kam.

Es kann uns deshalb nicht verwundern, dass wir die ersten Dörfer im heutigen bremischen Stadtgebiet auf den Dünen antreffen, die das Sumpfgebiet der Weser begrenzten: Wie überall in vergleichbaren Lagen fanden die Menschen auch hier trockene Wohnplätze, sauberes Wasser, Bauholz für die Hütten und zusätzlich zum Wild noch Fische im Überfluss – hier konnte man also gut leben. Aber es kam noch etwas hinzu: Da man über Boote verfügte, konnte man über die einzelnen Weserarme setzen, aber auch den Strom hinunterfahren oder hinaufrudern bzw. segeln, was, wie überall und immer, dem Warenaustausch diente, und das umsomehr, als just dort, wo sich heute die Innenstadt von Bremen befindet, die Dünen relativ dicht an einen Weserarm herangerückt waren, so dass man hier mit den Schiffen anlegen konnte, ohne dann eine Strecke durch den Klei waten zu müssen. Überdies lehrte die Erfahrung, dass die Flutwelle, auf der man sich bequem von Blexen hertreiben lassen konnte, bis hierher reichte - der Ebbstrom nahm das Boot ebenso gemächlich und bequem dann später wieder mit stromabwärts -, so dass man hier einen überaus günstigen Stützpunkt vorfand. Diese Vorteile wurden noch deutlicher, als es gelang, eine Brücke über die Weser zu schlagen, die die Straße von Skandinavien kam, mit dem Rhein einerseits, mit den Niederlanden in der anderen Richtung verband, noch attraktiver machte, kurzum: es entstand genau dort, wo wir heute Bremen vorfinden, ein Verkehrsknotenpunkt – und das sollte Konsequenzen haben.

Gewiss: der Verkehr auf der Straße war noch minimal. Ich denke, dass jedes Fahrzeug, dass auf den tiefen Sandwegen hergerumpelt kam, ein Ereignis war, und die Brücke selbst wurde wohl eher von Bauern genutzt, die Äcker auf guntsiet bewirtschaften oder benachbarte Märkte besuchen wollten. Es hat einen lebhaften Gelehrtenstreit gegeben, ob die Brücke, die von der Schlachte ans gegenseitige Ufer führte, eher den Bauern diente oder aber den Kaufleuten, wobei für die erstere Annahme ins Feld geführt wurde, dass im Mittealter über 100 Dörfer der Umgebung zum Unterhalt des Bauwerks beitrugen. Ich denke, dass beides der Fall war, aber dass der Verkehr doch das wichtigste Interesse der Menschen wurde, die sich am Weserufer ansiedelten. Das aber geschah zunächst nicht an der Weser selbst, sondern an einem Seitenarm des Flusses, der heute verschwunden ist – der Balge. Hier konnten die Boote festmachen und bequen entladen werden, so dass sich am Ufer ein Markt ausbildete, der dann zur Keimzelle Bremens wurde. An diesem Platz finden wir heute das Rathaus der Stadt. Dort, wo sich jetzt der Schütting erhebt, hatten die Boote der einheimischen und fremden Händler festgemacht, während sich auf dem gegenseitigen Ufer der Balge, also auf der Insel, die von dem Weserarm und dem Strom selbst gebildet wurde und auf der sich heute die Kirche St. Martini erhebt, Handwerker ansiedelten, die dort nicht nur für den heimischen Bedarf, sondern auch für den Handel produzierten.

So weit war die Struktur der neuen Siedlung klar, aber es kam ein weiteres Moment hinzu – nämlich die Institution des Bischofs. Sein Zuständigkeitsbereich erstreckte sich zunächst auf Norddeutschland, dann aber auch auf ganz Nordeuropa. Ursprünglich unterstanden als dem Metropoliten viele einfache Bischöfe. Aber das nicht allein: eigentlich hatte er seinen Sitz in Hamburg, das natürlich sehr viel günstiger zu den übrigen Diözesen seiner Kirchenprovinz gelegen hätte als das sehr viel unbedeutendere Bremen, was uns zu der Frage führt, ob der Erzbischof an der Unterweser vielleicht seinen Rang hätte behaupten können, wenn er nicht vor den Normannen aus seiner eigentlichen Hauptstadt, eben Hamburg, geflohen wäre? Nun, wir wissen es nicht – richtig ist, dass ihm eine Diözese nach der anderen genommen wurde, bis er nackt und bloß dastand und schließlich, wiewohl er den Titel eines Erzbischofs behielt, während der Konzilien in den Reihen der einfachen Bischöfen Platz nehmen musste.

Der Bischof, der sich am Bremer Marktplatz neben dem Rathaus einen prächtigen, dem hl. Petrus geweihten Dom bauen ließ, hatte also als geistlicher Hirt seiner Diözese große Probleme – und nicht nur das. Theoretisch, so hatten wir gesehen, waren die Kompetenzen der geistlichen und der weltlichen Gewalt sehr sauber aufgeteilt, aber für die Praxis galt das natürlich nicht. Das trifft auch für Bremen zu, wo die Überzeugungskraft des Bischofs ja nicht nur von seinem Wort abhing, sondern auch von dem Geld, das er einsetzen konnte – und das war der schwache Punkt. Um in dieser Hinsicht seine Position zu verbessern, war es, wie schon dargelegt, von geradezu entscheidender Bedeutung, dass der Bremer Oberhirte das Erbe des Grafen von Stade auch wirklich für die Diözese sicherte, was ihm schließlich gelang, weil der mächtigste und auch tückischste Mitbewerber, nämlich Heinrich der Löwe, glücklicherweise in dem Konflikt mit Kaiser Friedrich Barbarossa unterlag. Indes wurde er des Gewinns nie recht froh, denn der Bischof handelte sich mit der Grafschaft Stade zwar die sog. Vogteirechte überdas „nasse Dreieck“ zwischen Weser und Elbe ein, er eignete sich also für Gebiet die Kompetenzen an, die eigentlich dem Kaiser zustanden, aber er musste sich nun gegen die Ritterschaft des Landes durchsetzen, die durchaus ihre eigenen Interessen hatten, die sie auf ihren Landtagen in Basdahl auch zu vertreten wussten. Und damit nicht genug: In dem Domkapitel von Bremen erstand dem Bischof sozusagen eine interne Opposition, die ebenfalls eigene Vermögensinteressen vertrat, so dass dem geistlichen Herrn selbst nur noch wenig Spielraum blieb. Vor diesen Hintergrund muss man auch den Konflikt Gerhards II. mit den Stedinger Bauern verstehen, den ich bereits dargestellt habe. Die Folge dieser Auseinandersetzung war für Bremen jedenfalls, dass die Stadt nun faktisch frei war und ihre wirtschaftlichen Interessen ohne Rücksicht etwa auf den Erzbischof von Bremen oder einen Feudalherren verfolgen – und das tat man auch.

Und das war auch nötig, denn die Freiheit der Stadt war ja erst in zweiter Linie ein juristisches Problem – in erster Linie ging es darum, sie auch faktisch durchzusetzen. Und das bedeutete zunächst, dass die Stadt militärisch gesichert werden musste. Das geschah zunächst, indem man sie mit einer Mauer umgab, die dann später durch einen Wall ersetzt wurde, den man dann zu einem richtigen Defensivsystem ausbaute, bis die Waffentechnik so weit fortgeschritten war, dass die Stadt so nicht mehr verteidigt werden konnte. Von nun an – ich spreche jetzt von der Zeit der französischen Revolution – musste sich der Bremer Rat darauf verlassen, dass die Freiheit der Republik durch Verträge geschützt werden könne, was sich als Illusion erwies: mit dem deutschen Krieg von 1866 war es mit der Freiheit Bremens, wie sie im Mittelalter entstanden war, endgültig vorbei – es blieb die beschränkte Freiheit eines Bundesstaates, und auch die ist heute gefährdet, weil die Grundlage ins Schwanken geraten ist, nämlich der wirtschaftliche Reichtum der Stadt.

Im Mittelalter war eines selbstverständlich: Die Freiheit Bremens konnte eigentlich nur gewährleistet werden, wenn die Koggen der Hanse ungehindert die Weser ab- und aufwärts segeln konnten, ohne unterwegs von Räubern überfallen zu werden. Das konnte man durch Verträge mit den Rüstringern einigermaßen sicherstellen, solange diese die Tuche produzierten, die dann die Händler in Bremen in ganz Europa verkauften. In dieser Zeit war es möglich, dass die Großbauern aus Butjadingen und die Patrizier aus der Hansestadt gemeinsam über das Land Wührden herfielen, weil die Bewohner dort nicht davon dem Brauch lassen wollten, die gemächlich vertreibenden Segler zu überfallen. In dem Maße aber, indem die Marsch von einer produktiven in eine parasitäre Wirtschaftsweise überging, zerbrach das Bündnis. Nun musste die Bremer sich auch gegen die Rüstringer durchsetzen – und sie taten das auch, indem sie versuchten, die Uferstreifen der Weser unmittelbarzu beherrschen. Im Jahre 1407 schien das Ziel erreicht zu sein: Bremen hatte links der Weser die Hovetlinge an der Wesermündung unterworfen. mit der Friedeburg bei Atens und mit der Kirche von Golzwarden feste Stützpunkte gewonnnen, so dass es eigentlich nur noch eine Frage der Zeit war, bis Butjadingen ebenso dem bremischen Herrschaftsbereich eingegliedert werden konnte wie auf guntsiet das Gericht Lehe und die Herrschaft Bederkesa – indes: dor harr een Uhl seeten, denn was der Rat mit großer Mühe gewonnen hatte, zerann in kurzer Zeit – auch durch eigene Schuld.

