27 August 2012

Das Christentum erhob also im zweiten jahrhundert nach Christus den Anspruch, die einzige gültige Religion zu sein, in der nur ein Gott verehrt wurde. Das aber Taten zugleich die Juden. Und sollte dieser Gott beispielsweise den Einen strenge Gesetze auferlegt haben, den Anderen aber nicht?

Das passte nicht zusammen.

Indes spielte das keine Rolle, so lange Judentum und Christentum die Privatangelegenheit winziger Minderheiten war und der offizielle Staatskult respektiert wurde - da mochten die Christen einerseits und die Juden auf der anderen Seite sagen was sie wollten. Solange es dabei blieb, störte das Keinen.

Aber: Die Religion der Christen gewann Anhänger, die der Juden nicht.

Und warum war das so?

Wir sollten eines vermeiden, nämlich dass wir so tun, als ob Jesus im luftleeren agierte und mit der Gesellschaft seiner Zeit nichts am Hut hatte.

Das war nicht der Fall.

Gewiss: Johannes der Täufer predigte in der Wüste und nährte sich von Heuschrecken sowie wildem Honig Er stellte sich also bewusst außerhalb der Gesellschaft. Nicht so Jesus: er wirkte in und bei Kapernaum am See Genezareth, wo er predigte, Menschen heilte, zugleich aber, wenn es so hinkam, ihr Gast war, also mit ihnen aß und trank, wie wir aus dem Neuen Testament wissen, und dabei wurden keineswegs nur Heuschrecken mit wildem Honig aufgetischt, sondern das, was damals so verzehrt wurde.

Und wer waren die Gastgeber?

Auch die nennt uns das Neue Testamen:

Zöllner und Sünder!

Die Ersteren kennen wir bereits: dabei handelt es sich um römische Finanzbeamte, also um durch und durch korrupte Männer, die das jüdische Volk arg ausbeuteten.

Und die "Sünder"?

Wenn sie zusammen mit den Zöllnern genannt werden, meint der Autor jüdische Lieferanten, die das römische Heer versorgten, die natürlich mit erpresserischen Mitteln vorgingen, wenn das nötig und möglich war, und dievor waren vor Allem aber bei den Zeloten ebenso verhaßt waren wie die Zöllner.

Und beide haben Eines gemeinsam:

Sie gehörten der gesellschaftlichen Oberschicht im damaligen Palästina an.

Jesus war kein Vertreter der unterdrückten Massen, die es natürlich auch gab, kein "Volkstribun", sondern ein durchaus opportunistischer Mann, der sehr wohl wusste, wo Bartel den Most holte. Und so geriet er zwischen Baum und Borke. Und das wurde ihm zum Verhängnis. (Mir fällt, während ist dies schreibe, auf, dass das Leben Jesu einen spannenden Roman abgeben könnte mit Jesus als Hauptfigur und Judas Iskarioth als Gegenspieler. Schade, ich kann die Anregung nicht selbst realisieren.) ۞ Dann eine zweite Episode:

Eines Tages fragt mich ein Lehrer: "Herr Dede, wundern Sie sich nicht, dass Sie in Oldenburg keine Bücher mehr verkaufen?"

Ich bestätigte, dass mir das in der Tat aufgefallen sei. Und dann rückte der Pädagoge mit dem Grund raus: "Der Geschäftsführer der Christlich-jüdischen Gesellschaft ist nämlich durch die Oldenburger Buchhandlungen gegangen und hat gefordert, die Bücher Ihrer Mutter aus den Regalen zu nehmen, weil sie antisemitisch seien."

Wie kam es zu dieser Verleumdung? Nehmen wir uns zunächst die Erinnerungen meiner Mutter vor: Da beschreibt sie an einer Stelle eine Begegnung mit dem Rabbiner Mannheimer im Oldenburger Schlossgarten, die im Ersten Weltkrieg stattfand: Helene Brauer ist spazeren gegangen und sitzt auf einer Bänke in dem Park, als sich der Rabbi dort Platz nimmt. Sie steht daraufhin auf (was im Norden zumindest üblich war) und will gehen, aber der Rabbi hält sie zurück und fragt sie nach dem Grund ihres Verhaltens. Nun muss man wissen, dass Rabbi Mannheimer ein durchaus deutschnationaler Jude war und dass dessen Sohn gerade im Dienste eines Kaisers gefallen war, der aus seinem Antisemitismus keinen Hehl machte. Ich denke, Helene Brauer hatte damals gar nicht wahrgenommen, dass sich der Rabbi zu ihr setzen wollte. Sie wäre bei Jedem aufgestanden, so auch im Falle des Herrn Mannheimer, denn man hatte in bürgerlichen Kreisen zwar Vorbehalte gegen Juden, aber man verletzte deswegen nicht die Anstandsregeln des Standes.

