Dr. Klaus Dede
1. Juni 1935 - 5. Mai 2018

22 August 2012

Ich war bei der jesuanischen Gemeinde in Jerusalem stehen geblieben und hatte die Vermutung geäußert, dass sich in den folgenden Jahrzehnten weitere Gruppen bildeten, die alle den gekreuzigten Jesus aus Nazareth zum Gegenstand ihrer gemeinsamen Betrachtung und Verehrung machten, etwa so, wie es heute selbst in dem kleinen Nordenham eine "Goethe-Gesellschaft" gibt, die sich jedoch, ungeachtet ihres Namens, um Goethe wenig kümmert, sondern ganz allgemein Kulturarbeit leistet.

So auch die jesuanischen Gemeinden.

Sie beriefen sich alle auf einen Mann, von dem sie eigentlich nur wussten, dass er gekreuzigt worden war, und von dem sie glaubten, dass er von den Toten auferstanden und dann gen Himmel aufgefahren war. Das war der Kern des Mythos, der sich um Jesus gebildet hatte, und der dann in der zweiten Hälfte des ersten nachchristlichen Jahrhunderts seinen Niederschlag in den Evanglien fand.

Und hier griff nun der Apostel Paulus ein.

Die Legende sagt uns, dass er zuerst. als er noch Saulus hieß, die "Christen", die noch keine waren, verfolgt habe, dann aber vor Damaskus durch Jesus selbst bekehrt und zur Missionierung der Heiden berufen worden sei. Dieses Ereignis legitimierte Pauls, wie er sich hinfort nannte, zu seiner weiteren Tätigkeit, welche dann zum ersten Schisma in der langsam entstehenden Kirche führte. Wir können der Apostelgeschichte noch heute entnehmen, worin die Kontroverse bestand, die zwischen Petrus, der nach dieser Version die jesuanische Gemeinde in Jerusalem führte, und Paulus, der von außen hinzu trat und so Ansichten von Jesus vortrug, die in der jüdischen Diaspora inzwischen entstanden waren.

Zunächst: was war beiden Parteien gemeinsam?

Das war nicht viel.

Schauen wir uns die Position des Apostel Paulus an, die uns am meisten interessiert, da sich aus ihr die christliche Dogmatik entwickeln sollte,und stellen fest: Ja, Jesus ist eine historische Gestalt, die in Palästina gelebt hat, hier gepreuzigt wurde, starb, dann aber am Dritten Tage auferstand und gen Himmel fuhr. Und wozu das Ganze?

Hier nun antwortete Paulus: Mit dem Opfertod Jesu waren nicht nur die Sündern einzelner gesühnt, sondern aller Menschen, sofern sie daran glaubten.

Die "Rechtfertigung" des Menschen vor Gott hing also nicht davon ab, wie der Einzelne jeweils die 603 Mizwot der rabbiniischen Moral beachtet hatte, was ganz unmöglich war, sondern von der Gesinnung,oder, besser noch: von dem Glauben an die Erlösungstat Jesu.

۞ Da ich Hinrich Olsen im Internet gefunden habe - er ist "friedensbewegt" wie eh und je - fiel mir der Friedenskreis im evangelischen Gemeindehaus an der Wilhelmstraße wieder ein, dem ich angehörte - oder auch nicht, jedenfalls fühlte ich mich stets emotional abgelehnt, was ich damals lange aushielt, weil ich keine Alternative hatte - wenn ich meinem Gefühl nachgegeben hätte, wäre ich in Oldenburg durch Christen und Deutsch-Nazi-Onale völlig isoliert gewesen, und ich weiß nicht, ob ich das damals ausgehalten hätte. So nahm ich denn die geheuchelte Freundlichkeit der Mitglieder dieses Kreises hin - weil ich keine Wahl hatte.

Um ws ging es?

Ich habe Jahre gebraucht, ehe ich das Verhalten meiner "Friedensfreunde" verstanden hatte. Den Anstoß gab mir eine Bäuerin, die nicht in diesen sozialen Zusammenhang gehörte ud die ich kaum kennen gelernt habe, die aber von der ersten Stunde an in der Anti-Atom-Bewegung überaus aktiv war, und zwar in einem Kreis, der versuchte, den Widerstand gegen das Atomkraftwerk Esenshamm anzuschieben, der, wie ich später erfuhr, von Rechts-Extremen bzw. Nazis gebildet wurde. Merkwürdigerweise entwickelte ich hier eine diffuse Aversion, zumal mir damals die Atomkraft eine vernünftige Lösung der drohenden Energiekrise zu sein schien (Das hat sich gründlich geändert). Dieser Kreis verschwand sehr schnell, aber die besagte Bäuerin blieb eine zentrale Figur der linken Szene (bzw. der Szene, deren Mitglieder sich für "links" hielten), so dass ich sie im Blick begegnet, wenn ich auch ihr, wenn ich mich richtig erinnere, auch nur einmal begegnet bin - und so erfuhr ich, dass sie in der Nazi-Zeit eine Führerin im BdM (Bund deutscher Mädchen) war. Welchen Rang sie innehatte, weiß ich nicht.

Dieser Zufall öffnete mir die Augen. Waren nicht all die Frauen, denen ich im Friedenskreis begegnete, imprägniert vom Geist des Nazismus?

(Morgen weiter)