Dr. Klaus Dede
1. Juni 1935 - 5. Mai 2018

1 August 2012

Natürlich finde ich den Anschluss nicht an mein bisheriges Tagebuch. Mögen also meine Nachlassverwalter, wenn es denn solche gibt, herausfinden, wo der Text aus der ersten Hälfte dieses Jahres abgeblieben ist - irgendwo werden sie ihn finden. Ich mache hier weiter. Nach meiner Erinnerung stellte ich zum Abschluss die Frage, wer denn als Jude zu gelten hat. Nach rabbinischem Recht, so wurde mir gesagt, gilt als Jude, wer von einer einer jüdischen Mutter geboren wurde, egal ob er das akzeptiert oder nicht. Außerdem kann jeder Jude werden, wenn er von einer Gemeinde aufgeommen wird, was nur nach einer strengen Prüfung geschehen kann. Ob dann an ihrm immer noch die Beschneidung vorgenommen wird, weiß ich nicht und kann ich, da Juden in Deutschland nicht mit mir reden, auch nicht in Erfahrung bringen.

Wie auch immer:

Das Judentum ist auf jesen Fall eine Religion und zwar, wie ich vermute, die älteste, die noch praktizitiert wird, vor Allem aber übt das Judentum einen tiefen Einfluss sowohl auf die christliche als auch auf die islamische Religion aus und zwar über den Tanach, also das "Alte Testament", eben nicht nur ein etwas umfänglich geratenes Vorwort zum "Neuen Testament" ist, wie die Christen sagen, sondern eine eigene Urkunde, die für uns deshalb wichtig ist weil sie, wie Heinrich Graetz mit Recht geschrieben hat, eine der Grundlagen unserer heutigen Lehre von den Menschenrechten ist. Insofern sind wir also alle Juden, oder, wie Luther gesagt hätte, "Judengenossen", also Solche, die mit dem Judentum verbunden sind.

Die Engführung im Falle des Judentums, die wir heute erleben, ist, so denke ich, die Folge der, ich sage das mit einem modernen Ausdruck, antisemitischen Hetze, die seit Antiochos Epiphanes (ich habe das dargelegt) diese Religion begleitet udn bedrückt. Die prinzipielle Judenfeindlichkeit ist also keineswegs eine Erfindung der christlichen Kirchen, wurde aber von ihnen übernommen, so dass in letzter Konsequenz das Verbrechen von Auschwitz möglich wurde.

"Das hätte nicht geschehen dürfen!" sagte Hannah Ahrens in einem Interview.

Aber es ist geschehen.

Und deshalb müssen wir uns mit diesem Ereignis, das sozusagen den absoluten Tiefpunkt menschlicher Moral bezeichnet, auseinander setzen. Ich habe an anderer Stelle meines Tagebuchs dargelegt, warum Auschwitz in der Tat einen einzigartigen Rang einnimmt und will mich hier nicht wiederholen.

Das Judentum ist also, das sei heute mein Schluss, eine Religion und zwar, ebenso wie dessen Derivate - damit meine ich das Christentum und den Islam - eine Weltreligion, auch wenn es sich, umzu überleben, sehr zurück genommen hat, aber das hat opportunistische Gründe, die das Dogma selbst nicht berühren.

Natürlich ist die Beschneidung einer Person eine Körperverletzung und deshalb im Prinzip abzulehnen. "Habeas corpus" heißt eines er Ältesten Gesetze, die auf Grund dieses Prinzips erlassen wurde, was bedeutet: Zunächst ist die Unversehrtheit des eigenen Körpers zu garantieren,weswegen jeder Arzt, bevor er das Messer ansetzt, das Einverständnis des Patienten einholt. Islamische Jungen werden, wenn ich das richtig weiß, in einem Alter beschnitten, in dem sie, nach unserem Recht religionsmündig sind. Sie könnten sich also, theoretisch zumindest, gegen die Maßnahme wehren, aber das trifft für aht Tage alte Säuglinge nicht zu.Über sie wird bestimmt und damit wird das zentrale Recht missachtet. das wir alle für uns in Anspruch nehmen, nämlich das auf eine selbstbestimmte Existenz. Die Frage lautet also ob das Recht auf Menschenwürde für alle gilt und unabdingbar, oder ob eine Gruppe, hier die Juden, aus dogmatischen Gründen dagegen verstoßen dar.

Ich sage ganz klar: nein.

Auch Juden müssen sich den Menschenrechten unterordnen und deshalb die Beschneidung männlicher Säuglinge unterlassen.

Ist das zu viel verlangt?

Durchaus nicht.

