Dr. Klaus Dede
1. Juni 1935 - 5. Mai 2018

31 August 2012

Dienstag, 31. August Das Wort "Gnosis" bezeichnet eine Erkenntnis, und in christlichem Kontetx eine solche, die Jemandem "offenbart" wurde und die er nun seinen Anhängern mitteilt, welche so zu Mitwissern einer geheimen Botschaft werden, die nur für sie bestimmt ist.

Welche Botschaft?

Ja, an dieser Frage scheiden sich die Geister. Schon die Evangelien des Neuen Testaments lassen erkennen, wie weit die Erkenntnis dessen, was Jesus angeblich verkünndet hatte, aufgefächert war, aber die Zahl der Variante steigt ins Uferlose, wenn wir die Evangelien betrahten, die nicht in den Kanon aufgenommen wurden - und wieviele sind spurlos untergegangen? Nun, in der Naturwissenschaft findet man durch das Experiment heraus, welche Theorie wahr ist und welche nicht, aber wie könnte das in der Theologie geschehen? Man hilft sich dadurch, dass bestimmte Personen oder Personengruppen befugt sind, eine verbindliche Interpretation des Dogmas zu zu äußern, und diesen Anspruch erhob von vorneherein der Bischof von Rom, weil er schließlich seinen Sitz in der Stadt hatte, die als Mittelpunkt der Welt galt.

Und hinzu trat die Legende, dass Jesus selbst Petrus, den ersten Bischof von Rom, mit dem Rang eines "servus servorum Dei" ausgestattet habe, als er sagte:

"Tu es Petrus et super hanc petram ecclesiam meam aedificabo."

Und diese Aussage wird am Schluss des Johannes-Evangeliums bestätigt, woraus wir schließen können, dass die Gemeinde des Presbyters zeitweilig den Führungsanspruch des Bischofs von Rom angefochten hat, schließlich aber nachgab und sich damit in die Reihe der anderen Bischöfer eingliedern ließ. Wann und wo dieser Disput stattfand wissen wir nicht, aber wir lernen daraus, dass der Anspruch des Papstes schon sehr früh angriffen würde. Wie die Bischöfe von Rom die Kritik überwand, ist eine spannende Geschichte, zumal sie ja kein Militär einsetzen konnten, um Feinde zu überwinden. Wenn es ihnen doch gelang, so deshalb,

· weil sie eine Argumentation entwickelten, die in sich stringent war und deshalb überzeugte, ws übrigens bis heute so gebliegen ist.

· weil es ihnen gelang, die Organisation der lateinischen Kirche nach dem Muster des Römischen Reiches zugestalten;

· weil Rom im Zweiten nachristlichen Jahrhundert eine schwere Krise erlebte, in der die christliche Religion vielen als der rettende Anker galt;

· und überhaupt: weil die historische Entwicklung immer wieder die Position der Päpste, auch wenn sich der von ihnen beherrschte Raum verkleinerte, immer stärker wurde.

· Überhaupt: Mit den Methoden des Lugs und Betrugs ist eine so riesige Organisation, wie die Römische Kirche, nicht durch die Stürme von zwei Jahrtausenden zu steuern. Wenn wir danach fragen, was und wer diese Organisation erhalten hat, dann kommen wir sicherlich nicht mit der gängigen Kritik, wie sie Deschner vorgetragen hat, weiter, denn wenn ich auch tausend Männer finden sollte, die aus christlichen Motiven Verbrechen begangen haben, so könnten mir Andere Zehntausende christlicher Menschen nennen, die wirklich humanistisch gehandelt haben und auch mir als Vorbilder dienen könnten. Und sie haben das getan, weil die Römische Kirche, und um die geht es mir hier, bei allen Irrungen und Wirrungen an ihrem humanistischen Kern festgehalten hat.

Genug davon. Das ist, ich weiß das wohl, sehr allgemein gesagt und deshalb angreifbar, indes muss ich es dabei bewenden lassen.

۞ Und warum ist das so wichtig?

Gewiss: Es gibt glasklare Beleidigungen. Wenn ich spielweise jemanden als "Idiot" bezeichne, ist das eine solche - es sei denn, ich begründe die Feststellung. Aber in den Beispielen, die beigebracht habe, geht es darum, bestimmte Meinungen als unzulässig zu unterdrücken, bevor sie überhaupt geäußert wurden, um eine kritische Analyse zu verhindern. Wie das funktioniert, mag dieses Beispiel lehren: Edwin Lielienthal war zu meiner Zeit Bürgermeister von Nordenham und von seiner Biographie wusste man, dass er 1933 Ladendiener oder so etwas in dem Konsumgeschäft in Phiesewarden war und als solcher gehörte er selbstverständlich der SPD an. Dann folgt eine Lücke, die wir mit Schweigen übergehen, aber dann war er stolzer Eigentümer des Ladens in seinem Dort und natürlich wieder Mitglied der SPD, in der er zum Bürgermeister von Nordenham und Landtagsabgeordneten aufstieg. Er war also, neben Heinrich Müller, der starke Mann der örtlichen SPD, der bestimmte, was zu geschehen hatte und als solcher unterdrückte er jede Diskussion mit zwei Argumenten:

· Das ist ein schwebendes Verfahren, in das Niemand eingreifen darf.

Und wenn die Entscheidung gefallen war, erklärte er: · Nun ist abgestimmt - da kann man nichts mehr machen.

Auf die Weise unterdrückte er jede Diskussion innerhalb der Partei.

Aber wie wird die Diskussion der Öffentlichkeit unterbunden?

Das geschieht ebenfalls auf dem Wege des Übelnehmens. Etwa so:

Natürlich kann jeder sagen, was er will, aber religiöse gefühle dürfen nicht verletzt werden. Wenn ich also sage, dass Jesus schwul war (wie uns das Neue Testament im Evangelium nach Johannes verrät), verletze ich das religiöse Gefühl aller Christen im Lande hin und her, also darf ich das nicht sagen.

Damit ist dieser Punkt der Diskussion entzogen. Indes: Wenn religiöse Gefühle nicht verletzt werden dürfen, akzeptiere ich, dass die Pastoren entscheiden, was gesagt weden darf.

Nur die Pastoren?

Keineswegs.

Denn auch der Nazismus war eine Religion ist eine Religion, die von 1933 bis 1945 für alle Deutschen verbindlich war. Wenn also die Gefühle, auf denen er beruht, für Alle gelten, ist jede Kritik daran verboten, also muss ich Auschwitz billigen - aber dazu bin ich nicht bereit.