-1915-1918-

1915, 17. 1. Bremen: Die "Zufluchtsstätte für Frau-en und Mädchen" an der Kornstraße wird eingeweiht. Offenbar ist der Neu-bau ein Vorläufer der heutigen Frauen-häuser.
1915, 26. 1. Bremen: Die "Glocke" brennt ab. Das Gebäude gehörte seit 1857 dem Künst-lerverein. Die Ruinen wurden 1925 abgetragen. Das neue Gebäude entstand 1928.
1915, 16. 2. Bremen: Eröffnung des Weser-Ems-Kanals (heutiger Küstenkanal)
1915, 18. 3. Bremen. In der Stadt finden fünf öffent-liche Volksversammlungen statt, in der über die Ernährungslage gesprochen wird. Hintergrund: Durch die englische Blockade werden die Lebensmittel, bei stagnierenden bzw. sinkenden Einkom-men, drastisch teurer und verschwinden nach und nach überhaupt vom Markt. Die Verwaltungen reagieren mit Rationie-rungsmaßnahmen, die anfangs örtlich begrenzt sind und nur wenige Waren erfassen, schließlich aber das gesamte Wirtschaftsleben bestimmen.
1915, 1. 4. Bremen. Brot wird nur noch nach Kundenlisten abgegeben. Die Rationie-rung beginnt.
1915, 25. 7. Bremen. An die minderbemittelte Bre-mer Bevölkerung werden Fleischkarten ausgegeben. Es gibt also teures Fleisch für alle und verbilligtes Fleisch für Arme.
1915, 2. 8. Bremen. Die Brotkarten werden einge-führt. Jede Person erhält wöchentlch vier Pfund.
1915, 15. 8. Bremen. An der Franz-Schütte-Allee wird eine neue Badeanstalt in Betrieb genommen.
1915, 15. 8. Bremen: Eröffnung der Badeanstalt an der Franz-Schütte-Allee.
1915, 8. 9. Bremen: Der Senat stiftet das "Han-seatenkreuz". Eigentlich gehört es zur Bremer Tradition, dass die Stadt keine Orden verleiht und dass bremische Bürger solche auch nicht annehmen. Der Krieg und die vaterländische Begeiste-rung, die zumindest offiziell herrscht, machen den Traditionsbruch möglich.
1915, 11. 10. Bremen. Fliegeralarm. Sirenen warnen zum ersten Mal vor einem Fliegerangriff, der aber diesmal noch nicht stattfindet.
1915, 27. 11. Bremen: Erneuter Fliegeralarm.
1915, 30. 10. Bremen. Der Senat setzt Höchstpreise für Milch, Butter und Kartoffeln fest. Am 20. November 1915 folgt eine entspre-chende Vorschrift für Schweinefleisch.
1915, 22. 12. Bremen. Die neue Kaiserbrücke wird teilweise für den Verkehr freigegeben.
1915 - 1916 Bremen: Bau des Pumpwerks an der Bayernstraße.
1915, 21. 4. Bremerhaven/Geestemünde/Lehe: Die Firma Br. Bartsch wird sechs Tage lang bestreikt. Das Ergebnis: 5 Pfennige Lohnerhöhung.
1915, 3. 5. Geestemünde: Arbeiter der Tecklen-borg-Werft streiken drei Tage lang wegen der schlechten Lebensmittelver-sorgung. Der Arbeitskampf, an dem sich Nieter, Stemmer, Dreher und Kessel-schmiede beteiligen, dauert drei Tage und endet am 5. April damit, dass eine Lohnerhöhung um 5 Pfennige gewährt wird.
1915 Wilhelmshaven: Der "Lange Heinrich" wird in Dienst gestellt. Der Schwimmkan ist mit seinen 81.4 Metern Höhe für die nächsten 30 Jahre das Wahrzeichen der Stadt. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er an die USA übergeben, die ihn in Bremerhaven einsetzten, wo er noch 1982 Dienst tat.
1915, 7. 9. Wilhelmshaven: Die neue Synagoge an der Parkstraße wird eingeweiht. Sie ersetzt das jüdische Gemeindezentrum an der Börsenstraße, das am 28. Februar 1902 eingeweiht wurde. Die neue Synagoge wurde in der Nacht zum 10. November 1938 von Wilhelmshavener Nazis niedergebrannt. An das Verbre-chen erinnert heute ein Denkmal. Auf dem Platz wurden bis 1980 Autos abgestellt, seitdem ist er jedoch zu einer Gedenkstätte umgestaltet worden.