Ich will die Gelegenheit benutzen, um auf einen Punkt einzugehen, der die bremische Geschichte bis heute prägen sollte. Ich hatte dargelegt, dass der Ursprung der Stadt zunächst eine Siedlung war, also eine Kolonie, die sich selbst verwaltete und deren Bewohner sich um den Rest der Welt ebenso wenig wie diejenigen der nordamerikanischen Kolonie Connecticut (ich glaube wenigstens, dass sie es war), die sich im 17. Jahrhundert die erste demokratische Verfassung der Neuzeit gab, ohne dass der englische König dies bemerkte, und die damit den Prozess einleitete, der zur Entwicklung der heutigen USA führte, nur dass es damals, als sich die ersten Siedler am Westrand des Urstromtals der Weser niederließen, weder einen König von England noch einen Römischen Kaiser gab, der irgendwelche Herrschaftsansprüche anmeldete – das kam erst später. Für Bremen bedeutete dieser Start, dass man die Idee, der Bürger habe ein Recht, sein politisches Schicksal selbst zu bestimmen, als ein Naturrecht ansah, das allen politischen Überlegungen zugrunde lag und, das es möglichst weitgehend durchzusetzen galt, was wiederum bedeutete, dass alles, was man tat, unter dieser Prämisse stand. Wenn also, und nun karikiere ich nur unwesentlich, der Rat Urkunden fälschen ließ, um so einen Anspruch zu begründen, der tatsächlich nicht existierte, dann war eine solche Maßnahme deshalb gerechtfertigt, weil die Stadt auf diese Weise ja nur sicherte, was ihr ohnehin gehörte. Die bremische Politik - und das gilt bis heute – verstehen wir nur dann, wenn wir sie unter diesem Gesichtswinkel sehen, nämlich als den Versuch, gegen alle Widerstände, das, was der Roland auf dem Marktplatz als „Vryheidt“ bezeichnet, zu bewahren. Dazu setzte man im Mittelalter durchaus die Gewalt ein, aber man griff auch zu rechtlichen Kniffs, wenn die militärischen Mittel fehlten, vor allem aber, und jetzt spreche ich vom 19. und beginnenden 20. Jahrhundert, baute man auf den immensen Reichtum der Stadt, den man auch gerne zeigte, etwa wenn es galt Kaiser Wilhelm II., der nun wirklich die Pracht liebte, zu beeindrucken, was auch gelang: Auf dem Wege nach Wilhelmshaven machte seine Majestät gerne in der Hansestadt Station und ließ sich in der Oberen Rathaushallt verwöhnen, wobei der Senat alles aufbot, was der Ratskeller zu bieten hatte und das ist, wie bekannt, nicht wenig. Bei einem solchen Essen hatte der Kaiser nun einen ganz abartigen Wunsch. Er winkte den Ratsdiener Schumacher herbei, dersich um ihn zukümmern hatte, und bat: „Schumacher, bringen Sie mir bitte ein Glas Wasser!“Der brave Diener konnte ob einer solchen Zumutung jedoch nur den Kopf schütteln. „Water, Majestät, Water – dat gifft hier nich.“. Die kleine Geschichte charakterisiert den Bremer wie er leibt und lebt: In einer Welt, in der jeder kleine Beamte bemüht war, seiner Majestät im vorauseilenden Gehorsam zu Willen zu sein, versuchte der Bürger dieser kleinen Republik sich zwar den mächtigsten Mann der damaligen Welt geneigt zu machen, aber er gab seine Prinzipien nicht auf: Wenn es bei einem Festessen in der Oberen Rathaushalle zwar jeden erdenklichen Wein gab, der in Europa angebaut wurde, aber kein ordinäres Wasser – dann auch nicht für den Deutschen Kaiser und den König von Preußen, denn letztendlich war dieser auch nur so viel oder so wenig wie jeder Bremer: Ein Bürger.

Stimmt das denn?

Nicht so ganz. Denn Bremen war zwar nach außen frei, aber die Frage, wer denn im Innern herrschen durfte, war, wie wir wissen, stets heftig umstritten und wurde erst durch die Revolution von 1918 im Sinne des „Bremer Rechts“ entschieden – erst von jetzt an wählte das Volk in freier, gleicher, geheimer und direkter Wahl die gesetzgebende Körperschaft der Stadt, die dann den Senat bestimmte, bis dahin war die Bürgerschaft in acht Klassen gegliedert, die jeweils ihre Abgeordneten bestimmten – acht Klassen, wo sich doch selbst Preußen mit dreien begnügte! Der Gedanke, der dieser Regelung zugrunde lag, war der, dass ein Mann, der über die Geschicke der Stadt bestimmte, gewisse Kenntnisse mitbringen konnte, die ein Kaufmann auf Grund seines Berufes nun einmal hatte, der Hafenarbeiter aber nicht. Also musste der Händler im Rat ein größeres Gewicht erhalten als Prolet, und dem Anspruch versuchte man gerecht zu werden, indem man das Kollektiv der Bürger entsprechend gliederte. Dass das natürlich nicht demokratisch gedacht war, störte jedenfalls die Elite der Stadt nicht, zumal das dem allgemeinen Herkommen entsprach: Auch in Rüstringen gab es ja keine Gleichberechtigung Aller, wie wir sie heute jedenfalls theoretisch kennen, denn auch hier waren es die Schönen und Reichen, die den Ton angaben, wobei allerdings nicht die „hohe Geburt“, sondern allein das Vermögen darüber entschied, ob jemand auch politisch eine Rolle spielte, und in Stedingen war es noch in im 15. Jahrhundert so, dass die Obrigkeit das Deichrecht beispielsweise mit den Erfexen, also den Großbauern, vereinbarte, wobei die Kosten natürlich von allen zu tragen waren, auch das verstand sich von selbst. Wenn in Bremen dieser Zustand bis 1918 geduldet wurde, so lag das einmal daran, dass der Bürgermeister Smidt nach der Revolution von 1918 durch eine Intervention des Deutschen Bundes die damalige demokratische Verfassung beseitigen ließ, aber auch sicherlich an den besonderen Verhältnissen der Stadt: In einem Ort, in dem sich jede ins Fenster schauen konnte und der Schauermann vom Hafen seinem Prinzipal zwar nicht täglich, aber sicherlich öffentlich persönlich begegnete, reduzierten sich Klassengegensätze in aller Regel zu fast nachbarschaftlichen Beziehungen, die entsprechend geregelt werden konnten. Der kurze Dienstweg, und damitmeine ich den Schnack im Hafen oder auf dem Markt, schliff sicherlich manchen Konflikt ab, der woanders härter ausgetragen wurde. selbst ich habe noch erlebt, dass mir der Bürgermeister Scherf vor dem Bahnhof begegnete, wo er mich, wie er das stets zu tun pflegte, umarmte und dann nach meinem Befinden erkundigte, und ebenso konnte es geschehen, dass ich einen Senator am Markt traf und dort an seinem Tisch meine Tasse Kaffee trinken durfte, wobei wir intensiv über bremische Politik diskutierte. Das alsoist heute noch in Bremen möglich – wie viel leichter passierte das in der Hansestadt des 18. oder gar 19. Jahrhunderts!

Natürlich setzte man den Respekt nie beiseite. Der Bürgermeister wurde mit „Ew. Magnifizenz“ angeredet und der selbstständige Kaufmann war für alle anderen selbstverständlich der Prinzipal, aber trotzdem: Was Bremen von dem Umland unterschied, war der Umstand, dass hier kein Adel der Geburt, sondern des Geldes regierte. Dagegen gab es natürlich, wie schon gesagt, stets Widerstand, der zunächst damit begann, dass man nie genau bestimmen konnte, wer denn reich genug war, um im Rathaus mitreden zu dürfen. Das Zentrum der Unruhen war das Handwerker-Viertel, das in der Martini-Kirche sein Zentrum hatte, dann aber zunehmend der Norden der Stadt mit St. Stephani. Diese sozialen Konflikte brachen immer wieder aus und schwächten die Stadt mitunter erheblich. Hinzu traten wirtschaftliche Krisen – kurzum: Bremen konnte den territorialen Besitz, den es bis 1407 erworben hatte, nicht halten. Zunächst verlor die Stadt Butjadingen und Stadland an die Grafen von Oldenburg, dann, zwei Jahrhunderte später, auch die allerdings weniger wichtige Herrschaft Bederkesa mit dem Gericht Lehe, so dass nur das eigentliche Stadtgebiet blieb, wie wir es heute kennen.

Und nicht nur das: Dem Grafen Anton-Günther gelang es, nachdem seine Vorgänger mit einigen Anläufen gescheitert waren, bei Elsfleth den Weser-Zoll zu etablieren, der bis in das 19. Jahrhundert hinein bestehen blieb. Als Vorwand diente dem lästigen Nachbarn der Umstand, dass es ja seine Aufgabe war, auf der Außenweser Seezeichen wie den Westturm auf Wangerooge zu unterhalten, tatsächlich dienten die Einnahmen aber im wesentlichem dem Konsum des Hohen Herrn. Sie waren also nichts weiter als eine legalisierte Form des Seeraubs, der nur insofern günstiger war, als er nach Tarif erfolgte, also berechenbar war. Dieser Weserzoll, an dem die jeweiligen Herren von Oldenburg hartnäckig festhielten, bis sie durch den internationalen Druck gezwungen wurden, ihn aufzugeben, schädigte die Wirtschaft des Unterweser-Raums auf zweierlei Weise:

Zum einen behinderte er den freien Handel nicht nur Bremens, sondern auch des Umlandes und warf deshalb den ganzen Raum wirtschaftlich zurück – und das nur im Interesse des höfischen Konsums zunächst der Grafen von Oldenburg, dann der Könige von Dänemark und schließlich der Familie Gottorp jüngere Linie;

Und dann wurde durch den Zoll ein völlig überflüssiger Konflikt zwischen Oldenburg auf der einen Seite und Bremen auf der anderen etabliert, bei dem beide Schaden litten und der sich bis heute fortsetzt, etwa wenn die Zusammenarbeit der beiden nordwestdeutschen Länder bei der Entwicklung Wilhelmshavens auf große emotionale Vorbehalte stößt.

Natürlich hätte man damals nach dem bekannten Grundsatz verfahren können: Friede ernährt, Unfriede verzehrt – aber so weit reichte die Intelligenz der aristokratischen Herren, die links der Weser regierten, leider nicht. Dabei hätten sich Bremen und Oldenburg sehr gut ergänzen können, denn die Kaufleute an der Weser hatten das Geld, die Grafen und später Herzöge an der Hunte den Raum, was besonders im 19. Jahrhundert wichtig wurde, wobei hinzu kam, dass der Strom der Weser dicht am oldenburgischen Ufer entlang strich – hier, vor Brake und vor Einswarden – befanden sich die idealen Anlegeplätze. Im ersten Falle hat man die Chance genutzt, aber im letzteren eben nicht – Bremerhaven entstand bekanntlich auf dem rechten Weserufer, weil das Kurfürstentum und das spätere Königreich Hannover eben anders verfuhr als Oldenburg: Dort hatte man eingesehen, dass es nicht im wohlverstandenen Interesse der Welfen lag, Bremen zu schlucken, weshalb man 1814, als man die Möglichkeit hatte, darauf verzichtete, und als sich die Gelegenheit zu einem guten Geschäft bot, nutzte man es, indem man an der Geeste einige Hektar des eigenen Landes an Bremen verkaufte, auf keinen Fall ließ man es nicht zu einem dauernden Konflikt kommen, der nur beiden Teilen hätte schaden können.