Die Juden sind - mit Recht - stolz darauf, dass sie in grauer Vorzeit auf den Ritus des Menschenopfers verzichtet haben. Gut so. Dann mussten sie auf die Tieropfer verzichten, weil diese nur auf dem Berg Zion vollzogen werden durften, wo die Römer aber nach Christus diesen Unsinn unterdrückten. Das Judentum ging aus dieser Krise gestärkt hervor, denn man stelle sich vor, dass der zweite Tempel noch stünde und dasss dort Priester täglich Tiere schlachteten, die sie bei vollem Bewusstsein ausbluten ließen, nein, das wäre heute nicht mehr zu vertreten. Das Judentum, das nach der Katastrophe des Jahres 70 entstand, wurde, dank der Pharisäer, zu der moralischen Instanz, die es heute ist. Und sollte eine Religion, die zu diesen Reformen fähig ist, nicht in der lage sein, auf die Beschneidung zu verzichten? Die Frage ist um so berechtigter, als die Operation keineswegs ein Alleinstellungsmerkmal mehr ist - viele Menschen sind, aus welchen Gründen auch immer, beschnitten, ganz abgesehen davon, dass die Nacktheit heute nicht so selbstverständlich ist, wie das im Altertum der Fall war, man also schwerlich den Penis in der Öffentlichkeit vorzeigt wie eine Vereinsabzeichen. Die eifrigen Juden sollten sich also beruhigen, denn wenn sie sich gegen Verbot der Beschneidung wehren, handelt sie nicht nur gegen ihre eigene Tradition, sondern verzichten auch darauf, etwa dem Terror der Salafisten argumentativ entgegen zu treten. Wollen wir das? Nein, ich jedenfalls nicht! Das Judentum ist zunächst eine Religion, aus der sich eine spezifisch jüdische Kultur entwickelte, die, wie angedeutet, weit ausstrahlte. Darüber hinaus vertraten und vertreten Juden, wenn sie Sozialverbände bilden, eine bestimmte Politik, deren ethische Prinzipien sich aus der jüdischen Religion, der jüdischen Kultur und den historischen Erfahrungen der Juden ergeben. Richtig? Ich hoffe, dass ich mit dieser Definition durchkomme. Was den Umgang mit Juden so unerhört schwierig macht, ist die Tatsache, dass die einzelnen jüdischen Gruppen keine zentrale Instanz kennen, die sagt, was "orthodox" ist und was nicht, so dass jede andere Akzente setzt. Man muss also, wenn man das Thema bearbeitet, höllisch aufpassen, dass man nicht verallgemeinert, wo ein solcher Schritt nicht zulässig ist. Ich benenne mal einen Punkt, der mich wichtig ist. Wenn wir in den Tanach schauen, finden wir dort eine Reihe "historischer" nach der bedeutung Erzählungen, in denen die jeweiligen Autoren scheinbar die Geschichte der Kinder Israels erzählen. Scheinbar? Nehmen wir als Beipiel die Geschichte von der Eroberung Jerichos. Wird in ihr ein historisches Ereignis erzählt? Nein! Als die Kinder Israels aus der Wüste nach Kanaan einsickerten, war Jericho ein Ruinenfeld. Sie haben also die Mauern keineswegs umgeblasen, wie das im Tanach steht. Dem Autor dieser Geschichte ging es also keineswegs darum, eine historische Tatsache zu überliefern, wie das Herodot tat, vielmehr wollte er seinen Lesern in einer mythischen Form etwas sagen, was zeitlos richtig war. Wenn wir also die Geschichten im Tanach lesen, dürfen wir nicht fragen, ob das, was dort ausgesagt, wirklich so geschehen ist, sondern müssen versuchen, die Bedeutung des Mythos zu verstehen. Historisch richtig ist im Tanach so gut wie nichts - und eben darin liegt die Bedeutung dieses Konvoluts für uns - aber diesen Faden will ich hier nicht weiter spinnen. Und dennoch: Wie jeder Mythos ist auch der jüdische irgendwie verankert in der historischen Realität, auch wenn wenn diese für uns gelegentlich kaum ist. Um die Geschichte von Jericho noch einmal zu erwähnen: Richtig ist an der Sage, dass die Kinder Israels aus der Wüste nach Kanaan einsickerten und dass sie dabei die Ruinen der sehr alten Stadt sahen, die ihnen offenbar großen Eindruck gemacht hatten. Das erinnerte sie sicherlich an den Widerstand, den sie zu brechen hatten, als sie den Jordan