1915 Rüstringen. Im August 1914 rechnete man nicht damit, dass der Krieg sehr lange dauern würde. "Weihnachten sind wir wieder zu Hause," sagten die Sol-daten zum Abschied, als sie ausrückten. Die Behörden meinten deshalb, dass es nicht nötig sei, sich um die Versorgung der Bevölkerung zu kümmern. Dabei herrschte schon in Friedenszeiten in manchen Familien Hunger, weswegen es in Rüstringen bereits im August 1914 eine "Volksküche" gab, die die Ärmsten der Armen vor dem Verhungern schützte. Nun aber stiegen, als erste Reaktion auf die britische Blockade und die Produktionsausfälle infolge der Mo-bilmachung zunächst einmal die Preise, wodurch die Not besonders der ohnehin Armen natürlich vergrößert wurde. Die Behörden, das waren im Allgemeinen die Stellvertretenden Generalkommandos und im Falle der Jadestädte Behörden der Marine, versuchten die Versorgung zu stabilisieren, indem sie begannen, die Lieferungen zu rationieren: es tauchten Lebensmittelmarken auf. Zunächst wur-den sie nur für bestimmte Waren und auch nur an Arme ausgegeben, ehe, ab Oktober 1915, allgemeine Vorschriften des Bundesrates griffen, durch welche die Wirtschaft zunehmend gesteuert wurde. Auch hier war zunächst war nur der Verkehr mit einzelnen Warengrup-pen betroffen, bis dann im Jahre 1916 die allgemeine Rationierung von Le-bensmitteln und Gütern des täglichen Bedarfs einsetzte. Dabei waren die Mengen, die ausgegeben werden konn-ten, gering. In Rüstringen gab es beispielsweise im Herbst 1916 125 g Butter je Person und Woche, im Herbst 1917 dagegen nur noch 60 g. Hinzu traten Preisvorschriften, die natürlich durch einen enormen Schwarzhandel konterkariert wurden. Die erste Konse-quenz der Kriegswirtschaft war, dass der Rüstringer Volksküche verboten wurde, Portionen an solche Menschen abzugeben, die nicht aus der olden-burgischen Stadt Rüstringen kamen. Dann wurde die Zahl der Volksküchen vermehrt: Im Juni 1915 gab es in Rüs-tringen zwei neue Volksküchen. und im Jahre 1917 deren vier. Erstaunlicher-weise konnten dann die Anstalten eine nach der anderen geschlossen werden, so dass es am 4. November 1918 keine städtische Volksküche mehr gab. Die Notleidenden, die übrig blieben, wurden durch den Werft-Wohlfahrtsverein in Wilhelmshaven versorgt. Als Ration wurde im August 1918 dabei je Person und Woche ausgegeben: 125 g Graupen, 250 g Erbsen, 3 Suppenwürfel, 125 g. Marmelade, 250 g Kaffeemischung, 250 g Sauerkraut und 125 g Käse. Worauf die Verbesserung der Versorgung zu-rückzuführen war, wird in der Literatur, die ich gefunden habe, nicht erklärt. Noch eine Bemerkung: Obwohl den Fachleuten - wie beispielsweise dem älteren Moltke - klar war, dass der "Krieg der Zukunft"sich über Jahrzehnte hinziehen würde, was ja auch tatsächlich so geschah, traf die Reichsleitung Kaiser Wilhelms II. weder Vorbereitungen für die Versorgung der Bevölkerung in diesem Katastrophenfal, noch tat man irgend etwas, um den Frieden zu sichern - im Gegenteil: Als die Gelegenheit gekommen zu sein schien, einen frisch-fromm-fröhlichen Krieg zu führen, ergriff man diese mit einer unglaublichen Leichtfertigkeit, ja, wie ich meine, kriminellen Energie, um den Orlog auszulösen. Und als dann die Konsequenzen spürbar wurden, hat man die notwendigen Maßnahmen improvi-siert. Damit sammelte man aber die Erfahrungen, die die Nazis nutzten, als sie ihrerseits den Zweiten Weltkrieg vorbereiteten und auslösten. Beispiels-weise wurde dann die Rationalisierung der Lebensmittel sofort und überall ein-geführt, was übrigens sehr zur Stabi-lisierung der Stimmung beigetragen hat.

-1916-

1916 Bremen. Bau des "Arbeiteramtes" der AG Weser. Hier holten die Proleten Jahrzehnte lang ihre Lohntüten ab. Das Haus stand seit 1983 leer und wurde dann in ein "Lichthaus" umgebaut, in dem Ausstellungen und Konzerte statt-finden.
1916, 9. 1. Bremen. Die "Bremische Correspon-denz" erscheint zum ersten Mal. Die sozialdemokratische Zeitung hält sich bis zum 31. Dezember 1916.
1916, 3. 2. Bremen. Erneuter Fliegeralarm.
