9 August 2012

Das Weltreich der Römer war, so möchte ich definieren, im Grunde ein Konvolut von Regeln, nach denen die Menschen ihr soziales organisierten. Wer sie akzeptierte, war, im weitesten Sinne des Wortes, ein Römer. Dabei gestand die Republik den einzelnen Völkern und Städten eine möglichst große Selbständigkeit zu: Die Untertanen wurden also weder in der Ausübung ihrer jeweiligen Religion noch in ihren wirtschaftlichen Aktivitäten behindert. Und gerade in dieser Hinsicht boten der Senat und der Volk von Rom ungeheure Vorteile, nämlich:

· Ein Recht von Schottland bis zur Sahara, vom Atlantik bis zum Kaukasus.

· Eine Währung,

· Die Freizügigkeit für Alle im gesamten Mittelmeerraum,

· Nur zwei Verkehrssprachen, nämlich Latein und Griechisch,

· Ein Heer, das diesen Raum nach außen schützte und im Innern sicherte -

habe ich irgendwas vergessen?

Um die Bedeutung deser Erfahrung zu verstehen, sei daran erinnert, dass nach, sagen wir, Augustus, dieser Status im modernen Europa, und dann auch nur ansatzweise, mit dem Grand Empire Napoleons I. erreicht wurde, und dass danach zwei Jahrhunderte ins Land gehen mussten, bis ein neuer Versuch in dieser Richtung gestartet werden konnte, der diesmal hoffentlich glücklicher verläuft als derjenige Napoleons.

Und Augustus?

Im Grunde hat er sozusagen das Modell geschaffen, das den heutigen Politikern vor Augen steht oder zumindest vor Augen stehen sollte. Ich will damit sagen, dass das Römische Recht darauf abzielte, den Staat richtig zu organisieren - die res publica, wie man vor zwei Jahrtausenden sagte, während die Juden nicht das Gemeinwesen im Blick hatten, sondern Einzelnen, der sich so oder so zu seinem Nächsten verhalten sollte. Oder anders ausgedrückt: Die Römer dachten immer politisch, während die Juden ein ethisch begründetes Recht hervorbrachten.

Welches verdient den Vorzug?

Keines! Denn wir brauchen beide.

Doch davon vielleicht später mehr. ۞ Die Tage fließen, glücklicherweise, für mich ruhig dahin. Heute Nachmittag werde ich einige Schritte mehr als sonst gehen, aber nicht etwa, um meinen Aktionsradius zu erweitern, sondern um den jetzigen Status möglichst lange bewahren zu können. "Die reine Defensive verliert immer!" schreibt irgendwo der Feldmarschall v.d. Goltz-Pascha, Und das gilt, denke ich, allgemein: Ich muss mir also mehr vornehmen, als ich zu Zeit leisten kann, um meinen jetzigen Status möglichst lange zu behaupten. Ich habe den Eindruck dass ich bei Anderen große Verwirrung auslöse, wenn ich sage, dass ich im Grunde keine Lust verspüre, meine Bude zu verlassen. Hier habe ich Alles, was ich brauche: · mein Radio, · meine Musik, · und meine Bücher, und wenn mir dazu noch einmal in der Woche meine "Marianne" sowie zweimal "Le Monde" und die "Neue Züricher" geliefert werden, fühle ich mich ausreichend über das, was in der Welt sonst noch passiert, unterrichtet. Und soll ich reisen, um für teures Geld auf all diese Annehmlichkeiten zu verzichten? Das sehe ich nicht ein.