überschritten, und so entstand dann die Sage, die wir heute im Tanach finden. Darf ich jetzt versuchen, noch einmal zu definieren, worin das Judentum besteht? Wohlan denn: Das Fundament des Judentums ist, denke ich, auf jeden Fall der Tanach, aus dem das erwuchs, was wir als "jüdische Kultur" und "jüdische Tradition" bezeichnen können. Und diese Tradition hat es in sich. ۞ Kriege wurden am Altertum mit äußerster Grausamkeit geführt, vor allem dann, wenn es sich um Aufstände gegen den Senat und das Volk Roms handelte. Die Folgen solcher Katastrophen waren immer die Vernichtung der Ernten - und das über Jahre hinweg - und die Entvölkerung des Kriegsschauplatzes, in diesem Falle Palästinas. Das war normal. Aber wurden die Juden aus dem Eretz-Israel vertrieben? Das wird bestritten. Und in der Tat: Wir sind über die Ereignisse des ersten nachchristlichen Jahrhunderts recht gut unterrichtet, aber von einer "Völkerwandereung", vergleichbar der, welche die Deutschen in den Ostprovinzen von 1946 bis 1947 erlebt haben, finden wir keine Spur. Und diese Juden sollen bis Köln gekommen sein? Natürlich nicht. Wir müssen bedenken, dass die Menschen in der Antike sehr mobil waren: Das Straßennetz war gut ausgebaut, und man reiste relativ sicher im Römischen Reich, also finden wir Juden in großer Zahl überall, vor allem in Alexandria und in anderen Zentren. Diese Ausbreitung des Judentum ist also leicht erklärlich, und zwar ganz ohne die Vertreibungs-Theorie, und diese Kinder Israels waren von den Ereignissen in Palästina nicht betroffen, denn Rom führte Krieg gegen die aufständischen Zeloten in Jerusalem, aber nicht gegen die Juden am Nil oder sonstwo. Warum auch? Die Juden waren ja nicht nur Handelspartner, sondern darüber hinaus sozusagen Vorbilder im philosophischen Diskurs, denn sie vertraten bereits das, wonach die Hellenisten bislang nur getastet hatten: den Glauben an den Einen Gott, Schöpfer Himmels un der Erden. Diese Konzeption wirkte überaus attraktiv mit der Folge, dass die jüdische Religion weit ausstrahlte: · in den Hedschas im Süden von Arabien, · nach Osten bis in das Mündungsgebiet der Wolga, · und nach Westen in den Magreb. Und in all diesen Gebieten entstanden jüdische Reiche, die später allerdings untergingen. Was war geschehen? Ganz einfach: Nicht die Juden wanderten, wohl aber ihre Religion! Und das ist ein normaler Vorgang. Mit anderen Worten: Die Vertreibung der Kinder Israels aus dem ihrer Heimat hat es nie gegeben. Sie ist eine Legende, die verschiedenen Zwecken diente, zuletzt dem Ziel, Palästina für die Zionisten zu beanspruchen, wobei sie den einheimischen Arabern im Lande das zumuteten, was sie selbst, jedenfalls im Altertum, nie erlitten hatten: nämlich die Vertreibung. Ist damit die Geschichte zu Ende? ۞ Sag einmal, Klaus, warum sind die Juden überall wo sie auftauchen ungern gesehen, ja, verhasst? Das ist die berühmte "Judenfrage", die seit 2000 Jahren gestellt und ganz unterschiedlich beantwortet wurde. Diejenigen die sie stellen - in diesem Falle war das ein ehemaliges SS-Mann - befinden sich mit dem Argument bereits mitten im Sumpf antisemitischer Stereotype, denn sie erwarten, dass diejenigen Menschen, die sie als Juden bezeichnen, sich rechtfertigen und zwar gegen den Vorwurf, dass sie so sind, wie sich der Antisemit halt Juden vorstellt. Das ist ein absurdes Theater. Mit anderen Worten: Es gibt keine "Judenfrage". Sehr wohl dagegen "Antisemitismus" und "Antisemiten" Aber die gehen die Juden nichts an, denn beides betrifft sie nicht. Im übrigen sei vermerkt, dass der Antisemtismus keineswegs überall existierte und existiert. Ich habe bereits gesagt, dass das Phänomen zuerst in Syrien unter der Regierung des Seleuikiden Antiochos IV. Epiphanes auftauchte, sich dann aber systematisch überall da verbreitete, wo die christliche Religion herrschte, und nun konnte durchaus der Eindruck entstehen, dass das