13 August 2012

Noch einmal beschäftige ich mich mit meiner Kur in Gyhum. Ich zitiere aus einem Brief, den ich dieser Tage verfasst und an eine, wie sagt man?, Mitarbeiterin des Hauses ggeschickt habe: "Nun sind vier Wochen seit meinem tränenreichen Abschied von Gyhum vergangen und ich erlebe wieder hier in meiner Oldenburger Butze sehr inhaltsreiche und unbeschwerte Tage. An die Klinik erinnert mich an jedem Morgen ein Töpfchen mit Quark, den ich mir mit Marmelade verrühre und dann leer esse - so wie ich das vor vier Wochen in Gyhum getan habe. Das ist ein Ritual geworden, so wie die Scheibe Brot mit Butter und Honig, den wir von einem Imker aus Schweiburg am Jadebusen beziehen, auch das eine Erinnerung - diesmal an meine Schwster Barbara - eine der beiden Frauen, denen ich mein Überleben verdanke (die andere ist Gabriele). Beim Frühstück habe ich mir heute Morgen noch einmal die Frage gestellt, warum mir Gyhum so wichtig geworden ist. Das kann nicht nur daran liegen, dass ich dort sozusagen aufgepäppelt weden bin, sondern muss seinen Grund vielmehr darin haben, dass irgend etwas Grundlegendes passiert ist. Ich denke, das war dies: Bevor ich in die Kur ging, hatte ich sozusagen die Bilanz meines bisherigen Lebens gezogen ud war zu dem Schluss gekommen, dass ich das bin, was man als "verkrachte Existenz" bezeichnet. Ja, ich bin in Allem, was ich ereichen wollte gescheitert, und nicht nur das: ich bin geächtet und isoliert - wenn Gabriele nicht wäre, würde ich den Zustand der Alters-Einsamkeit in seiner ganzen Härte spüren spüren. Ich war - in jeder Beziehung - am Ende angekommen. An dieser Situation hat sich natürlich nichts geändert, aber ich gehe anders mit ihr um. Einen Grund habe ich schon genannt, nämlich: dass ich mich Gyhum nicht zu wehren brauchte. Ein Grund ist schnell erklärt: In dem Haus kannte man nur meine Krankenakte und die auch die hatten wahr allenfalls die Ärzte eingesehen, sonst Niemand. Es gab über mich keine weiteren Informationen und damit auch nicht die Vorurteile, die in Oldenburg die Kommunikation erschwert bzw. unmöglich macht. Und heute Morgen fiel mir der zweite Grund ein: In Gyhum wurde ich, wenn überhaupt, direkt kritisiert. Ich erinnere mich an zwei solcher Vorfälle. In einem Fall ging es um abgelegtes Zeug, das ich sehr unordentlich auf Stuhl gworfen hatte. Das duldeten die Schwestern erstaunlich lange bis eine schließlich sagte, ich solle das beseitigen. Das habe ich dann getan - ohne mich dabei zu ärgern. In dem anderen Fall ordnete eine Schwester an, dass ich mir eine andere Hose anziehen solle. Auch da folgte ich widerspruchslos - und zwar ohne zornig zu werden. Warum nicht? Nun, in beiden Fällen war die Kritik berechtigt, denn der Haufen Plünnen in der Ecke sah wirklich nicht gut aus und hätte, vor allem auf eventuelle Besuher, einen schlechten Eindruck gemacht, und die Hose war in der Tat sehr dreckig geworden. Das hatte ich durchaus gesehen hatte, aber bei meiner lutherischen Erziehung erregte das bei mir keinen Anstoß, denn ich bin halt ein christlicher Dreckspatz, und so bedurfte es des äußeren Anstoßes, den die Schwester gab, damit ich das Übel beseitigte. Auch da habe ich mich nicht geärgert, vermutlich weil ich mit Ihrer Kritik rational umgehen konnte: die Anstände waren berechtigt, also konnte ich rational mit ihnen umgehen, und so befolgte ich die Anordnungen ohne Widerworte. Wenn das nicht der Fall gewesen wäre, hätte ich mich wohl gewehrt, in jedem Fall hätteich mich geärgert. Warum war mir das wichtig? Ich erlebte eine Kindheit, in der ich mich in meiner Familie nicht willkommen fühlte, ja mehr noch: von ihr abgelehnt wurde. Das schrieb wohl schon. Und dann fand die Kritik immer in der Form des wortlosen Übelnehmens statt, nie direkt. Es blieb mir dann überlassen, das zu erraten, was ich wieder einmal falsch gemacht hatte, was mir mal gelang, meistens jedoch nicht, auf jeden Fall wurde so ein gewaltiger moralischer Stress erzeugt, der mich bis ins Alter belastet hat. In meiner literarischen Arbeit habe ich mich mit dieser Situation auseinander gesetzt und dabei gelernt, dass sehr Vieles von dem, was ich erlebt hatte, durch Andere berursacht wurde. Ich war dafür also nicht verantwortlich, auch nicht für meine sicherlich falschen Reaktionen. Hinzu kam die Einsicht in meine psychische und dann physische Krankheit. Und wenn ich dann das aus der Liste meiner Fehlleistungen strich, was ich auf diese Gründe zurückführen konnte, blieb nur sehr wenig übrig, was ich mir als Schuld zurechnen müßte. So weit war ich 2011 mit meiner "Selbst-Analyse" gediehen. Indes: Es blieb, die Tatsache, dass ich ein Versager, eine verkrachte Existenz, bin. Das bedrückte mich sehr und traf ich entsprechend depressiv in Gyhum ein und dort geriet ich in ein soziales Umfeld, in welchem Niemand Vorab-Informationen über mein bisheriges Leben hatte. Es fielen also all die Vorurteile weg, die sonst das Urteil derjenigen trübten, die mit mir zu tun hatten. Natürlich blieb ich der, der ich bin, aber ich wurde als solcher akzeptiert, und ich nahm das auch wahr, ja, ich genoss das Wohlwollen, auf das ich nicht Ihnen stieß, und lehnte das nicht ab, was ich sonst getan hätte, denn das stand mir armen Sünder nicht zu. Nun bin ich nach wie vor eine verkrachte Existenz - aber ich sehe das nicht mehr als moralischen Vorwurf, sondern als das Ergebnis eines biographischen Prozesses, für das ich nicht oder kaum verantwortlich bin. Die "Ich-Stärke", um hier einen Ausdruck der Mitscherlichs hier zu benutzen, über die ich heute offenbar verfüge, musste sich bei mir erst entwickeln und hat sich jetzt erst, nach sieben Jahrzehnten, in Gyhum, wirklich entfaltet. Und nun genieße ich wirklich jeden Tag, den ich noch erlebe, und warte gelassen auf das, was auf mich zukommt.