1916, 25. 2. Bremen. Einführung der Butterkarten.
1916, 27. 2. Bremen: Die Läden werden sonntags um 10 Uhr geschlossen. (Die gesetzlich ge-regelten Ladenschlusszeiten war eine Folge der Warenknappheit im Ersten Weltkrieg und wurden danach beibehal-ten. Vorher war es nur üblich, an Sonn- und Feiertagen während der Gottes-dienste, also von 10 bis 12 Uhr, die Läden geschlossen zu halten. )
1916, 11. 3. Bremen. Die Behörden teilen mit, dass der Bedarf an Brotgetreide bis zu neuen Ernte in Deutschland gedeckt sei und dass man sogar noch eine Reserve habe. Meldungen dieser Art werden während des Krieges zur Routine. An dem zuneh-menden Hunger in der Bevölkerung ändert sich dadurch nichts.
1916, 19. 3. Bremen. Die neue Kaiserbrücke wird vollständig dem Verkehr übergeben,
1916, 3. 4. Bremen. Eröffnung der neuen städ-tischen Mädchenschule an der kleinen Helle. Sie ist ein Lyzeum und eine Studienanstalt.
1916, 5. 6. Bremen. Der Kaiser passiert auf der Rückfahrt von Wilhelmshaven den Bre-mer Bahnhof und nimmt sich hier eine halbe Stunde Zeit, um die Delegation des Senats zu empfangen.
1916, 28. 7. Bremen. Karl Liebknecht wird in Berlin zu einer Zuchthausstrafe verurteilt. Aus diesem Anlass treten die Arbeiter der AG Weser in den Streik. Zu solchen und ähnlichen Ereignissen ist es während des zweiten Weltkrieges in Bremen überhaupt nicht und auch sonst innerhalb des Deutschen Reiches so gut wie nicht gekommen. Das lag sicherlich auch daran, dass in der Nazizeit die Repression effektiver wirkte, außerdem war die Versorgung der Bevölkerung gleichmäßiger und damit gerechter, bis 1943 auch wohl reichlicher als im Ersten Weltkrieg, aber entscheidend war doch wohl, dass die völkisch-christliche Propaganda, die sich Ersten Weltkrieg im Vergleich zur Vorkriegszeit enorm intensivierte, danach, während der kur-zen Zwischenkriegszeit, kaum nachließ, und dann in der Nazizeit selbst schließ-lich Formen annahm, die alles bis dahin Erlebte in den Schatten stellte, wobei jede abweichende Meinung verstummen musste, was zur Folge hatte, dass der Konsens des deutschen Bevölkerung im Geiste der christlich-völkischen Ideolo-gie bewahrt wurde - im Prinzip bis heute, wie sich hier in Oldenburg an dem Kult um August Hinrichs und Kaiser-Wilhelm II. zeigt, die beide deshalb verehrt werden, weil man sich nicht traut, denjenigen zu nennen, der eigent-lich gemeint ist und dessen Wiederkehr man erhofft - den "heimlichen Kai-ser"nämlich, um mit Langbehn zu spre-chen.
1916, 21. 10. Bremen. Eröffnung der Brautstraßen-brücke.
1916 Bremerhaven/Geestemünde. Die Fisch-wirtschaft wird in zwei Gesellschaften konzentriert: Die Kriegsfischhandels-gesellschaft "Weser" ist für die Orga-nisation der Fänge zuständig, die Kriegsfischindustrie "Weser" für die Verarbeitung und Verteilung der Fänge. Allerdings waren die Möglichkeiten, tatsächlich Fisch an Land zu bringen sehr begrenzt, zum einen, weil die Kaiserliche Marine die Fischdampfer als Vorpostenboote verwendete, zum ande-ren weil die Minen in der Nordsee den Fischfang zu einem sehr riskanten Un-ternehmen machten. Ab Mai 1915 konnte infolgedessen nur ein Teil des Kat-tegatts freigegeben werden. Was die wenigen und veralteten Fischdampfer an land brachten, erzielte allerdings traum-hafte Preise. So stieg beispielsweise der Preis für einen Zentner Schelfisch von 32,50 Marl im Jahre 1913 auf 101,50 Mark im Jahre 1917.
1916, 6. 12. Bremerhaven und Lehe: Hungerrevolte der Bevölkerung. Frauen und junge Männer und Frauen schlagen Schaufens-terscheiben ein und stehlen Brot. Der Stadtkommandant verhängt den Belage-rungszustand und lässt Militär durch die Stadt patroullieren. Die Maßnahme wird am 11. Dezember teilweise wieder auf-gehoben. Danach herrscht Ruhe, obwohl die Versorgungslage immer schlechter wird.