Wenn wir also das Problem der Wesermündung (zu der ich immer die Jade hinzurechne) in eine Formel pressen wollen, so könnte diese so aussehen: Das Unglück bestand darin, dass sich das wirtschaftliche Zentrum des Raumes zwar zweifellos in Bremen befand, die politischen Entscheidungen dagegen entweder in Hannover oder in Oldenburg, für hundert Jahre sogar in Kopenhagen, fielen, und dass hier eine Kooperation nie möglich war, ja, nicht einmal angestrebt wurde. Da dann noch Kriege und wirtschaftliche Depressionen hinzu kamen, konnte sich das Gebiet, das wir hier betrachten, im 17. und 18. Jahrhundert nicht entwickeln. Bremen versank in Bedeutungslosigkeit und drohte, da die Weser mehr und mehr versandete, das Schicksal so vieler einst bedeutender Häfen zu erleiden – Brügge ist das berühmteste Beispiel -, wärend es den Feudalstaaten Hannover und Oldenburg nicht viel besser erging. Im 18. Jahrhundert war, so mein Eindruck, der Tran, den man von den Walen und Robben des Nordmeeres gewann, das wichtigste Handelsgut der Hansestadt (und auch Stedingens, wie nebenbei bemerkt sei), aber das war keine sehr zuverlässige Produktion, zumal man die Tiere nach wenigen Jahrzehnten so gut wie ausgerottet hatte. Dass allerdings den Bremern bei alledem der Unternehmungsgeist nicht verloren gegangen war, zeigte sie am Ende der handelspolitisch desaströsen Phase: Kaum war der amerikanische Unabhängigkeitskrieg zu Ende, kaum konnten Schiffe ungehindert von der Weser nach Baltimore und Philaselphia segeln, als man schon die Verbindung mit dem neuen Staat aufnahm, womit eine Beziehung begründet wurde, der es Bremen verdankt, dass es bis heute seine „Vryheidt“ bewahren konnte.

Doch zunächst möchte ich einen Blick auf das Umland der Stadt werfen: wie war es möglich, dass der Adel, der ja sich dadurch definierte, dass er weder in der Produktion noch im Handel irgendeine Rolle spielte, also eine rein parasitäre Funktion hatte, weil er lediglich konsumierte, was der Bauer produzirte und der Kaufmann vertrieb, dort die Herrschaft an sich riss und damit eine Bedeutung erlangte, die ihm eigentlich nicht zukam und sich enorm hemmend auf die Entwicklung des Landes auswirkte?

VI.

Krieg, Handel und Piratierie

Raub und Diebstahl, so sagte ich, sind durchaus sozial schädliche wirtschaftliche Aktivitäten, profitabel nur für den, der von dem Verbrechen lebt – sofern er den Gewinn, den er daraus zieht, selbst konsumiert. Wenn aber ein Aristokrat oder Gangster (das war im Mittelalter, von dem ich hier rede, so ziemlich dasselbe) durch sein Gewerbe so viel erzielte, dass er motiviert oder gar genötigt ist, aus seinen Vorräten etwas zu verkaufen, wenn er also als Unternehmer auf dem Markt tätig wird, braucht er Regeln, an die er sich ebenso hält wie sein Geschäftspartner, und so wird aus dem Ganoven ein ehrbarer Kaufmann. Wenn wir diese allgemeine Theorie nun auf die Situation auf dem linken Weser-Ufer anwenden, so bemerken wir hier zwei soziale Phänomene:

Zunächst haben wir es mit den Grafen von Oldenburg zu tun, die eigentlich aus dem Hasegau stammen, dann irgendwann im frühen Mittelalter an das Zwischenahner Meer umzogen, dort am Nordufer eine Burg bauten, von der aus sie vorüberziehende Kaufleute ausplünderten oder aber, gegen eine Gebühr, weiterziehen ließen, wobei sich das letztere Verfahren war nützlicher erwies als die Blockade, denn sie bewirkte nur, dass die nächsten Kaufleute sich einen anderen Weg suchten und der Raubgraf keine Einnahmen mehr hatte. Aber auch der Zoll, wie man die Schutzgelderpressung dann benannte, wenn sie sich rechtlich etabliert hatte, schreckte den Kaufmann ab, so dass er südlich am Zwischenahner Meer vorbei zog, wo ihn kein adeliger Räuber belästigte. Also zogen die Oldenburger Grafen nochmals um – diesmal setzten sie sich dort fest, wo im Zuge der „Straße“ von Bremen in die Niederlande eine Furt über die Hunte führte. Hier konnten die Reisenden nicht ausweichen, also mussten sie zahlen, wenn sie die Burg der oldenburgischen Grafen passieren wollten. Und weil das Verfahren dauerte, siedelten sich hier örtliche Händler an und so entstand im Schatten der Burg die heutige Stadt Oldenburg. Die Herrschaft der Gottorps beruhte also letztendlich auf dem Straßenraub und war damit durch und durch parasitär, was sich auch darin zeigte, dass diese Herren sich hemmungslos am Seeraub beteiligten, wenn sich die Gelegenheit ergab, bzw. dass sie Seeräubern Unterschlupf gewährten – soziale oder gar moralische Vorbehalte kannten sie nicht.

Anders die Bauern der Marsch. Ihr Reichtum beruhte ursprünglich, wie wir gesehen haben, auf der Produktion friesischer Tuche und auf dem Handel mit diesem Gut. Damit erwarben sie ihren immensen Reichtum, der sie befähigte, die enormen friesischen Kirchen zu bauen, die wir in kläglichen Resten, jedenfalls so weit sie nicht im 19. Jahrhundert abgerissen wurden, noch heute bewundern können. Dass sie dann, als sie durch hygienische und natürliche Katastrophen ihre Existenzgrundlage verloren und darauf auch noch sozial und politisch falsch regierten, auch wohl reagieren mussten, und damit ebenfalls zu parasitären Existenzen wurden, steht auf einem anderen Blatt – immerhin gelang es den Bauern, sich aus diesem Zustand herauszuarbeiten, indem sie, als die Textilindustrie sich für sie nicht mehr lohnte, sich der Viehzucht zuwandten. Das war nun ein riskanter Produktionszweig, denn der Rinderbestand war stets von Krankheiten bedroht, dann gab es, abgesehen von den Sturmfluten, andere Naturkatstrophen: mal verbrannten die Wiesen in einem zu heißen Sommer, mal soffen sie in endlosen Regenfällen ab und dann fraßen die Mäuse das Land kahl. Und damit nicht genug: Der Handel mit Vieh war natürlich auch von der Konjunktur abhängig, also von der Kaufkraft in den Wirtschaftszentren Norddeutschlands und der Niederlande. Und was auf den Handel mit Rindern zutrifft, gilt natürlich noch viel mehr für denjenigen mit Pferden, bei denen die Gewinnmargen zwar höher gewesen dürften, das Risiko aber auch. Und schließlich waren da noch die Gottorps: sie blieben arrogante Kostgänger ihrer Untertanen und sind deshalb auch zu Recht verschwunden – beliebt waren sie, auch wenn uns die Oldenburgische Landschaft das glauben machen wollte, nie, allenfalls waren sie den Oldenburgern selbst gleichgültig, den Bauern der Marsch dagegen lästig, weil sie störten.

Ich will diesen Prozess etwas näher darstellen, indem ich mich der anderen Seite des Jadebusens zuwende, wo sich die Dinge anders anders entwickelten als in der Grafschaft Oldenburg, denn das Gebiet am Ostufer der Jade gehörte zwar wirtschaftlich wie auch politisch nach Ostfriesland, geriet aber durch einen historischen Zufall unter die Herrschaft der Oldenburger und dann der Zerbster, die nun keinerlei Beziehung zur Marsch hatten, doch will ich das für einen Augenblick außen vor lassen. In sozialer Hinsicht hingegen lagen die Dinge im heutigen Jeverland und in Harlingen (wie überhaupt in Ostfriesland) ebenso wie in Butjadingen und Stadland: Durch die Pest war das Land entvölkert, und die Nordsee hatte, ich schilderte das schon, tiefe Buchten ins Land gerissen. Die Konsequenz war, wie Almuth Salomon schreibt: „Nach den mentalen, sozialen und wirtschaftlichen Folgen der Pest (und der Sturmfluten, wie ich hinzufügen möchte) sind auch die politischen zu erwähnen. Aus zahlreichen zeitgenössischen Berichten geht hervor, dass geistliche und weltliche Autoritäten angesichts ihrer Hilflosigkeit einen großen Glaubwürdigkeits- und Vertrauensverlust erlitten haben. Der Zusammenbruch aller Ordnungen wirkte lange nach. Genau das scheint auch in Friesland der Fall gewesen zu sein. Es kann kein Zufall sein, dass es ausgerechnet in diesen Jahren nach der Pest überall mit der alte Verfassung zu Ende ging. In Rüstringen wurde nach 1355 der erste Landeshäuptling gewählt, möglicherweise der Vater Edo Wiemkens d. Ä.. In Östringen und dem Wangerland wählte man 1359 ebenfalls einen Landeshäuptling, nach der Überlieferung, weil‚de lande den richtern nicht horsam wolden wesen, wie es schon 1461 im Testament des Hole Edzen heißt.“5

Wir müssen uns hier noch einmal die geographischen Gegebenheiten vor Augen führen: Durch den Jade-Einbruch war der Gau Rüstringen geteilt worden. Im Osten finden wir Butjadingen und Stadland, beides faktisch Weserinseln, während der Rest des Landes im Westen noch in mehrere Teile getrennt wurde – im Süden bleibt Varel selbst, das auf dem Geestrand liegt, zwar von den Fluten unberührt, geriet aber bald unter oldenburgischen Einfluss, weil es vom übrigen Rüstringen durch das Schwarze Brack getrennt war. Im Norden verselbständigte sich das bisherige „Viertel Bant“, das nunmehr den Namen „Rüstringen“ allein weiterführt, in dem sich der oben erwähnte Edo Wiemeken zum Herrscher aufgeschwungen hat, ein offenbar besonders trickreicher und auch grausamer Mann, den aber doch so etwas wie ein politischer Instinkt auszeichnete, denn es genügte ihm nicht, faktisch die Macht auszuüben, vielmehr war er auch bestrebt, sie zu legitimieren. Dazu standen ihm zwei Wege offen: entweder er ließ sich in eines der Ämter wählen, welche die traditionelle Konsular-Verfassung anbot und definierte es dann nach seinen Bedürfnissen um, oder aber er strebte die Nobilitierung an. In der Praxis erleben wir, dass die Hovetlinge sich zunächst durch ihre Pairs beauftragen ließen und dass ihre Erben später dann entweder den Adel formell durch den Kaiser erwarben, wie das die Cirksena taten, oder aber, wie die Erben Edo Wiemekens d. Ä., schlicht ersaßen, was deshalb möglich war, weil es mit dem Adel schon immer so eine Sache war. Es handle sich dabei „um einen bevorzugten Stand“, definiert der Meyer von 1909, was wenig befriedigend klingt. Ich möchte, meinem Schema folgend, so sagen: Der Adelige war, wie der Titel „Freiherr“ besagt, als solcher zwar, wie auch Papst und Kaiser, dem „Gesetz“ unterworfen, nicht aber dem Befehl eines anderen. Wenn der „Roi Sergeant“ Friedrich Wilhelm I. die Junker Preußens zwang, Offiziere zu werden, dann deshalb, weil sie als solche „ordre parieren“ mussten, was sie als „Freiherrn“ nicht zu tun brauchten. Kürzer gesagt: adelig war bzw. ist derjenige, der in den Grenzen des Gesetzes selbstbestimmt handeln darf, was bedeutet, dass in der Republik der Status des Adels nicht mehr ein bevorzugter Rang ist, sondern ein allgemeines Recht ist, weswegen wir uns ja auch konsequenterweise mit „Herr“ anreden, wodurch eben dies ausgedrückt. wird, während der Adel keine Funktion mehr hat und deshalb bedeutungslos geworden ist.