Vorurteil überall herrschte, denn wo gab es keine Christen und damit keinen Antisemitismus? Die Antwort, die ich so suggeriere, lautet: Nirgendwo. Damit wäre mein SS-Freund bestätigt. Mit anderen Worten: Der Antisemitismus - und damit meine ich den eliminatorischen Antisemitismus, denn es gibt keinen Anderen. Und daraus folgt: Die letzte Ursache des Verbrechens von Auschwitz führte, ist die christliche Dogmatik - alles Andere sind Derivate dieses Übels. Die Judenfrage gibt es also nicht, wohl aber die Frage an die Christen, wie sie mit dieser kollektiven Schuld umgehen, ja fertig werdenwollen. Und da hilft kein Hinweis auf Bonhoeffer und Lichtenberg. Ihre Verdienste bestreite ich - im Gegenteil: ich bewundere sie -, aber wer Bonhoeffer sagt, sollte auch jenen Pfarrer aus Schleswig Holstein benennen (den Namen habe ich leider vergessen), der im Raum Rostow Juden im Auftrage Heydrichs Juden ermordetete und den hl. Johannes Capistrano, der in Breslau von einem Fenster aus genußvoll zuschaute, wie auf dem Markt Juden auf einem Scheiterhaufen verbrannt wurden. Die christliche Nächstenliebe nimmt wirklich seltsame Formen an. Ja, wir haben es durchaus mit einer "Christenfrage" zu tun - nicht aber mit einer Judenfrage. An den Juden ist nichts fraglich. Die Juden haben das Recht, so zusein, wie sind, und brauchen sich, Juden, weder vor mir noch sonst Jemandem zu rechtfertigen. Denn die Menschenrechte gelten für jeden und überall. Also noch einmal: Die Frage ist also nicht, wieso die Juden so sind, wie sie sind, sondern warum die Christen - und in ihrem Gefolge die Völkischen und die Islamisten - sie so hartnäckig und bösartig verfolgen. Darauf müssen die Christen eine Antwort finden - die Juden sind - seit Tertullian nichts weiter als unschuldige Opfer, zunächst christlicher dann völkischer Tücke und Niedertracht. Soll ich versuchen auf diese Frage eine Antwort zu geben? Die jüdische Religion ist zunächst ein Glaube, der sich auf die Aussagen des Tanach gründet. Nun ist das ein Kompendium von Schriften, die in Jahrhunderten entstand sind und mehrere Autor haben, so dass wir darin schwerlich so etwas wie einen roten Faden finden, sei denn wie stützen uns auf das Schmah Israel, das drei Elemente enthält: 1. Der Jude glaubt an den einen Gott, Schöpfer Himmels und der Erden, wie die Christen sagen. Und in der Tat: "Am Anfang schuf der JHWH Himmel und Erde und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe und der Geist Gottes scwebte auf dem Wasser ..." So beginnt die Schöpfungsgeschichte in der Übersetzung Luthers - nach meinem Dünken der gewaltigste Satz der Literaturgeschichte, den ich aber hier so stehen lassen will. 2. Dann werden die Juden im Schmah Israel daran erinnert, dass es eben dieser JHW sie aus Ägyptenland und aus der Knechtschaftgeführt hat - und dieser Punkt ist für mich entscheidend. 3. Der dritte Punkt ist die Aufforderung an die Juden, das Gesetz einzuhalten, was einmal dahin ausgelegt werden kann, dass es darauf ankommt die berühmten 213 Mizwot, die die Rabbiner aus dem Thora heraus gefiltert haben, einzuhalten - ein unmögliches Unterfangen, wie wir wissen - oder aber, wie Paulus sagt, dass ein jeder des Anderen Last trage, denn so werde er das Gesetz Moses' und der Propheten erfüllen. Mir geht es nun um den zweiten Bestandteil des Schmah Israel, nämlich das der Adonai das Volk Israel aus Ägypten und damit aus der Knechtschaft heraus geführt habe. Nur die Juden? Wenn das so wäre, könnten wir in der Tat diese Menschen sich selbst überlassen und den Tanach - die "Bibel" und damit das Buch schlechthin - in die Borte einordnen, in der die allgemeine Literatur steht - und dort - wie den Gilgamesch und all die anderen Werke, die unsere Kultur begründet haben udnoch bestimmen, obwohl sie, abgesehen von einigen Spezialisten, von Niemandem mehr gelesen haben. Ich stelle also die Frage: Was gehen uns die Juden noch an?

