29 August 2012

Wie ist der Wandel nur zu erklären?

Nun, die "Jesuaner" standen, wie sich den synoptischen Evangelien entnehmen lässt, in einem Gegensatz zu den Pharisäern und Sadduzäern, der sich nicht ausgleichen ließ, aber alle drei Gruppen standen innerhalb des Judentums, somit haben wir es mit einem Disput, meinetwegen auch mit einem Konflikt zu tun, der innerhalb der des mosaischen Diskurses stattfand.

Und ein halbes Jahrhundert später war alles ganz Anders. Im Evangelium nach Johannes begegnen "die Juden" dem Nazarener ausgesprochen feindselig und trachten ihm nach dem Leben, und der "Messias" bezeichnet sie "Kindes des Teufels", die, so musste man ihn verstehen, im Gegensatz zu den Christen der Vernichtung ausgeliefert waren. Jetzt war der Gegensatz zwischen Juden und Christen voll ausgebrochen und nicht mehr auszugleichen, ja, sie konnten sich nicht einmal aus dem Wege gehen, denn nun prallten zwei Religionen aufeinander, die beide eine allgemeine Verbindlichkeit für sich beanspruchten und sich deshalb gegenseitig ausschlossen.

Gilt das denn auch für die Juden?

Gewiss. Ich habe erzählt, wie die mosaische Religion von Palästina nach allen Richtungen ausstrahlte:

· nach Westen über Alexandrien in den Maghreb bis nach Gallien;

· nach Süden über den Hedschas bis nach Yemen;

· und nach Norden über den Kaukasus bis nach Südrusland und schließlich nach Polen.

Aber in all diesen Gegenden trafen die Juden entweder auf die Konkurrenz mit den Christen oder aber mit dem Muslimen, während sie zugleich ihr Zentrum verloren. Sie waren also isoliert und das ohne ein eigenes Zentrum und in einer feindseligen Umwelt.

Auf die Feindschaft der Christen mussten die Juden reagieren und das taten sie, indem sie ihren Anspruch, eine dem Christentum vrgleichbare Weltreligion zu sein, aufgaben und sich auf die Familie und die Synagoge zurückzogen. Hier, in diesem engen Rahmen entfalteten die Juden ihre eigene Kultur, das "Schtetl", wie man auf jiddisch sagte - und die Christen beließen es dabei, was sie nicht daran hinderte, die Juden zu schikanieren, zu diskriminieren, zu vertreiben, zu berauben und fallweise zu töten - das alles mussten die Juden ertragen und durften sich nicht einmal über Schicksal beklagen, denn dann galten sie als "frech", wie sich Goebbels tönte. Wir können die christliche Hetze gegen die Juden als das größte und widerlichste "Sozial-Mobbing" betrachten, das die Weltgeschichte kennt. Dass dieses kleine Volk das ausgehalten hat und trotz Alledem bis heute existiert, können wir als Wunder bezeichnen, uundzwarals ein solches, von dem wir alle profitieren.

Und das begann mit dem Evangelium nach Johannes. Das ist das zentrale antisemitische Dokument, von von dieses Übel ausgeht und, so fürchte ich, auch immer wieder aufbrechen wird, jedenfalls so lange es zu den Schriften zählt, auf die sich die Christen berufen. Und daraus folgt:

Alle Christen sind Antisemiten, sonst sind sie keine Christen.

Und: Der christliche Antisemitismus machte Auschwitz erst möglich.

۞ In den letzten Tagen habe ich wieder einmal zwei liebe Christen angesprochen - und keine Antwort erhalten. Natürlich nicht. Die Angehörigen aller dogmatischen Gruppen, eggal ob Christen, Kommunisten, Buddhisten, Zionisten oder Nazis, haben eines gemeinsam: sie teilen die Menschheit in zwei unterschiedlich große Gruppen ein: zu der ersten gehören diejenigen, die sich ihrem jeweiligen Dogma unterworfen haben. Nun steht eine solche allgemeinverbindliche Lehre nicht in den Wolken geschrieben, sondern wird von Menschen verkündet, welche befugt sind, die allein verbindliche Lehre zu interpretieren. Hinzu treten diejenigen, bei denen die Hoffnung besteht, dass sie sich unterwerfen werden, und dazu gehören auch diejenigen, die von den jeweiligen Dogmatikern noch nicht angesprochen wurden. Wer allerdings die alleinseligmachende Lehre verworfen hat, wird nicht mehr beachtet, mehr noch: ist nicht mehr vorhanden. Wie staunte ich, als mir in Jever eine Frau berichtete, be irgeneiner Aktion hätten Alle mitgemacht: Evangelische und Katholiken - dass es Menschen gibt, die keiner dieser Gruppen angehören, vielmehr als "räudig Schäflein" seitwärts durch den Wald traben, wie sich Scheffel ausdrückt, kam ihr überhaupt nicht in den Sinn. Mit anderen Worten: wenn die Angehörigen einer solchen Gruppe mit Jemandem reden, dann wollen sie sich das Opfer unterwerfen - ein Dialog ist nicht möglich. Ich werde nie die beiden Mormonen vergessen, mit denen ich in einem Oldenburger Kaufhaus ins Gespräch kam -zwei Amerikaner, von denen der eine ein völlig akzentfreies Deutsch sprach, also ohne das RRR so zu rollen, dass es fast zu einem AAA wurde. Ich wollte wissen, wie das möglich war, aber das war nicht sein Thema, und als die Beiden dahinter kamen, dass ich nicht zu bekehren war, brachen sie das Gespräch ab und trollten sich. Dogmatiker jeder Couleur sind immer intolerant, allenfalls können sie sich zu dem verstehen, was man in der Soziologie, glaube ich, "repressive Toleranz" nennt, worunter man versteht, dass man den Ketzer zwar nicht verfolgt und tötet, sondern unbeachtet beiseite läßt, ihn aber möglichst aus dem sozialen Diskurs und damit aus den Entscheidungsprozessen des jeweiligen Sozialverbandes ausschließt. Und genau das habe ich immer wieder erlebt, besonders bei den Christen im Lande hin und her. Sogar die Methodisten bildeten keine Ausnahme, obwohl ihr Gründer, der Anglikaner Wesley, eine der wenigen sympathischen, weil wirklich toleranten Persönlichkeiten der Kirchengeschichte war.