Mit Edo Wiemeken d. Ä. wird nun im heutigen Jeverland der Schritt vom „Hovetling“ zum „Herrn“ getan. Um noch einmal Almuth Salomon zu zitieren: „Das hier entworfene Bild eines Häuptlings ist ziemlich verschieden von dem, was man sich gewöhnlich darunter vorstellt. An Merkmalen ist festzuhalten: Er ist reich, er ist das Haupt einer ‚frundschap’, er besitzt ein Steinhaus, aber er herrscht nicht über seine Nachbarn, d.h. über einen abgrenzbaren Bezirk, das, was man später eine Herrlichkeit nannte.“6 Daraus folgt, dass es eben eine große Zahl von Hovetlingen gab, manchmal mehrere in einem Dorf, wie auch Almuth Salomon betont: „Es ist ein Zufall der Überlieferung, dass sowohl Hicko Boings als auch Tyadmer von Rickelhusen von Steinhäusern im Kirchspiel Westrum berichten. Dies ermöglicht die Erkenntnis, das es dort im 15. Jahrhundert vier Steinhäuser gab. Nur Ricklhusen ist auch ohne diese Quellen als solches bekannt. Weder von Ocko to Strakenze noch von Hilderick to Traeldenze noch von Meine Minssen wüsste man ohne die zitierten Quellen auch nur das geringste. Das mahnt zur Vorsicht und lässt vermuten, dass diese Personengruppe weit zahlreicher war, als die Quellen des 15. und 16. Jahrhunderts ahnen lassen.“7 Das leuchtet ein – aber aus dieser relativ großen Personengruppe haben es nur ganz wenige Familien geschafft, in den Stand des Adels zu gelangen und eigentlich nur dreien, den Status der Reichsunmittelbarkeit zu erwerben, nämlich einmal die Cirksena, die als Fürsten von Ostfriesland endeten, dann die Papinga, deren letzte Vertreterin das „Fräulein Maria von Jever“ war, und schließlich die Fürsten von Knip- und Innhausen, die als einzige heute noch existieren. In Harlingen haben die Attinga versucht, zunächst im Bündnis mit den Cirksena, dann im Gegensatz zu ihnen, sich einen eigenen Herrschaftsbezirk mit Esens und Wittmund als Zentren zu erwerben, aber sie haben es nicht geschafft: der letzte aus dieser Familie, der Junker Balthasar, starb, als seine Hauptstadt, Esens nämlich, im Jahre 1540 von den Bremern, die ihn beim Seeraub erwischt hatten, belagert wurde. Ihm folgten noch einige landfremde Regenten, bis der Graf von Ostfriesland das Ländchen für sich erheiratete. Es erfreute sich dann noch einer gewissen inneren Autonomie, aber auch das hatte ein Ende, als die Preußen im Jahre 1744 Ostfriesland für sich erwarben.

Wenn wir den Untergang der Bauernrepubliken in der Marsch insgesamt in den Blick nehmen, dann haben wir es mit einem Prozess zu tun, der – vom Untergang Butjadingens und Stadlands bis zum Ende des Harlinger Landes – von 1499 bis 1600 dauerte, sich also über ein Jahrhundert hinzog, was uns einmal etwas über die politische und wirtschaftliche Stärke der friesischen Seelande an der deutschen Nordseeküste sagt und zum andern auch die Schwäche der jeweiligen Gegenmächte deutlich macht, denn die Grafen von Ostfriesland erreichten ihr Ziel, nämlich das ganze Gebiet von der niederländischen Grenze bis zur Weser unmittelbar und ohne Einmischung von Ständen, zu beherrschen, in keiner Weise und mussten sich schließlich mit Harlingen begnügen, während die Grafen von Oldenburg und der Erzbischof Christoph von Bremen nicht aus eigener Kraft siegten, sondern die Hilfe der Welfen in Anspruch nehmen mussten, was in beiden Fällen weitreichende politische Folgen hatte, die uns aber nicht weiter beschäftigen können. Indes: Das Ergebnis war in jedem Falle, dass an die Stelle der bisherigen Konsulatsverfassung, die wir, wenn wir die aristotelischen Kriterien der Staatsformen zugrunde legen, als Oligarchien bezeichnen können, die Diktatur Einzelner trat, deren Legitimität jeweils durch das feudale Erbrecht bzw. im Falle des Erzbistums Bremen durch die apostolische Sukzession, gegeben war, nur dass die Wesermarsch in die Hände der Grafen von Oldenburg gefallen war, während sich im Jeverland und in Harlingen einheimische Dynastien durchgesetzt hatten, was aber in der Sache wenig ausmachte, denn egal ob wir es mit den Grafen von Oldenburg zu tun haben oder aber mit dem Fräulein Maria von Jever oder mit dem Junker Balthasar in Esens (die Herren von Innhausen und Kniphausen lasse ich hier außen vor) – sie alle mussten ein Interesse daran haben,

dass sie zunächst einmal ihre „Planstelle“ behielten, also von keinem Konkurrenten besiegt und vertrieben wurden;

dass die Untertanen kusch blieben, also die Herrschaft der Feudalherren ertrugen;

und dass aus ihrem Herrschaftsgebiet schließlich ein möglichst großer Ertrag zum persönlichen Konsum herausgewirtschaftet wurde.

Und das in dieser Reihenfolge.

Gegen das, was wir im heutigen Wirtschaftsleben als „feindliche Übernahme“ bezeichnen, schützte die Landesherren in erster Linie das Militär, das sich die ganz kleinen Fürsten natürlich nicht leisten konnten, und zum anderen das feudale Recht, auf das ich hier nicht eingehen will. Soldaten wurden natürlich auch eingesetzt, um inneren Aufständen vorzubeugen bzw. sie niederzuschlagen, wenn sie ausbrechen sollten, aber vor allem setzte man auf die Überzeugungsraft einer Ideologie, die den Menschen überhaupt den Willen nahm, sich gegen eine politische Gewalt aufzulehnen, die sie ausbeutete – ich meine die lutherische Theologie.

Während der „heißen Phase“ der Kämpfe um die Marschenrepubliken, also in den Jahren von 1499 bis 1525 entwickelte sich ja die „Reformation“, zu der die jeweiligen Fürsten eine durchweg opportunistische Haltung einnahmen. Der Oldenburger Graf etwa wartete ab, wie sich die neue Lehre entwickelte und nutzte dann, als sich nach 1530 die Reformation im Sinne Luthers konsolidiert hatte, die Gelegenheit, die Kirchen seines Herrschaftsgebiet auszurauben. Auch Junker Balthasar vom Harlinger Land förderte mal die lutherische Lehre, mal den alten Glauben, je nach politischer Opportunität, nur Fräulein Maria von Jever, eine Frau, die es verdient hätte, in dieser von Männern im Wortsinne dominierten Zeit neben Elisabeth von England und Margaretha von Parma genannt zu werden, wenn ihr Herrschaftsgebiet größer gewesen wäre, scheint wirklich aus Überzeugung dem neuen Glauben angehört zu haben. Was die Herren jedenfalls an der neuen Theologie interessierte, war im Grunde nur ein Satz, nämlich die Forderung des Apostels Paulus aus dem Römerbrief, den Luther so übersetzt: „Seid untertan der Obrigkeit, die Gewalt über euch hat, denn es ist keine Obrigkeit ohne von Gott“. So lange die Pastoren dies ihren Gemeindegliedern einschärften, war alles in Ordnung – und wenn nicht?

Ja, es gab auch eine andere Konzeption, nämlich diejenige des Genfers Calvin, der als der eigentliche Feind der Lutheraner angesehen wurde. Während Luther nämlich daran festhielt, dass die Pastoren persönlich ein priesterliches Amt innehaben (ich verzichte hier auf die ekklesiologischen Feinheiten), übertrug Calvin diese Funktion auf die Gemeinde insgesamt mit der Folge, dass er die Tür öffnete zur übelsten Intoleranz, aber auch der Demokratie den Weg bahnte, je nachdem wie die jeweilige Gemeinschaft gestimmt war. Es leuchtet ein, dass diese Ideologie vom Bürgertum aufgegriffen wurde, im Einzelfall aber auch von dem einen oder anderen Feudalherrn, beispielsweise von den Herren von Knip- und Innhausen, die so die Unabhängigkeit ihrer drei Kirchspiele Sengwarden (für Innhausen), Fedderwarden und Accum (für Kniphausen) von der Herrschaft Jever zusätzlich absichern konnten.