1 August 2012

Natürlich finde ich den Anschluss nicht an mein bisheriges Tagebuch. Mögen also meine Nachlassverwalter, wenn es denn solche gibt, herausfinden, wo der Text aus der ersten Hälfte dieses Jahres abgeblieben ist - irgendwo werden sie ihn finden. Ich mache hier weiter. Nach meiner Erinnerung stellte ich zum Abschluss die Frage, wer denn als Jude zu gelten hat. Nach rabbinischem Recht, so wurde mir gesagt, gilt als Jude, wer von einer einer jüdischen Mutter geboren wurde, egal ob er das akzeptiert oder nicht. Außerdem kann jeder Jude werden, wenn er von einer Gemeinde aufgeommen wird, was nur nach einer strengen Prüfung geschehen kann. Ob dann an ihrm immer noch die Beschneidung vorgenommen wird, weiß ich nicht und kann ich, da Juden in Deutschland nicht mit mir reden, auch nicht in Erfahrung bringen.

Wie auch immer:

Das Judentum ist auf jesen Fall eine Religion und zwar, wie ich vermute, die älteste, die noch praktizitiert wird, vor Allem aber übt das Judentum einen tiefen Einfluss sowohl auf die christliche als auch auf die islamische Religion aus und zwar über den Tanach, also das "Alte Testament", eben nicht nur ein etwas umfänglich geratenes Vorwort zum "Neuen Testament" ist, wie die Christen sagen, sondern eine eigene Urkunde, die für uns deshalb wichtig ist weil sie, wie Heinrich Graetz mit Recht geschrieben hat, eine der Grundlagen unserer heutigen Lehre von den Menschenrechten ist. Insofern sind wir also alle Juden, oder, wie Luther gesagt hätte, "Judengenossen", also Solche, die mit dem Judentum verbunden sind.

Die Engführung im Falle des Judentums, die wir heute erleben, ist, so denke ich, die Folge der, ich sage das mit einem modernen Ausdruck, antisemitischen Hetze, die seit Antiochos Epiphanes (ich habe das dargelegt) diese Religion begleitet udn bedrückt. Die prinzipielle Judenfeindlichkeit ist also keineswegs eine Erfindung der christlichen Kirchen, wurde aber von ihnen übernommen, so dass in letzter Konsequenz das Verbrechen von Auschwitz möglich wurde.

"Das hätte nicht geschehen dürfen!" sagte Hannah Ahrens in einem Interview.

Aber es ist geschehen.

Und deshalb müssen wir uns mit diesem Ereignis, das sozusagen den absoluten Tiefpunkt menschlicher Moral bezeichnet, auseinander setzen. Ich habe an anderer Stelle meines Tagebuchs dargelegt, warum Auschwitz in der Tat einen einzigartigen Rang einnimmt und will mich hier nicht wiederholen.

Das Judentum ist also, das sei heute mein Schluss, eine Religion und zwar, ebenso wie dessen Derivate - damit meine ich das Christentum und den Islam - eine Weltreligion, auch wenn es sich, umzu überleben, sehr zurück genommen hat, aber das hat opportunistische Gründe, die das Dogma selbst nicht berühren. Natürlich ist die Beschneidung einer Person eine Körperverletzung und deshalb im Prinzip abzulehnen. "Habeas corpus" heißt eines er Ältesten Gesetze, die auf Grund dieses Prinzips erlassen wurde, was bedeutet: Zunächst ist die Unversehrtheit des eigenen Körpers zu garantieren,weswegen jeder Arzt, bevor er das Messer ansetzt, das Einverständnis des Patienten einholt. Islamische Jungen werden, wenn ich das richtig weiß, in einem Alter beschnitten, in dem sie, nach unserem Recht religionsmündig sind. Sie könnten sich also, theoretisch zumindest, gegen die Maßnahme wehren, aber das trifft für aht Tage alte Säuglinge nicht zu.Über sie wird bestimmt und damit wird das zentrale Recht missachtet. das wir alle für uns in Anspruch nehmen, nämlich das auf eine selbstbestimmte Existenz. Die Frage lautet also ob das Recht auf Menschenwürde für alle gilt und unabdingbar, oder ob eine Gruppe, hier die Juden, aus dogmatischen Gründen dagegen verstoßen dar.

Ich sage ganz klar: nein.

Auch Juden müssen sich den Menschenrechten unterordnen und deshalb die Beschneidung männlicher Säuglinge unterlassen.

Ist das zu viel verlangt?

Durchaus nicht.

Die Juden sind - mit Recht - stolz darauf, dass sie in grauer Vorzeit auf den Ritus des Menschenopfers verzichtet haben.

Gut so.

Dann mussten sie auf die Tieropfer verzichten, weil diese nur auf dem Berg Zion vollzogen werden durften, wo die Römer aber nach Christus diesen Unsinn unterdrückten. Das Judentum ging aus dieser Krise gestärkt hervor, denn man stelle sich vor, dass der zweite Tempel noch stünde und dasss dort Priester täglich Tiere schlachteten, die sie bei vollem Bewusstsein ausbluten ließen, nein, das wäre heute nicht mehr zu vertreten.

