Dr. Klaus Dede
1. Juni 1935 - 5. Mai 2018

12 August 2012

Grand malheure de caque!

Ich habe meine Datei verloren, in die ich meine Tagebuch-Notizen eingetragen habe. Meine Geistesblitze sind natürlich nicht weg. Mein Nachlassverwalter sie notfalls irgendwann und irgendwo finden, nur für mich sind sie nicht zugänglich, weil ich eben ein Chaot bin, der, wie Albrecht Girle in Nordenham gerne sagte: "Ordnung ist das halbe Leben - und ich versuche mit der anderen Hälfte auszukommen!"

Nun also sitze ich hier und versuche, mich daran zu erinnern, wie ich den Anschluss an vorige Einträge finde, ohne dass ich mich wiederhole und so geübte Leser meines Tagebuchs langweile. Also fange ich dort an, wo ich schon einmal war, nämlich mit der Frage des einstigen SS-Mannes an mich: "Wie kommt, dass die Juden überall auf Ablehnung stoßen?"

Überall?

Ich hatte zunächst gesagt, dass das keineswegs der Fall sei, vielmehr nur dort, wo die gängige Kultur christlich geprägt ist.

Und muslimisch?

Neuerdings auch muslimisch, aber diese Feindchaft gegen die Juden ist politisch motiviert, also lasse ich den Punkt zunächst beiseite und stelle nur die Frage, worin der Gegensatz zwischen Christen und Juden besteht. Ich möchte jetzt die historischen Phänomene beiseite lassen. Ich frage also nicht, wie sich dieser Konflikt entwickelt hat - "das kriege mer schpäter" - wie es in der Feuerzangenbowle heißt, sondern worin der offenbar unauflösbare Konflikt zwischen Juden und Christen besteht und da müssen wir wieder zum Schmah Israel zurückkehren und zwar zu der Aussage, dass der JHWH die Juden aus Ägyptenland und damit aus der Knechtschaft geführt hat. Und damit sind wir bei dem Punkt, der mir wichtig ist: Ja, der Jude glaubt an den einen Gott, Schöpfer Himmels und der Erden, der zwar die Geschicke seines auserwählten Volkes lenkt, ihm aber nicht den eigenen Willen nimmt.

Ich möchte das Verhältnis der Juden zu ihrem Gott, so beschreiben

: Der JHWH sagt zwar, wie sich sein Volk sich verhalten sollte, aber ob sie sich danach dann richten, liegt in ihrem Ermessen, nur müssen sie die Folgen tragen. Und wenn die eingetreten sind, steht es den Menschen, wie dem Verlorenen Sohn, zu ihrem Vater zurückzukehren. Die Beziehung des Juden zu seinem Gott beruht also nicht, wie bei den Nazis, auf dem Prinzip "Befehl und Gehorsam", sondern darauf, dass es immer noch eine sehr menschliche, absolut emotionale Instanz gibt, die den Gläubigen zugleich befähigt und berechtigt, selbst dem göttlichen Gebot zu widersprechen: Das Gewissen.

Nun wird man mir sagen, dass das eine sehr unbestimmte Instanz ist.

Die katholischen Theologen verstecken sie gerne in ihren Manuskripten irgend wo ganz hinten, wenn sie nicht überhaupt die Freiheit des Gewissens bekämpfen. Kant drückt das, was ich meine, so aus: "Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt: der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir." Das ist natürlich nicht genau das, was der Tanach sagt, aber doch so ungefähr und soll deshalb hier so stehen bleiben. Nun könnte man meinen, dass Kant mit dem Begriff "Gemüt" eine gewissen Unsicherheit andeutet, indes: dem ist nicht so, denn das Wort ist für den Königsberger Philosophen der Inbegriff aller Vorstellungen, die menschlichen Geist Platz haben. Aber ist das Gewissen, oder das "Ich", wie die Mitscherlichs nach meiner Erinnerung sagen, nicht viel zu subjektiv, um das wieder mit Kant zu sagen, das Prinzip menschlicher Handlungen zu werden?

Ich möchte den Punkt hier nicht erörtern, nur auf Dieses hinweisen:

Nach der totalen Niederlage des Reiches hatten die führenden Bonzen Gelegenheit, sich zu rechtfertigen. Aber sie taten es nicht:

Hitler und Goebbels entzogen sich dem Urteil des Gerichts. Und die Anderen plädierten auf "nicht schuldig im Sinne der Anklage".

Keiner stand auf und sagte: Ja, wir hatten die Absicht, alle Juden zu ermorden, was uns leider nicht gelungen ist, aber wenn wir noch einmal die Gelegenheit erhalten, werden wir den Rest nachholen. Wenn Göring und die anderen so gesprochen hätten, wären sie ehrlich gewesen, hätten also bekundet, das sie ihrem Gewissen gemäß gehandelt haben. Das aber hat keiner dieser Verbrecher gesagt, also haben sie gegen ihr Gewissen gehandelt, wobei ich allenfalls Hitler, Goebbels und vielleicht auch Himmler ausnehme, die sich durch Selbstmord dem Urteil entzogen.

Aber ich gebe zu: der Punkt ist nicht restlos geklärt. Hat nicht jener Prediger einer obskuren Sekte Recht, der mir vorhielt: dann ist Ihnen ja Alles erlaubt! Ich bleibe in meinem Urteil (zunächst) unsicher und den Juden erging es nicht anders, aber sie hielten und halten doch an der Gewissensfreiheit fest - eben weil sie Juden sind. Damit treten sie unausweichlich in einen antagonistischen Gegensatz zu Allem und Allen, die versuchen, eben das moralische Gesetz in uns zu vernichten, was dann zu der Konsequenz führt, dass die Vertreter jeder Ideologie, die die Gewissensfreiheit zu töten trachten, bestrebt sein müssen das Judentum, also die Juden selbst, zu vernichten.

Und damit ist noch nicht Alles gesagt.