Die konfessionellen Gegensätze spielten aber im Nordwesten Deutschlands weniger eine Rolle. Der entscheidende Konflikt ergab sich aus dem wirtschaftlichen Gegensatz der Feudalherren zum aufsteigenden Bürgertum, zu dem wir im Falle der Marschen getrost die Schicht der Großbauern rechnen können, die früher einmal die Redjeven gestellt hatten und die nach dem Untergang ihrer Republiken zwar ihrer politischen Funktion verlustig gegangen waren, sehr wohl aber nach wie vor die wirtschaftlich entscheidende Oberschicht bildeten und ein entsprechendes Selbstbewusstsein entwickelten, denn ein Marschbauer, der über 30 bis 80 Hektar Land verfügte, konnte es, wenn die Konjunktur entsprechend war, sicherlich mit einem preußischen Junker aufnehmen – und er trat auch entsprechend auf. Es hatte schon seinen guten Grund, dass sowohl der Graf von Oldenburg als auch das Fräulein Maria von Jever in ihren Herrschaftsgebieten keinen einheimischen Adel zuließen, der über eine eigene wirtschaftliche Basis vefügte, vielmehr die Bauern, die einen solchen Anspruch erhoben, auf den ihnen zukommenden Rang zurückverwiesen, was aber an deren Ansprüchen nichts änderte. So soll Didi Buer aus Schockum, der in der „guten, alten Zeit“ Kaiser Wilhelms II in einem Berliner Salon erstaunt gefragt wurde, ob man denn im Großherzogtum Oldenburg keinen einheimischen Adel kenne, geantwortet haben: „Nee, den hebbt wi to rechten Tied dodslahn!“ Nein, so ist es nicht gewesen, denn es genügten juristische Tricks der jeweiligen Landesherrn, um die Entstehung einer solchen Schicht zu verhindern, aber das Ergebnis war dasselbe. Dass man in Jever und dann auch in Oldenburg ausländische Adelige durchaus willkommen hieß, um den gesellschaftlichen Glanz der eigenen Herrschaft etwas aufzupoieren, steht auf einem anderen Blatt, aber welcher preußische Junker ging schon, sagen wir nach Oldenburg? Doch nur derjenige, der trotz aller Bevorzugung in seiner Heimat nicht zu verwenden war – und entsprechend gering war das Ansehen der Aristokratie an der Weser und Jade, wo jeder Respekt verdiente, der seinen Unetrhalt durch Arbeit verdiente, was selbst die Staubuttjer taten, die in Oldenburg die Schiffe löschten – wenn welche anlegten, zwischendurch aber am Kai standen und in die Hunte spuckten – sie arbeiteten zwar nur gelegentlich, aber dann taten sie etwas. Was aber leisteten die adeligen Offiziere in Oldenburg oder gar der Großherzog mit seinem Hof? Nichts – aber sie stellten große Ansprüche, für die andere arbeiten mussten.

Damit habe ich den Gegensatz zwischen dem Feudalherrn und seinem Anhang auf der einen Seite und den Agrarunternehmern in der Marsch (denn das waren die Bauern) beschrieben: Die Landesherrn wollten für sich und ihre persönlichen Bedürfnisse ein möglichst hohes Einkommen erzielen, die Wirtschaftssubjekte aber möglichst wenig hergeben. In diesem Konflikt wird ein Kompromiss dann möglich, wenn es gelingt, die Wirtschaftskraft eines Gebietes so zu steigern, dass alle Beteiligten daraus ihren Vorteil ziehen können, und das bedeutete bis zum Beginn der Industrialiiserung, also bis in das 19. Jahrhundert hinein, dass man die landwirtschaftliche Nutzfläche erweitern musste, was aber nur dergestalt möglich war, dass man neues Land dem Meere abrang. Im Mittelalter war die Bilanz, die man aus dem beständigen Kampf mit den Fluten ziehen konnte, durchaus negativ, denn die genossenschaftliche Organisation des Deichbaus hatte sich, wie wir wissen, als keineswegs effektiv erwiesen. Damals war es, so weit ich weiß, nur an einer Stelle gelungen, Land zu gewinnen, und das geschah in Butjadingen, wo die Heete bereits im 15. Jahrhundert verlandet war, ansonsten waren die Friesen stets zurückgewichen. An den eigentlichen Seedeichen blieb das zumindest in Butjadingen so, wo nach der Weihnachtsflut im Jahre 1717 nicht nur das Kirchdorf Waddens endgültig aufgegeben werden musste, sondern auch die Siedlungen auf den Wurten von Fedderwarden, Langemehne und Tedlens. Oegens hatte man schon vorher ausgedeicht. Diesen Verlusten standen aber enorme Gewinne gegenüber, denn der Graf von Oldenburg hatte unmittelbar, nachdem er Butjadingen und Stadland erobert hatte, in Ovelgönne eine kleine Festung angelegt und dazu einen Damm durch das Lockfleth schlagen lassen, offenbar um im Falle eines Aufstandes seine Soldaten möglichst rasch in das eroberte Gebiet werfen zu können. Das wurde nicht notwendig, aber die Folge der Maßnahme bestand darin, dass das Lockfleth, durch das jetzt nicht mehr Ebbe und Flut strömten, sehr rasch verlandete und im Laufe des 16. Jahrhunderts vollständig eingedeicht werden konnte. Im Jeverland ergriffen die Landesherren – seit 1573 der Graf von Oldenburg und nach 1717 die Fürsten von Anhalt-Zerbst - ihrerseits die Initiative und deichten nach und nach das Schwarze Brack, die Made, also eine westliche Ausbuchtung des Jadebusens und die Harlinger Bucht ein.

Arbeiteten denn die Fürsten? Durchaus nicht. Aber sie organisierten die Unternehmungen, indem sie den Bauern befahlen, mit ihren Gespannen zur Stelle zu sein, wenn ein neuer Deich aufgeschüttet werden sollte, wobei sie ihre Verpflegung mitzubringen hatten. Erst allmählich – im Laufe des 18. Jahrhunderts – wurde es üblich, Arbeiter zu engagieren, die dann die schwere Arbeit zu leisten hatten. Dazu fanden sich natürlich nur Männer bereit, die keine andere Wahl hatten, denn es war sicher kein Vergnügen, im Matsch, häufig genug bei Regen und Kälte, die zweirädigen Wagen mit Klei zu beladen bzw. zu entladen, und das gegen einen so erbärmlichen Lohn, dass die Koierer immer wieder die Lawei-Fahne aufsteckten, um so eine anständige bezahlung zu erstreiken. Im Deichbau begegnen uns zwei Phänomene hier zum ersten Mal: zum einen das, was dann als „Klassenkampf“ in die Geschichte einging, und zum andern das Gegenteil, nämlich der Rückzug in die Innerlichkeit, wie sie die Sekten, in unserem Falle besonders die Baptisten, empfahlen, die sich zuerst im 19. Jahrhundert unter den Deicharbeitern am am Jadebusen verbreiteten, wo die landeskirchlichen Pfarrer sie mit Misstrauen beobachteten, bis man sich von deren Harmlosigkeit überzeugte und sie deshalb in Ruhe ließ.

Das so gewonnene Land gehörte im übrigen prinzipiell dem Landesherrn, der einen Teil davon auch für sich behielt, aber einen anderen Teil „zu Meierrecht“ ausgab, also auf Dauer verpachtete. Die neuen Landwirte kamen aber von der Geest, waren also keine Friesen, so dass beispielsweise im Laufe des 16. Jahrhunderts die friesische Umgangssprache durch die sächsische – das heutige „Plattdeutsch“ – ersetzt wurde. Vor allem aber schufen sich die Landesherrn – und das gilt besonders für Butjadingen – so eine Fraktion, deren Angehörige keine emotionale Beziehung zur ehemaligen „friesischen Freiheit“ mehr hatten: diese Bauern hielten zwar an ihrer unternehmerischen Eigenständigkeit fest, entwickelten aber keine politischen Ambitionen (was sie natürlich später nicht daran hinderte, ihre wirtschaftliche Stärke in politische Macht umzumünden, aber das geschah im 19. Jahrhundert). Im Jeverland verlief die Entwicklung ähnlich, nur dass eingewanderte adelige Hofbeamte die Fraktion derjenigen bildete, die die Herrschaft zunächst der letzten Papinga, dann der Zerbster sozial abstützten, während die „Meente Meene“, also die Gesamtheit der Großgrundbesitzer, als Institution verschwand, immer noch untergründig einflussreich blieb und schließlich als „Oldenburgischer Landtag“ wieder an die Oberfläche trat.

Indes: Von der „Friesischen Freiheit“ war also im Vergleich zu früher nicht viel übrig geblieben, aber der Status der Bauern in der Marsch war doch sehr viel günstiger als der ihrer „Kollegen“ in Preußen oder in Mecklenburg. Auf diese Weise entstand in den Gebiete, die seit 1774 das Herzogtum Oldenburg bildeten (zu dem 1818 die Herrschaft Jever hinzutritt, die seit 1793 – mit Ausnahme der „Franzosenzeit“ – formell russisches Territorium war) zwischen den Landesherrn auf der einen Seite und den Untertanen auf der anderen Seite eine Art modus vivendi, der bis zur Revolution von 1918 in Geltung bleiben sollte und der in Oldenburg durch die Verfassung von 1852 sozusagen formalisiert wurde. Man kann den Kompromiss so formulieren: Mochten die jeweiligen Landesherrn in ihren Hauptstädten ihre Spielchen treiben – die Bauern in Butjadingen und im Jeverland wurden davon nicht berührt, so lange sie in ihren unternehmerischen Entscheidungen frei waren und so lange ihnen Herrschaftsformen, wie sie in Hannover oder Preußen üblich waren, erspart blieben, denn wir dürfen ja nicht vergessen: Man kannte im Herzogtum Oldenburg keinen einheimischen Adel, also blieb den Bauern die Arroganz der dortigen Aristokratie erspart – das wusste man zu schätzen.