Das Judentum, das nach der Katastrophe des Jahres 70 entstand, wurde, dank der Pharisäer, zu der moralischen Instanz, die es heute ist.

Und sollte eine Religion, die zu diesen Reformen fähig ist, nicht in der lage sein, auf die Beschneidung zu verzichten?

Die Frage ist um so berechtigter, als die Operation keineswegs ein Alleinstellungsmerkmal mehr ist - viele Menschen sind, aus welchen Gründen auch immer, beschnitten, ganz abgesehen davon, dass die Nacktheit heute nicht so selbstverständlich ist, wie das im Altertum der Fall war, man also schwerlich den Penis in der Öffentlichkeit vorzeigt wie eine Vereinsabzeichen. Die eifrigen Juden sollten sich also beruhigen, denn wenn sie sich gegen Verbot der Beschneidung wehren, handelt sie nicht nur gegen ihre eigene Tradition, sondern verzichten auch darauf, etwa dem Terror der Salafisten argumentativ entgegen zu treten.

Wollen wir das?

Nein, ich jedenfalls nicht!

xyz

Das Judentum ist zunächst eine Religion, aus der sich eine spezifisch jüdische Kultur entwickelte, die, wie angedeutet, weit ausstrahlte. Darüber hinaus vertraten und vertreten Juden, wenn sie Sozialverbände bilden, eine bestimmte Politik, deren ethische Prinzipien sich aus der jüdischen Religion, der jüdischen Kultur und den historischen Erfahrungen der Juden ergeben.

Richtig?

Ich hoffe, dass ich mit dieser Definition durchkomme. Was den Umgang mit Juden so unerhört schwierig macht, ist die Tatsache, dass die einzelnen jüdischen Gruppen keine zentrale Instanz kennen, die sagt, was "orthodox" ist und was nicht, so dass jede andere Akzente setzt. Man muss also, wenn man das Thema bearbeitet, höllisch aufpassen, dass man nicht verallgemeinert, wo ein solcher Schritt nicht zulässig ist.

Ich benenne mal einen Punkt, der mich wichtig ist. Wenn wir in den Tanach schauen, finden wir dort eine Reihe "historischer" nach der bedeutung Erzählungen, in denen die jeweiligen Autoren scheinbar die Geschichte der Kinder Israels erzählen.

Scheinbar?

Nehmen wir als Beipiel die Geschichte von der Eroberung Jerichos.

Wird in ihr ein historisches Ereignis erzählt?

Nein!

Als die Kinder Israels aus der Wüste nach Kanaan einsickerten, war Jericho ein Ruinenfeld. Sie haben also die Mauern keineswegs umgeblasen, wie das im Tanach steht. Dem Autor dieser Geschichte ging es also keineswegs darum, eine historische Tatsache zu überliefern, wie das Herodot tat, vielmehr wollte er seinen Lesern in einer mythischen Form etwas sagen, was zeitlos richtig war. Wenn wir also die Geschichten im Tanach lesen, dürfen wir nicht fragen, ob das, was dort ausgesagt, wirklich so geschehen ist, sondern müssen versuchen, die Bedeutung des Mythos zu verstehen. Historisch richtig ist im Tanach so gut wie nichts - und eben darin liegt die Bedeutung dieses Konvoluts für uns - aber diesen Faden will ich hier nicht weiter spinnen.

Und dennoch:

Wie jeder Mythos ist auch der jüdische irgendwie verankert in der historischen Realität, auch wenn wenn diese für uns gelegentlich kaum ist. Um die Geschichte von Jericho noch einmal zu erwähnen: Richtig ist an der Sage, dass die Kinder Israels aus der Wüste nach Kanaan einsickerten und dass sie dabei die Ruinen der sehr alten Stadt sahen, die ihnen offenbar großen Eindruck gemacht hatten. Das erinnerte sie sicherlich an den Widerstand, den sie zu brechen hatten, als sie den Jordan überschritten, und so entstand dann die Sage, die wir heute im Tanach finden.

Darf ich jetzt versuchen, noch einmal zu definieren, worin das Judentum besteht?

Wohlan denn:

Das Fundament des Judentums ist, denke ich, auf jeden Fall der Tanach, aus dem das erwuchs, was wir als "jüdische Kultur" und "jüdische Tradition" bezeichnen können.

Und diese Tradition hat es in sich.

