Dr. Klaus Dede
1. Juni 1935 - 5. Mai 2018

5 August 2012

Immer wenn man sich mit dem Judentum befasst, wird es kompliziert. So auch hier:

· Die Juden bilden zum einen einen Sozialverband, der sich irgend wie in seiner Umwelt behaupten muss. Damit habe ich nicht gesagt, dass dieser Gruppe sondern feindlich gesinnt war, aber es gab immer den üblichen Nachbarschaftsstreit, der mehr oder minder friedlich ablief. Solche Konflikte sollte man nicht ideologisch aufladen, zumal sie geschlichtet werden konnten.

· Dann vertraten die Juden eine monotheistische Religion, was ungewöhnlich war. Hinzu treten weitere Besonderheiten, etwa dass diejenigen, die sich zum JHWH bekannten, kein Schweinefleisch aßen und Anderes mehr. Auch das erregte zwar Neugier, war aber nicht Gegenstand irgendwelcher Konflikte mit den Nachbarn.

· Aus politischer Sicht war aber bedenklich, dass die Juden soziale Regeln entwickelt hatten, die nicht nur in diesem Sozialverband, sondern ganz allgemein galten. Manche verstanden sich von selbst. So belehrt uns der Tanach, dass man nicht stehlen sollte - eine Vorschrift, die sich von selbst ergibt, sobald es "Eigentum" gab. Ein anderes Gebot übersetzt Luther so: "Du sollst nicht falsch Zeugniß reden wider Deinen Nächsten", woraus christliche Moralisten gemacht haben: "Du sollst nicht lügen", was natürlich eine Übertreibung ist, denn die Lüge macht das Zusammenleben der Menschen erst möglich. Natürlich lügen wir beständig - nein: gemeint ist, dass man in einem Gerichtsverfahren als Zeuge die Wahrheit sagen soll - mehr nicht.

Indes: Das Gesetz der Juden geht weit über diese Selbstverständlichkeiten hinaus. Ein Beispiel: Der fromme Jude war beispielsweise verpflichtet, den Esel seines Feindes, den er im Gelände fand, seinem Eigentümer zurück zu geben.

Ob das sehr oft geschehen ist?

Ich glaube das nicht.

Immerhin wird hier eine Einstellung deutlich, die wir getrost als humanistisch bezeichnen können.

Denn:

Das Gesetz, das dem der Jude unterworfen ist, gilt nicht nur in diesem Volk, also nur für Juden, sondern ganz allgemein und schließt alle Menshen ein. Im Judentum überwindet die Menschheit den "Tribalismus" (wie ihn Himmler in besonders scheußlicher Form in seiner Posener Rede formuliert) und dringt sozusagen zum "Humanum" vor. Und dazu möchte ich hier zwei Bemerkungen machen:

1. Der Tanach kennt keine "Helden ohne Fehl und Tadel", wie sie uns in der deutsch-nationalen Mythologie begegnen, etwa in der Gestalt des Siegfrieds in Richard Wagners "Ring". Selbst Mose, nach Meinung der Rabbiner der größte aller Propheten, widerstand dem Willen des JHWH und durfte deshalb das gelobte Land, in dem Milch und Honig floss, nicht betreten. Und dasselbe gilt für den König David, für alle galt das Gesetz des JHWH. Oder: Der fromme Jude trachtete das Gesetz zu erfüllen. Er suchte nicht die Identifikation mit einem Vorbild, denn ein solches gab es nicht.

2. Ich denke, wir lesen den Tanach dann richtig, wenn wir ihn sozusagen als Protokoll eines Diskurses sehen, in dem die Juden einem bestimmten Kurs verfolgten, nämlich den Weg von den vielen Göttern ("Elohim") zu dem Einen, der zuerst sein Volk führt, falls es den Willen des JHWH tut, was durchaus nicht immer der Fall war, und dann die Menschheit, was dann notwendig zu der Konsequenz führt, dass jeder Mensch, weil er ein Geschöpf des einen JHWH ist, ein Existenzrecht hat, weshalb der Jude sein Mitgeschöpf nicht töten darf (und es doch tut, aber darauf möchte ich hier nicht eingehen).

So entwickeln die Juden - wie Graetz sagt: neben den Griechen - unser heutiges Konzept der "Menschenrechte". Sie sind also auch nach meiner Meinung das "auserwählte Volk", weil sie auf Grund ihrer Religion und ihrer Tradition (zu den natürlich die Erfahrung von Auschwitz gehört) dazu geradezu verurteilt sind, den Menschen als Menschen, nämlich als Geschöpf des JHWH, zu verteidigen (was sie in Palästina durchaus nicht tun, doch dazu später mehr.

۞

Ich lese mit zunehmendem Interesse "die Unfähigkeit zu trauern" von Alexander und Margarethe Mitscherlich. Ob ich den Text auch verstehe?