Für die jeweiligen Landesherrn von Oldenburg und Delmenhorst war das Land aber wichtig, weil es, wie bereits dargestellt, Graf Anton Günther gelungen war, im Jahre 1653 bei Elsfleth einen Weserzoll zu etablieren, der bis 1820 bestehen blieb. Das also war die Milchkuh, die der Landesherr an der Hunte molk, so dass man sagen kann, dass das Herzogtum Oldenburg im 18. Jahrhundert nicht viel mehr war als eine Zollstation mit etwas Land drumherum. Der behinderte, wie ich bereits hinreichend beklagt habe, nicht nur den Handel Bremens, sondern auch denjenigen Butjadingens, füllte aber die Kasse des Grafen in Oldenburg und nach 1667 die des Königs von Dänemark, der die Grafschaften geerbt hatte (Jever fiel damals an die Fürsten von Zerbst, während Varel und Kniphausen an einen illegitimen Sohn des letzten Grafen kam) und nun diese Nebenlande in das politische Spiel einbrachte, um sie gegen den Teil Holsteins einzutauschen, der ihm noch nicht gehörte. Das gelang allerdings erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, mit der Folge, dass das Land, nunmehr zum Herzogtum erhoben, wieder selbständig wurde. Das alles konnte den Untertanen egal sein. Für sie war die wirtschaftliche Entwicklung wichtiger – und die verlief nicht gut: Allerdings erlebten die Bauern der Marsch im 17. Jahrhundert zunächst eine günstige Konjunktur, denn es wirkte sich halt aus, dass endlich Friede eingekehrt war, aber es gab enorme Hindernisse, die vor allem durch die Grafen verursacht wurden. Anton I. etwa war im 16. Jahrhundert ein „harter Herr“, der sein Land gnadenlos ausraubte, die Kirchen plünderte und die Bauern mit Abgaben bis zur Grenze des Erträglichen belastete, wenn er sie nicht kurzerhand unter Vorwänden enteignete. Wir machen uns, denke ich, kaum eine richtige Vorstellung, von den kulturellen Verlusten, die durch die Reformation eingetreten sind – unter calvinistischer Herrschaft allerdings weit mehr als unter derjenigen der Lutheraner. Nur ein Beispiel: Von den zahlreichen Klöstern, die es während des Mittealters in Ostfriesland gab, kennen wir heute von kaum einem den Standort, so gründlich wurden sie zerstört. Aber auch Anton I. von Oldenburg war nicht zimperlich: Sello listet auf, dass dieser Herr in der heutigen Wesermarrsch nicht weniger als 18 Kirchen und Kapellen abbrechen ließ, um unter anderem die Festung in Ovelgönne zu bauen. Seine Nachfolger verfuhren, weil die Untertanen zu revoltieren begannen, etwas milder, aber Graf Anton Günther war keineswegs der fürsorgliche Landesherr, als der er gerne dargestellt wird, wohl aber ein erfolgreicher Viehhändler, und als solcher gab er sich die größte Mühe, den Handel mit Pferden und Rindern in seiner Hand zu monopolisieren, aber er musste die Versuche schließlich aufgaben, weil er der Grenzen nicht absperren konnte. Hinzu trat, dass das Land gegen das Ende seiner Regierung in eine Wirtschaftskrise hineinschlidderte, deren Ursache ich darin sehe, dass auf Grund der Verwüstungen durch den Dreißigjährigen Krieg die Kaufkraft ganz allgemein enorm sank und damit so hochwertige Konsumgüter wie Rinder und vor allem Pferde nur noch schwer absetzbar waren. Der Graf und später der König von Dänemark reagierten dadurch, dass sie versuchten, die bisherigen Naturalabgaben durch Geldzahlungen, die sicherer waren, zu ersetzen, mit anderen Worten: Die Regeln des Kapitalmarktes hielten in der Marsch Einzug. Sie aber setzten voraus, dass die Steuerpflichtigen Geld hatten, was nicht der Fall war. Umso härter trafen sie die zahlreichen Katastrophen, die die Marsch heimsuchten. Zwar gelang es den dänischen Drosten den Deichbau nunmehr so zu organisieren, dass Katastrophen wie die von 1717, nicht mehr eintraten, aber da gab es ja noch die Rinderpest und den Mäusefraß, die winterliche Kälte oder die Trockenheit im Sommer, die Malaria (dat kole Fever) und den Typhus (de Sük“), und all das zehrte an der Substanz, was sich etwa in der sinkenden Bevölkerung der Marsch ausdrückte, bis man schließlich am Ende des 18. Jahrhunderts witzelte: Was ist weniger wert als Nichts? Antwort: Eine Hofstelle in der Marsch.

VI.

Die Franzosen brachten die Wende

Wenn ich an das 18. Jahrhundert denke, dann kommt es mir so vor, als ob über der Marsch tiefe Windstille herrscht während am Horizont die schwarzen Wolken der Revolution drohen, die aber von den Menschen nicht wahrgenommen werden, jedenfalls reagieren sie nicht, sondern warten ab, bis das Unwetter ausbricht. Ich spreche von dem Einmarsch französischer Truppen und von der Kontinentalsperre, die Napoleon im Jahre 1806 verhängte. Sie schnitt zwar einerseits gewohnte Handelsverbindungen vor allem zwischen den Hansestädten und England ab, eröffnete aber zugleich gerade den Dörfern in derr Marsch neue Möglichkeiten, denn die Handelssperre bot jungen Männern, die Mut hatten und über ein Boot verfügten, eine phantastische Gelegenheit, mit dem Schmuggel sehr schnell sehr viel Geld zu verdienen. Das war ja eigentlich eingewohntes Gewerbe, aber was man bislang so nebenbei betrieb, wurde nunmehr geradezu zum schwunghaften Handel, denn der Bedarf an Kaffee beispielsweise war enorm, das Angebot indes gering, was die Preise in die Höhe trieb, und hinzu kam, dass die Engländer von Helgoland aus, das für die Franzosen unerreichbar war, alles lieferten, was das Herz begehrte. Wer es schaffte, die Ware von dort in irgendeinen Sielhafen an Land und von hier nach Bremen zu bringen, konnte reich werden – allerdings riskierte derjenige, der sich erwischen ließ, sein Leben, aber gottseidank war die Küste unübersichtlich und das meist niederländische Zollpersonal korrupt, so dass das Risiko erträglich war. Das änderte sich nur vorübergehend, als Napoleon im Jahre 1811, um diesem Schleichhandel zu steuern, die ganze Nordseeküste für Frankreich annektierte und unter ein Sonderrecht stellte, denn zum einen waren, Gott sei es geklagt, auch die Beamten des Kaisers nicht ohne jeden Tadel, und zum anderen befand sich die französische Finanzverwaltung in so großer Verlegenheit, dass sie bald mehr daran interessiert war, an den Importen durch mancherlei Tricks zu verdienen, als sie zu verhindern. Und dann begann Napoleon, seinen Feldzug gegen Russland vorzubereiten, was bedeutete, dass er die Truppen von der Küste, die bis dahin einen sehr dichten Cordon bildeten, abzog, so dass Lücken entstanden, durch die weiter die verbotene englische Ware ins Land kamen. Natürlich führte niemand über die Gewinne, die so erzielt wurden, Buch, aber wenn in der Marsch im 19. Jahrhundert plötzlich enorme Investitionen getätigt werden konnten, an die man im 18. Jahrhundert nicht denken konnte und damit viel Geld verdient wurde, so können wir wohl in diesem illegalen Handel, der von 1806 bis 1813 blühte, die „Anschubfinanzierung“ sehen, die es den Bauern erlaubte, die kommende Konjunktur, die sich aus dem Wachstum der neuen Städte, besonders Bremerhavens und Wilhelmshavens, ergab, in vollem Umfang zu nutzen. Hinzu kamen die Anforderungen der Industriezentren, die jetzt durch die Eisenbahnen schnell und bequem erreichbar waren, kurzum: wir erleben in diesen Jahrzehnten die Goldenen Tage der Marsch.

Im 19. Jahrhundert schien über dem Land an der Küste wirklich die Sonne, denn nun kamen alle günstigen Faktoren zusammen:

Der wachsende Bedarf einer zunehmenden Bevölkerung,

der enorm erleichterte Verkehr,

eine Rechtssicherheit, wie man sie bis dahin nicht gekannt hatte, die durch willkürliche Eingriffe des Landesherrn nicht mehr gestört wird,

ein Wirtschaftsgebiet, das der Wirtschaftskraft entsprach und vor allem

ein hundertjähriger Friede, der von 1814 bis 1914 jedenfalls in Deutschland nicht unterbrochen wurde.

Es ist zwar richtig, dass die Gottorps noch in Oldenburg regieren, aber sie stören nicht weiter und sichern allein dadurch, dass sie vorhanden sind, die Oldenburger vor dem Schicksal, ein preußischer Regierungsbezirk zu werden, was man durchaus nicht erleben wollte – dann lieber einen Großherzog ertragen, dessen pompöser Titel, nämlich „Königliche Hoheit“einen lächerlichen Kontrast zu seiner tatsächlichen Bedeutungslosigkeit bildete, aber Nikolaus Friedrich Peter sah man eigentlich nie in seiner Residenz, denn er lebte fast nur auf seinen Latifundien in Schleswig-Holstein, wo ihn keine Demokraten störten, während der letzte Großherzog mit seiner „Lensahn“ auf den sieben Weltmeeren kreuzte. Sie fielen also schon nicht mehr auf, als sie noch regierten, warum also sollte man sie vermissen, als sie verschwunden waren?

Die wirtschaftlich und deshalb auch politisch entscheidende soziale Schicht in Oldenburg waren immer noch die Bauern. Sie waren es, die eine Verfassung durchsetzten und nunmehr entschieden, was zu geschehen hatte, wobei sie für ein gemäßigtes liberales Klima sorgten, in dem man vor allem ein Prinzip beachtete, das man von dem Kürzel „l.s.“ (loco sigilli) ableitete, mit dem man in den Urkunden den Ort des Amtssiegels bezeichnete und das man üblicherweise so übersetzte: „Lat sluren!“Man war halt auch im Norden ein wenig „schlampert“und ließ es sich dabei gut gehen. Jetzt endlich sind die Bauern in der Lage, das Hallenhaus, in dem Mensch und Vieh unter einem Dach (und unter einer Dunstglocke) lebten, zu verlassen und sich eigene Villen zu errichten, die von den Ställen getrennt sind und in denen sie standesgemäß, also auf städtischen Niveau, wohnten. Aber zugleich leeren sich die Stallgebäude – zwar bleibt das Vieh, aber das Personal wechselt lieber in die Fabriken und Werften, wo der Verdienst höher und die Arbeitszeit geregelt ist. Zwar lässt sich das Defizit bis zu einem gewissen Grade durch Maschinenkraft ausgleichen, aber es rückt unabweislich die Zeit heran, in welcher der Bauer mit seiner Frau alleine in einem riesigen Hof mit seinem Vieh zurückbleibt.

Und in den Städten wächst eine neue, sehr fremde Welt heran, die dannam Ende des 19. Jahrhunderts auch die Marsch verändern sollte mit der Folge, dass der Bauer an den Rand der Gesellschaft gedrängt wird. Er bestimmt nicht mehr, was geschieht, vielmehr fallen die Entscheidungen jetzt weit entfernt - in Bremen, aber auch in Köln oder in Berlin – ein Prozess, der für die Zeitgenossen nur schwer verständlich war.

Warum haben es die Bauern nicht verstanden, sich darauf einzustellen?