۞ Kriege wurden am Altertum mit äußerster Grausamkeit geführt, vor allem dann, wenn es sich um Aufstände gegen den Senat und das Volk Roms handelte. Die Folgen solcher Katastrophen waren immer die Vernichtung der Ernten - und das über Jahre hinweg - und die Entvölkerung des Kriegsschauplatzes, in diesem Falle Palästinas. Das war normal. Aber wurden die Juden aus dem Eretz-Israel vertrieben?

Das wird bestritten.

Und in der Tat: Wir sind über die Ereignisse des ersten nachchristlichen Jahrhunderts recht gut unterrichtet, aber von einer "Völkerwandereung", vergleichbar der, welche die Deutschen in den Ostprovinzen von 1946 bis 1947 erlebt haben, finden wir keine Spur.

Und diese Juden sollen bis Köln gekommen sein? Natürlich nicht.

Wir müssen bedenken, dass die Menschen in der Antike sehr mobil waren: Das Straßennetz war gut ausgebaut, und man reiste relativ sicher im Römischen Reich, also finden wir Juden in großer Zahl überall, vor allem in Alexandria und in anderen Zentren. Diese Ausbreitung des Judentum ist also leicht erklärlich, und zwar ganz ohne die Vertreibungs-Theorie, und diese Kinder Israels waren von den Ereignissen in Palästina nicht betroffen, denn Rom führte Krieg gegen die aufständischen Zeloten in Jerusalem, aber nicht gegen die Juden am Nil oder sonstwo.

Warum auch?

Die Juden waren ja nicht nur Handelspartner, sondern darüber hinaus sozusagen Vorbilder im philosophischen Diskurs, denn sie vertraten bereits das, wonach die Hellenisten bislang nur getastet hatten: den Glauben an den Einen Gott, Schöpfer Himmels un der Erden. Diese Konzeption wirkte überaus attraktiv mit der Folge, dass die jüdische Religion weit ausstrahlte:

· in den Hedschas im Süden von Arabien,

· nach Osten bis in das Mündungsgebiet der Wolga,

· und nach Westen in den Magreb.

Und in all diesen Gebieten entstanden jüdische Reiche, die später allerdings untergingen.

Was war geschehen?

Ganz einfach:

Nicht die Juden wanderten, wohl aber ihre Religion!

Und das ist ein normaler Vorgang.

Mit anderen Worten:

Die Vertreibung der Kinder Israels aus dem ihrer Heimat hat es nie gegeben. Sie ist eine Legende, die verschiedenen Zwecken diente, zuletzt dem Ziel, Palästina für die Zionisten zu beanspruchen, wobei sie den einheimischen Arabern im Lande das zumuteten, was sie selbst, jedenfalls im Altertum, nie erlitten hatten: nämlich die Vertreibung.

Ist damit die Geschichte zu Ende?

۞ Sag einmal, Klaus, warum sind die Juden überall wo sie auftauchen ungern gesehen, ja, verhasst?

Das ist die berühmte "Judenfrage", die seit 2000 Jahren gestellt und ganz unterschiedlich beantwortet wurde. Diejenigen die sie stellen - in diesem Falle war das ein ehemaliges SS-Mann - befinden sich mit dem Argument bereits mitten im Sumpf antisemitischer Stereotype, denn sie erwarten, dass diejenigen Menschen, die sie als Juden bezeichnen, sich rechtfertigen und zwar gegen den Vorwurf, dass sie so sind, wie sich der Antisemit halt Juden vorstellt.

Das ist ein absurdes Theater.

Mit anderen Worten: Es gibt keine "Judenfrage".

Sehr wohl dagegen "Antisemitismus" und "Antisemiten" Aber die gehen die Juden nichts an, denn beides betrifft sie nicht.

Im übrigen sei vermerkt, dass der Antisemtismus keineswegs überall existierte und existiert. Ich habe bereits gesagt, dass das Phänomen zuerst in Syrien unter der Regierung des Seleuikiden Antiochos IV. Epiphanes auftauchte, sich dann aber systematisch überall da verbreitete, wo die christliche Religion herrschte, und nun konnte durchaus der Eindruck entstehen, dass das Vorurteil überall herrschte, denn wo gab es keine Christen und damit keinen Antisemitismus?

Die Antwort, die ich so suggeriere, lautet: Nirgendwo.

Damit wäre mein SS-Freund bestätigt. Mit anderen Worten:

Der Antisemitismus - und damit meine ich den eliminatorischen Antisemitismus, denn es gibt keinen Anderen.

Und daraus folgt:

Die letzte Ursache des Verbrechens von Auschwitz führte, ist die christliche Dogmatik - alles Andere sind Derivate dieses Übels.