Diese harmlose Geschichte erzählt nun meine Mutter und schließt eine kurze Betrachtung über das Verhalten des oldenburgischen Bürgertums gegenüber den Juden an. Wie man in diesen Kreisen handelte, habe ich eben gesagt, aber wie dachte man?

Auch dazu eine Anekdote. Gegen Ende ihres Lebens erhielt Helene Brauner, nunmehr Helene Dede, Besuch von Professor Dr. Anneliese Gutkind-Bulling, mit der sie in ihrer Jugend befreundet war. Da saßen die beiden alten Damen in dem Vareler Altersheim sich gegenüber und versicherten sich beide, dass sie nie Antisemiten gewesen seien. Nun, auf Anneliese Bulling mag das zutreffen, denn sie war mit einem Juden verheiratet, nämlich mit dem bedeutenden Kunsthistoriker Professor Dr. Bulling, so dass ich ihr das abnehmen möchte - aber meine Mutter?

Sie hat mich, ebenso wie meine Schwester Barbara, mit dem christlichen Antisemitismus imprägniert. Hinzu trat das, was ich der Volksschule und dann im Gymnasium erfuhr und schließlich in der völkischen Litratur, die mir allein zur Verfügung stand, lesen konnte. So übernahm ich einen Antismitismus, der stets präsent war, aber nie ausgesprochen wurde.

Das war schlimm, zumal ich das Übel nicht benennen konnte, und das bedrückte mich. Nun wollte es der Zufall, dass ich bei einem Empfang in der Weser-Ems-Halle an einen Tisch mit einem jüdischen Arzt aus den Niederlanden und dem letzten Landrabbiner von Oldenburg, Professor Dr.Leo Trepp, geriet und hier fasste ich mir ein Herz und hielt folgende Rede: "Sehr geehrter Herr Professor, verehrter Herr Doktor - ich komme aus einem lutherischen Pastorenhaus und habe bis 1955 eine völkisch gestimmte Schule besucht mit all den Folgen, dieman sich denken kann. Nun habe ich meinen Rassismus, der mich prägte, bezüglich der Neger abgelegt, als ich in dem Völkerkunde-Museum in Paris Plastiken aus Afrika sah, die man dort gesammelt hatte. Ich erkannte sofort an, dass die zwar anders seien als diejenigen von, sagen wir, Michelangelo, aber ich erkannte sofort an, dass sie dieselbe künstlerische Qualität hatten. Damit war mein Rassismus erledigt, aber wenn ich mit Ihnen, Herr Professor und Herr Doktor, kann ich meine Befangenheit nicht ablegen...."

Da legte mir Leo Trepp seine Hand auf einen Unterarm und sagte:

"Herr Dede, wer das, was Sie durchgemacht haben, erleben musste, wird sein antisemitisches Ressentirment nie los!" Ich weiß nicht, wie das weitere Gespräch verlaufen ist, ob es überhaupt eine Fortsetzung gegeben hat, aber für mich stellte sich nun die Aufgabe, meinen emotionalen Antisemitismus keinesfalls weiterzugeben, ihn vielmehr in aller Deutlichkeit auszusprechen, um ihn so zu überwinden. Und so kam ich denn auf die Idee, einen Bußgang für die ermordeten oldenburgischen Juden einzurichten, eine Veranstaltung, die, wenn mich richtig erinnere, seit 1985 stattfindet. Ich wollte damit auch den heutigen Oldenburgern deutlich machen, dass Auschwitz vor ihrer Haustüt begann und Allen bekannt war. Diese Veranstaltung findet euch heute noch statt (war ich nicht daran teilnehme, werde ich noch begründen), und ich gestehe, dass ich stolz darauf bin, als Erster dazu aufgerufen zu haben. Das wissen die Zionisten natürlich, das hindert sie nicht daran, mich seitdem als Antisemiten zu verleumden und sozial zu isolieren, was ihnen perfekt gelungen ist.