Ich kann hier nur Vermtungen äußern, das aber soll geschehen:

Der Marschbauer, so habe ich gesagt, verstand sich immer als ein Agrarunternehmer. Im Mittelalter waren die Friesen reich, weil sie Produktion und Handel in der Hand behielten, bis dann die Kogge die Situation veränderte. Die Sachsen verfuhren genau so: Sie produzierten Rinder und Pferde und trieben sie dann nach Bremen, Hannover oder Amsterdamm, um sie dortzu verkaufen, wenn die Viehhändler nicht ins Land kamen, um die Tiere abzunehmen. Das Geschäft verstanden sie hervorragend, aber als die klimatischen Bedingungen die Bauern zwang, sich auf die Produktion von Getreide umzustellen, versagten sie kläglich. Im 19. Jahrhundert hielt man an dieser Tradition fest und setzte dabei durchaus moderne Technik ein: so kauften Butjadinger Bauern in den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts einen Dampfer, um den Viehexport nach England selbst zu organisieren. Als der aber scheiterte, setzte man das Unternehmen nicht weiter fort und überließ den Handel lieber dem Norddeutschen Lloyd. Damit warman faktisch aufdie Produktion zurückgeworfen, während man den Teil des Geschäfts, bei dem das meiste Geld verdient wure, anderen überließ. Und noch eine Beobachtung: Wie wir gesehen haben, hatten die Bauern des Mittelalters den Deichbau genossenschaftlich organisiert. Diese Organisationsform kannte man also, und die setzte man ein, um beispielsweise den Absatz der Agrarprodukte oder den Einkauf zu rationalisieren, aber die Produktionseinheiten, also die einzelnen Höfe, blieben bestehen. Man kam also nie zu anonymen Gesellschaften, wie sie in der Industrie zu dieser Zeit entstanden, um das durchaus vorhandene Kapital zu bündeln und zentral einzusetzen. Die Bauern waren also sehr gerne bereit, auf ihren Höfen oder auch im Vertrieb moderne Techniken einzusetzen und sie fügten sich auch in genossenschaftliche Organisationen ein, wenn es um Einkauf und Vertrieb ging, aber sie verstanden nicht, dass das Kapital inzwischen sozusagen ein Eigenleben entwickelt hatte und dass die Zukunft bei den Aktiengesellschaften und Gesellschaften mit beschränkter Haftung lag. Sie überschritten also nicht die Grenze, die die frühere merkantilistische Wirtschaft vom modernen Kapitalismus trennt und blieben als Randexistenzen der modernen Marktwirtschaft zurück.

Das wird deutlich, wenn wir uns die Geschichte Nordenhams betrachten. Die Stadt wurde ja von dem Viehhändler Wilhelm Müller gegründet, der von dem Gut Nordenham aus, als Agent des Norddeutschen Lloyds den Rindviehexport nach England organisirte. Nordenham ist also die einzige bäuerliche Stadtgründung, von der ich weiß, aber die Geschichte der Kommune wäre zu Ende gewesen, bevor sie so recht angefangen hatte, denn der Viehexport endete bereits in den achtziger Jahre des 19. Jahrhunderts. Dann folgte der Boom, der dadurch ausgelöst wurde, dass die Überseedampfer des Norddeutschen Lloyds in Nordenham anlegten, weil der Kaiserhafen auf Guntsiet umgebaut wurde, dann aber wäre wohl wirklich Schluss gewesen, wenn da nicht die Familie Vinnen in Bremen gewesen wäre, die die günstige Lage Nordenhams für sich entdeckten und nun die weitere Entwicklung anschoben. Von nun an wurde die Landschaft einerseits von den Schloten der Fabriken, andererseits von den ausgedehnten Siedlungen für die Arbeiter geprägt, die ins Land gezogen wurde. Und denselben Prozess bebachten wir in Bremerhaven und dann auch, wenn auch unter anderen Voraussetzungen, in Rüstringen/Wilhelmshaven – überall bildet von nun an ein Proletariat, das ausaller Herren Länder zusammengeströmt war, die Mehrheit der Bevölkerung und drängt diejenigen, die bislang die Kultur der Gesellschaft geprägt hatten, an den Rand – ein sozialer Prozess, der meines Erachtens bislang nicht verstanden und schon gar nicht bewältigt wurde.

VII.

Auswanderer retten Bremen

Es wird indes Zeit, dass wir nach Bremen zurückkehren, denn die Musik spielt natürlich weder in Nordenham noch in Rüstringen/Wilhelmshaven, sondern immer noch an der Schlachte, auch wenn Bremen sich seit dem 17. Jahrhndert etwas weserabwärts in Vegesack einen neuen Hafen zugelegt hat. Im 18. Jahrhundert, so hatte ich gesagt, stand Bremen in der Gefahr, in Bedeutungslosigkeit zu versinken. Wirtschaftlich ging es der Stadt schlecht und militärisch lag sie jedem Zugriff offen. Wenn sie ihre Selbständigkeit bewhrte, so lag das zum einen an dem diplomatischen Geschick des Rates, zum andern aber auch daran, dass beide Nachbarn, das Königreich Dänemark in Oldenburg und das Vereinigte Königreich von Großbritannien und Irland in Hannover kein Interesse daran hatten, den Bisen zu schlucken. Vielleicht hätten sich für die Wirtschaft neue Chancen ergeben, wenn Napoleon I. länger regiert hätte und wenn es diesem vergönnt gewesen wäre, den Frieden mit England zu schließen, den dann Talleyrand und vor allem sein Neffe, Napoleon III., später zustandegebracht haben. So kam halt das Deutsche Reich, das zwar zunächst enorme Vorteile mit sich brachte, dann aber, im 20. Jahrhundert, mit Kaiser Wilhelm II. und dessen Nachfolger im Amt und im Geiste, Adolf Hitler, die Entwicklung nahm, die wir kennen, wobei für Bremen der alte Satz galt: Mitgefangen – mitgehangen. Aber der Reihe nach: Das 19. Jahrhundert war für die Hansestadt an der Weser eine Epoche immensen Reichtums und das dank dem Menschenhandel, der in den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts begann und dann erst kurz vor dem Ersten Weltkrieg versiegte. Ich meine damit den Transport der Auswanderer, die aus ihrer europäischen Heimat weichen mussten, weil sie hier keine Existenzgrundlage mehr fanden, und zunächst nach Lateinamerika, dann aber vor allem in die USA auswanderten. Diese „Elenden“, um hier das schöne, alte Wort einzusetzen, reisten zwar auch über Hamburg über den Atlantik, vor allem aber über Bremen, wo sich der Norddeutsche Lloyd um sie kümmerte. Mit diesem Fährbetrieb über den Atlantik wurde Bremen endlich zu dem, was es bis zum Ersten Weltkrieg war, und nicht nur Bremen: auch das im Jahre 1827 gegründete Bremerhaven verdankt diesem Geschäftszweig seine erste Blütezeit.

Wer aber vom Transport lebt, braucht auch Transportmittel – in diesem Falle also Schiffe. Wir haben also an der Unterweser eine überaus lebhafte Werftindustrie, deren Betriebsstätten im 19. und 20. Jahrhundert das bremische, preußische und oldenburgische Unterweserufer säumten, bis sie der zunächst japanischen und dann koreanischen Konkurrenz erlagen. Manche Produkte dieser Industrie sind noch heute sprichwörtlich so das Fünfmast-Vollsschiff „Preußen“ gebaut auf der Tecklenborg-Werft in Geestemünde und der Turbinendampfer „Bremen“ von der AG Weser, der inzwischen legendären „Akschn“, die in den kurzen Friedensjahren zwischen den beiden Weltkriegen das Blaue Band holte und 1939 von den USA über die UdSSR nach Wesermünde durchbrach, wo das Schiff im Jahre 1941 verglühte, wie man vermutet: durch einen Sabotageakt. Ob der Schuldige allerdings der Schiffsjunge war, der dann für das Verbrechen hingerichtet wurde, sei dahin gestellt. Das alles ist heute Vergangenheit, an die so gut wie nichts mehr erinnert. Im heutigen Land Bremen wird kein Schiff mehr gebaut. Auf dem niedersächsischen Ufer halten sich noch einige Betriebe, die aber mehr einen mittelständischen Charakter haben. Im wesentlichen gehört die Werftindustrie der Vergangenheit an.

Eines anderen Industriezweigs will ich mich erinnern, der die Nachfolge des Robbenschlags antrat: der Fischfang. Geestemünde, Bremerhaven und vor allem Nordenham waren einmal die Standorte einer bedeutenden Fischdampfer-Flotte, deren Schiffe zuletzt bis an die kanadische Küste und bis in die Barentssee fuhren und dabei an der Vernichtung der Bestände mitwirkten, so das es heute kaum noch was zu fangen gibt – ein schönes Beispiel dafür, dass der Mensch seit jeher damit beschäftigt ist, die Grundlagen seiner eigenen Existenz zu vernichten, wie auch immer: wenn im 20. Jahrhundert Frieden herrschte, dann gehörten die Fischdampfer, die in die Weser einliefen oder aber zum Fang fuhren zum gewohnten Bild auf der Unterweser. Und wieder hing an den Booten eine ganze Industrie von Verarbeitunsgbetrieben, Werften und was es sonst gab.

Das alles reichte natürlich nicht aus. Sehr früh erkannte man in Bremen, dass die Stadt als Handelsplatz nicht überleben könne, vielmehr auch Standort einer möglichst vielfältigen Industrie werden müsse. So entstand denn die Klöckner-Hütte beispielsweise, vor allem aber griffen bremische Betriebe auf das linke Weser-Ufer über und breiteten sich, wie erwähnt, in Nordenham an, wo sich zeitweilig eine etwa sieben Kilometer lange Kette von Werken an der Weser entlang reihte.

Genug davon.

Heute ist das unübersehbar, was eigentlich für die ganze Geschichte des Raumes gilt, seit er durch Produktion und Handel strukturiert wird, dass Bremen das wirtschaftliche Zentrum des Unterweser- und Jaderaumes ist und nicht nur das: Hier konzentrieren sich nicht nur Produktion und Handel, sondern auch die Wissenschaft und, nicht zuletzt, die Kultur – und das trotz aller Rückschläge, die es in den vergangenen Jahren reichlich gegeben hat. Und damit meine ich nicht nur die beiden Weltkriege mit den darauffolgenden „Währungsreformen“, durch die traditionelle vermögen vernichtet wurden, sondern auch jene ganz gewöhnlichen Wirtschaftskatastrophen wie die Pleite der Nordwolle, dann der Zusammenbruch der Nordwolle, den Untergang der bremischen Werftindustrie und der Fischerei, ds Ende der Pasagierverbindung mit New York – dies und manches mehr konnte nicht durch neue Industrie-Ansiedlungen ausgeglichen werden. Die Gründung der Universität hat zwar Bremen zum wisseschaftlichen Scherpunkt im Nordwesten Deutschlands gemacht, aber reicht das aus, um die Zukunft der Stadt zu sichern?