Die Judenfrage gibt es also nicht, wohl aber die Frage an die Christen, wie sie mit dieser kollektiven Schuld umgehen, ja fertig werdenwollen. Und da hilft kein Hinweis auf Bonhoeffer und Lichtenberg. Ihre Verdienste bestreite ich - im Gegenteil: ich bewundere sie -, aber wer Bonhoeffer sagt, sollte auch jenen Pfarrer aus Schleswig Holstein benennen (den Namen habe ich leider vergessen), der im Raum Rostow Juden im Auftrage Heydrichs Juden ermordetete und den hl. Johannes Capistrano, der in Breslau von einem Fenster aus genußvoll zuschaute, wie auf dem Markt Juden auf einem Scheiterhaufen verbrannt wurden.

Die christliche Nächstenliebe nimmt wirklich seltsame Formen an.

Ja, wir haben es durchaus mit einer "Christenfrage" zu tun - nicht aber mit einer Judenfrage.

An den Juden ist nichts fraglich.

Die Juden haben das Recht, so zusein, wie sind, und brauchen sich, Juden, weder vor mir noch sonst Jemandem zu rechtfertigen.

Denn die Menschenrechte gelten für jeden und überall. Also noch einmal:

Die Frage ist also nicht, wieso die Juden so sind, wie sie sind, sondern warum die Christen - und in ihrem Gefolge die Völkischen und die Islamisten - sie so hartnäckig und bösartig verfolgen. Darauf müssen die Christen eine Antwort finden - die Juden sind - seit Tertullian nichts weiter als unschuldige Opfer, zunächst christlicher dann völkischer Tücke und Niedertracht. Soll ich versuchen auf diese Frage eine Antwort zu geben?

Die jüdische Religion ist zunächst ein Glaube, der sich auf die Aussagen des Tanach gründet. Nun ist das ein Kompendium von Schriften, die in Jahrhunderten entstand sind und mehrere Autor haben, so dass wir darin schwerlich so etwas wie einen roten Faden finden, sei denn wie stützen uns auf das Schmah Israel, das drei Elemente enthält:

1. Der Jude glaubt an den einen Gott, Schöpfer Himmels und der Erden, wie die Christen sagen. Und in der Tat: "Am Anfang schuf der JHWH Himmel und Erde und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe und der Geist Gottes scwebte auf dem Wasser ..." So beginnt die Schöpfungsgeschichte in der Übersetzung Luthers - nach meinem Dünken der gewaltigste Satz der Literaturgeschichte, den ich aber hier so stehen lassen will.

2. Dann werden die Juden im Schmah Israel daran erinnert, dass es eben dieser JHW sie aus Ägyptenland und aus der Knechtschaftgeführt hat - und dieser Punkt ist für mich entscheidend. 3. Der dritte Punkt ist die Aufforderung an die Juden, das Gesetz einzuhalten, was einmal dahin ausgelegt werden kann, dass es darauf ankommt die berühmten 213 Mizwot, die die Rabbiner aus dem Thora heraus gefiltert haben, einzuhalten - ein unmögliches Unterfangen, wie wir wissen - oder aber, wie Paulus sagt, dass ein jeder des Anderen Last trage, denn so werde er das Gesetz Moses' und der Propheten erfüllen.

Mir geht es nun um den zweiten Bestandteil des Schmah Israel, nämlich das der Adonai das Volk Israel aus Ägypten und damit aus der Knechtschaft heraus geführt habe.

Nur die Juden?

Wenn das so wäre, könnten wir in der Tat diese Menschen sich selbst überlassen und den Tanach - die "Bibel" und damit das Buch schlechthin - in die Borte einordnen, in der die allgemeine Literatur steht - und dort - wie den Gilgamesch und all die anderen Werke, die unsere Kultur begründet haben udnoch bestimmen, obwohl sie, abgesehen von einigen Spezialisten, von Niemandem mehr gelesen haben.

Ich stelle also die Frage: Was gehen uns die Juden noch an?

Ich habe,hoffentlich, meine geneigten Leser hier nicht mit einer Dublette gelangweilt. Fallsdas so sein sollte, schulde ich ihen eine Erklärung: Ich habe seit einem Jahr etwa mein Tagebuch vernachlässigt ud in diese Zeit reineweg Alles vergessen, was ich brauchte,um es mir wieder zugänglich zu machen. Bis das Problem beseitigt war, habe ich vorstehende Überlegungen, die ich besonders meiner lieben Feindin Rosemarie Schumann in Oldenburg zur Lektüre empfehle, aufgezeichnet. Und nun habe ich sie in mein Tagebuch integriert, und ich kann nur hoffen, dass ich das einigermaßen hinbekommen habe.