Auf jeden Fall muss ich ihn sacken lassen.

5 August 2012

Immer wenn man sich mit dem Judentum befasst, wird es kompliziert. So auch hier:

· Die Juden bilden zum einen einen Sozialverband, der sich irgend wie in seiner Umwelt behaupten muss. Damit habe ich nicht gesagt, dass dieser Gruppe sondern feindlich gesinnt war, aber es gab immer den üblichen Nachbarschaftsstreit, der mehr oder minder friedlich ablief. Solche Konflikte sollte man nicht ideologisch aufladen, zumal sie geschlichtet werden konnten.

· Dann vertraten die Juden eine monotheistische Religion, was ungewöhnlich war. Hinzu treten weitere Besonderheiten, etwa dass diejenigen, die sich zum JHWH bekannten, kein Schweinefleisch aßen und Anderes mehr. Auch das erregte zwar Neugier, war aber nicht Gegenstand irgendwelcher Konflikte mit den Nachbarn.

· Aus politischer Sicht war aber bedenklich, dass die Juden soziale Regeln entwickelt hatten, die nicht nur in diesem Sozialverband, sondern ganz allgemein galten. Manche verstanden sich von selbst. So belehrt uns der Tanach, dass man nicht stehlen sollte - eine Vorschrift, die sich von selbst ergibt, sobald es "Eigentum" gab. Ein anderes Gebot übersetzt Luther so: "Du sollst nicht falsch Zeugniß reden wider Deinen Nächsten", woraus christliche Moralisten gemacht haben: "Du sollst nicht lügen", was natürlich eine Übertreibung ist, denn die Lüge macht das Zusammenleben der Menschen erst möglich. Natürlich lügen wir beständig - nein: gemeint ist, dass man in einem Gerichtsverfahren als Zeuge die Wahrheit sagen soll - mehr nicht.

Indes: Das Gesetz der Juden geht weit über diese Selbstverständlichkeiten hinaus. Ein Beispiel: Der fromme Jude war beispielsweise verpflichtet, den Esel seines Feindes, den er im Gelände fand, seinem Eigentümer zurück zu geben.

Ob das sehr oft geschehen ist?

Ich glaube das nicht.

Immerhin wird hier eine Einstellung deutlich, die wir getrost als humanistisch bezeichnen können.

Denn:

Das Gesetz, das dem der Jude unterworfen ist, gilt nicht nur in diesem Volk, also nur für Juden, sondern ganz allgemein und schließt alle Menshen ein. Im Judentum überwindet die Menschheit den "Tribalismus" (wie ihn Himmler in besonders scheußlicher Form in seiner Posener Rede formuliert) und dringt sozusagen zum "Humanum" vor. Und dazu möchte ich hier zwei Bemerkungen machen:

1. Der Tanach kennt keine "Helden ohne Fehl und Tadel", wie sie uns in der deutsch-nationalen Mythologie begegnen, etwa in der Gestalt des Siegfrieds in Richard Wagners "Ring". Selbst Mose, nach Meinung der Rabbiner der größte aller Propheten, widerstand dem Willen des JHWH und durfte deshalb das gelobte Land, in dem Milch und Honig floss, nicht betreten. Und dasselbe gilt für den König David, für alle galt das Gesetz des JHWH. Oder: Der fromme Jude trachtete das Gesetz zu erfüllen. Er suchte nicht die Identifikation mit einem Vorbild, denn ein solches gab es nicht.

2. Ich denke, wir lesen den Tanach dann richtig, wenn wir ihn sozusagen als Protokoll eines Diskurses sehen, in dem die Juden einem bestimmten Kurs verfolgten, nämlich den Weg von den vielen Göttern ("Elohim") zu dem Einen, der zuerst sein Volk führt, falls es den Willen des JHWH tut, was durchaus nicht immer der Fall war, und dann die Menschheit, was dann notwendig zu der Konsequenz führt, dass jeder Mensch, weil er ein Geschöpf des einen JHWH ist, ein Existenzrecht hat, weshalb der Jude sein Mitgeschöpf nicht töten darf (und es doch tut, aber darauf möchte ich hier nicht eingehen).

So entwickeln die Juden - wie Graetz sagt: neben den Griechen - unser heutiges Konzept der "Menschenrechte". Sie sind also auch nach meiner Meinung das "auserwählte Volk", weil sie auf Grund ihrer Religion und ihrer Tradition (zu den natürlich die Erfahrung von Auschwitz gehört) dazu geradezu verurteilt sind, den Menschen als Menschen, nämlich als Geschöpf des JHWH, zu verteidigen (was sie in Palästina durchaus nicht tun, doch dazu später mehr.

۞

Ich lese mit zunehmendem Interesse "die Unfähigkeit zu trauern" von Alexander und Margarethe Mitscherlich. Ob ich den Text auch verstehe?

Auf jeden Fall muss ich ihn sacken lassen.