Ich fürchte, dass das nicht der Fall sein wird, denn ich habe eines Faktors der bremischen Geschichte noch nicht gedacht: Die Stadt lebt davon, dass die Straße des Königs, also die Weser, offen bleibt. Sie war im Mittelalter durch Seeräuber bedroht, aber diese Gefahr hat der damalige Rat abwenden können. Dann versandete der Strom, während gleichzeitig die Schiffe größer wurden, so dass sie den Seehafen nichtmehr erreichen konnten. Die Gründung der Stadt Bremerhaven erleichterte zwar das Problem, brachte aber letztendlich keine Lösung, aber dann kam der geniale Franzius, der die Verbindung der stadtbremischen Häfen mit der See wieder herstellte. Seitdem ist die Weser immer wieder verteieft worden, aber jetzt ist eine Grenze erreicht – die Schiffe der jüngste Containergeneration sind so riesig, dass sie nur in der Jade, also in Wilhelmshaven, einen Anlegeplatz finden werden. Wird damit der einstige Kriegshafen, einst der unproduktivste Ort des Deutschen Reiches, zum neuen Zentrum des Nordwestens?

Das ist wohl die Frage, um die es in der kommenden Generation gehen wird. Ich weiß nicht, ob das stimmt, aber mir wurde mal erzählt, dass die Amerikaner dem Bürgermeister Wilhelm Kaisen einmal angeboten hatten, die Landkreise Osterholz Scharmbeck, Wesermünde und Wesermarsch zum Lande Bremen zu schlagen, was dieser sicherlich bedeutende Politiker damals abgelehnt habe – wie schade. Ich denke, er hätte sagten sollen: Wir brauchen aber auch noch den Kreis Friesland mit Wilhelmshaven. Dann wäre ein zukunftsfähige Hafenregion entstanden, die als eigenes Bundesland ihre Interessen in dem neuen deutschen Bundesstaat und vor allem in der europäischen Unionen wirkunsgvoller hätte vertreten können als es das kleine Land Bremen vermag, das nur einen Bruchteil des tatsächlichen Wirtschaftstraumes tatsächlich beherrscht und vor allem: es hätte eine einzige Regierung gegeben, die geplant und entschieden hätte und nicht deren zwei, von denen eine zu allem Überfluss tief im Binnenland ihren Sitz hat und erfahrungsgemäß für die Interessen der Küste wenig Interesse und Verständnis aufbringt, denn man darf nie vergessen, was wir in Butjadingen in diesen Schnack kleiden pflegten: „Blexen ist das letzte Dorf vor Amerika!“ Ich will damit sagen: Damals, als die „Bremen“, die „Europa“ und die „Columbus“ noch zwischen Bremerhaven und New York hin und her pendelten, lag den Menschen an der Küste der Broadway immer noch näher als der Kurfürstendamm – von München ganz zu schweigen. Das hat sich geändert. Die Schiffe sind versunken, ausgebrannt, verschrottet und die Passagiere steigen heute in Frankfurt in ein Flugzeug, wenn sie in die USA reisen wollen – wir sind zur Provinz geworden, und wenn wir daraus erwachen sollten, dann werden wir riesige Gebirge von Containern vor Augen haben, die angelandet werden und dann mit der Bahn, mit Binnenschiffen und sonst wie irgendwohin geschafft werden – und die uns kaum noch einen Blick auf die Jade oder die Weser gestatten. Und diese Warenmengen werden uns nicht mehr gestatten, uns mit solchen Grenzen herumzuärgern, wie wir sie noch heute kennen. Und was bedeutet das für die „Vryheidt“ des Rolands von Bremen?

XVIII.

Geschichte im Dreiklang

Und damit will ich meinen Gang durch eine zweinhalbtausendjährige Geschichte beenden, die auf der Feddersen Wierde irgendwann um 400 a. Chr. begann und uns am Ende nicht sehr viel weiter gebracht hat: noch immer leben die Menschen in dem wirtschaftlichen Dreiklang der Landwirtschaft, des Handels und des Handwerks, allerdings haben sich die Dimensionen verändert: Wohnten in dem Marschendorf der germanischen Antike vielleicht dreihundert Menschen, so zählen die Siedlungen heute Tausende von Einwohnern, die sich untereinander nicht mehr kennen. Auch die Gewichte der Produktionszweige haben sich verschoben: Die Landwirtschaft ist relativ unbedeutend geworden, verglichen mit dem Handel und der Industrie, die riesige Dimensionen angenommen haben und weltweit vernetzt sind. Entsprechend veränderten sich die sozialen Beziehungen – eine Situation, die wir, wenn ich das richtig sehe, noch keineswegs richtig verstanden haben, geschweige denn, dass wir uns darauf einstellen konnten. Aber wenn wir uns heute mit der Geschichte der Marsch an Weser und Jade beschäftigen, so können wir daraus deshalb Gewinn ziehen, weil das Gebiet geradezu „geschichtsfeindlich“ ist, denn es wurde nicht nur relativ spät besiedelt, sondern ist darüber hinaus immer neu kolonisiert worden. In der Wesermarsch selbst gibt es heute so gut wie keine „Alten Familien“ – außer dem Franckens, den Tantzens und den Lübben fallen mir keine Namen ein -, und im Jeverland und dem Harlinger Land sind sie zwar häufiger, haben aber nicht mehr den alten gesellschaftlichen Rang. Diese Prozesse bedeuten natürlich enorme Traditionsbrüche, die unter anderem daran deutlich werden, dass die Menschen nach der neuen Besiedlung des Landes nicht weniger als dreimal die Sprache gewechselt haben: Sie legten das Friesische ab und wandten sich dem Sächsischen zu, das vom Hochdeutschen abgelöst wurde (an dessen Stelle möglicherweise in Zukunft das Englische tritt). Am gravierendsten scheint mir aber, dass sich aus den Handwerken, die in der Zeit, die ich im wesentlichen betrachtet habe, neben der Landwirtschaft und der Seefahrt, also dem Transportwesen, ein Schattendasein führten, heute die Industrien entwickelt haben, die wirtschaftlich die zentrale Rolle spielen. Und mit ihr gewann die Schicht der Lohnabhängigen, deren Angehörige in der Landwirtschaft nicht sehr zahlreich, wenig qualifiziert und überaus zersplittert waren, also kaum ein politisches Bewusstsein entwickeln konnten, eine neue Bedeutung, die sich in sozialen Konflikten äußerten, die auch in dem hier betrachteten Raum eine Rolle spielten. Nur ein Ereignis sei erwähnt – das einzige von historischer Bedeutung an Weser und Jade: ich meine die Revolution von 1918, die von Matrosen der Hochseeflotte in Wilhelmshaven ausgelöst wurde. Gewiss: Hier revoltierten Männer, die keine Beziehung zu Land und Leuten hatten, aber die Verhältnisse auf den Linienschiffen der Kaiserlichen Marine waren doch ein sehr schönes Spiegelbild der gesellschaftlichen Verhältnisse jener Tage, was übrigens auch für diejenigen auf den Schlachtschiffen der späteren Kriegsmarine gilt – ich meine hier vor allem die „Bismarck“, deren Männer in einer vergleichbaren Situation eben nicht revoltierten, sondern im Atlantik absoffen.

Wenn ich auf die Geschichte des Kulturraums an der Unterweser und der Jade zurückschaue, so beeindruckt mich zunächst, wie sehr die geographischen Gegebenheiten Menschen ganz unterschiedlicher Herkunft zu ganz ähnlichen Lösungen ihrer technischen wie auch sozialen Probleme veranlassten, egal ob wir es mit den Chauken der Feddersen Wierde, den Friesen des Mittelalters oder den Sachsen der Neuzeit zu tun haben, ja, mutandis mutandis, gilt das sogar für den modernen Menschen, also für diejenigen, die Industrie und Krieg nach 1900 in das Land gebracht haben, wodurch sich zwar die sozialen Verhältnisse, nicht aber die geographischen verändert haben (was ich nicht weiter thematisieren konnte). Es bleibt noch die Frage, ob wir aus der Geschichte der Marsch irgendetwas lernen können. Ich meine, dies:

Wir beobachten, wenn wir die zweieinhalbtausend Jahre seit den Anfängen der Feddersen Wierde Revue passieren lassen, dass die politischen Entscheidungszentren sich von der gesellschaftlichen Basis immer mehr entfernen: vom Ganzen Haus“ zum zentralen Hof, von da zum Standort der Gaukirche, dann zum Grafenhof, dann nach Berlin und schließlich nach Brüssel, um nur einige Stationen zu nennen. Damit löst sich das „Ganze Haus“, von dem wir bei Betrachtung der Siedlung in Feddersen Wierde ausgegangen waren, auf, während gleichzeitig die emotionalen Derivate wie „Heimat“, „Betrieb“, und „Nation“ ihre Verbindlichkeit verlieren, so dass sich die Frage stellt, wie das Defizit, die so entsteht, ausgefüllt werden kann.

Zugleich beobachten wir einen erstaunlichen Mangel an Tradition, wie er für die Marsch kennzeichnend ist. Die „alten Sitten und Gebräuche“, die vor allem völkischen Ideologen so wichtig sind, existieren an der Unterweser und an der Jade nicht. Stattdessen beobachten wir tiefe Brüche, die von den lokalen Historikern, die allerdings in aller Regel bestrebt waren, die deutschnationale Ideologie zu illustrieren, bislang keineswegs verstanden wurden. Ich denke da insbesondere an den Wechsel von der germanischen Religion zu der christlichen im 8. Jahrhundert, dann an die die Reformation, also den den Übergang von der katholischen Mythologie zum lutherischen Totalitarismus im 16. Saeculum, und schließlich an die Industrialisierung des 20. Jahrhunderts mit ihren tiefgreifenden sozialen und ideologischen Konsequenzen.

Und bei all diesen tiefen Umbrüchen müssen wir die wichtigste Leistung insbesondere der Marschbauern im Auge behalten, dass sie es nämlich verstanden haben, gegen alle Widrigkeiten ihre wirtschaftliche Eigenständigkeit zu behaupten, aus der sich dann die politische Selbstbestimmung, die das deutsche Volk durch die Revolution von 1918 gewonnen hat, entwickelte. Auch diese Geschichte ist bislang nicht geschrieben worden, aber ich denke, dass es sich lohnen würde, ihr nachzuspüren. Gewiss, die Bauern der Marsch haben zunächst ihre politische Freiheit verloren und dann auch ihre wirtschaftliche Eigenständigkeit eingebüßt, aber bei alledem blieb den Menschen insgesamt der Marsch das erhalten, was den Griechen einmal das Wichtigste war: Die persönliche Selbstbestimmung! Und die bildet vielleicht einmal die Basis für die moralische Autonomie des Menschen überhaupt, aber damit bin ich endgültig in der Utopie angekommen, in die vermutlich jede Geschichtsschreibung mündet