1916, 23. 8. Bremerhaven: Das Handels-Uboot "Deutschland" kehrt aus den USA zu-rück. Das Schwesterschiff "Bremen" geht auf der Reise verloren.
1916 Lehe: Die Stadt hat ein neues Amtsge-richtsgebäude.
1916, 12. 10. Elsfleth: Elsflether Werft gegründet.
1916 Elsfleth. Die bisherige Navigationschule wird in Seefahrtsschule umbenannnt.
1916, 24. 6. Rüstringen. Die Stadt ernennt die Admi-räle Scheer und Hipper zu Ehrenbürgern. Wilhelmshaven verleiht dem Chef der Hochseeflotte erst im August 1918, als dieser nach Berlin abging, die Würde. Hipper, der Befehlshaber der Aufklä-rungsgruppe und letzte Chef der Hoch-seeflotte erhielt offenbar von der preu-ßischen Jadestadt diese Auszeichnung nie.
1916 Wittmund. Das Heer beginnt mit dem Bau des Flugplatzes "Wittmundhaven". Standort ist der Wittmunder Wald, der 1911 abgebrannt und nur zum Teil wieder aufgeforstet worden war. Auf der brach liegenden Fläche sollten nunmehr Luftschiffe stationiert werden, die da-mals gegen England eingesetzt wurden. Für den Platz sprach damals, dass ein Bahnanschluss schon vorhanden war. Bereits am 17. November 1916 wurde in Wittmundhaven ein Luftschiff stationiert. Am 5. April 1917 wurde der Stützpunkt der Kaiserlichen Marine übergeben. Die hier stationierten Luftschiffe waren an deutschen Terrorangriffen auf englische Ziele beteiligt. Der Krieg endete jedoch, als am 8. November 1918 die Soldaten ihre Offiziere gefangen nahmen. Die äußerst empfindlichen Luftschiffe gingen nach dem Waffenstillstand teils durch Sabotage, teils durch Ungeschicklichkeit der Mannschaften verloren.

-1917-

1917 Bremen: Im März streiken die Arbeiter der AG Weser erneut. Am 31. März 1917 treibt die Polizei mit Säbeln die hun-gernden Massen auseinander.
1917, 7. 2. Bremen: Die Schulen der Stadt bleiben wegen des Kohlenmangels geschlossen, jedoch dienen fünf Schulgebäude der Bevölkerung als Wärmehallen.
1917, 28. 7. Bremen: Vom Dom werden die Glocken "Hansa" und "Willehad" abgegeben. Man braucht die Bronze für Munition.
1917, 2. 10. >Bremen: Die Stadt verleiht dem Chef des Großen Generalstabs, Generalfeldmar-schall Paul v. Hindenburg, die Ehren-bürgerschaft.
1917 Bremen: Die Friedhöfe vor dem Doven-tor werden aufgehoben.
1917 Bremerhaven/Geestemünde/Lehe. Elf Bau-geschäfte werden bestreikt. Weite-re Einzelheiten sind nicht bekannt.
1917, 3./4. 4. Bremerhaven. Schmiede, Schiffbauer, Kesselschmiede, Tischler Maschi-nenbauer, Zimmerer, Klempner, kurzum: Arbeiter aller Sparten des Norddeut-schen Lloyd demonstrieren in Bremer-haven gegen die schlechte Versorgung der Zivilbevölkerung mit Lebensmitteln. Es beteiligen sich 293 von 882 Beschäf-tigten, also bei weitem nicht alle. Von Ergebnissen wird nichts berichtet.
1917, 14. 5. Geestemünde: Der Fischdampfer "Fulda" sinkt in der Nordsee. Die Be-satzung ertrinkt.
1917, 24. 11. Geestemünde: Der Fischdampfer "Amalie" sinkt in der Nordsee. Die Besatzung ertrinkt.
1917, 11. 8. Lehe: Die Leher Sparkasse bezieht ihr neues Verwaltungsgebäude an der Ha-fenstraße.
1917, 6. - 8. Wilhelmshaven: Unruhen auf den Schif-fen der Hochseeflotte. Sie bauen sich über lange Zeit auf. Dabei scheinen die Besatzungen der Dickschiffe sich in den Jahren von 1914 bis 1916 im wesent-lichen loyal zur Führung verhalten zu haben. Dabei gab es durchaus Grund zu Beschwerden. Man denke allein dara, dass auf den Linienschiffen und Kreuzern jeweils 800 bis 1000 Mann und mehr auf engstem Raum über Monate und Jahre hinweg zu zusammengepfercht lagen, dann die riesigen sozialen Unterschiede, um nicht von Gegensätzen zu sprechen, zwischen den Heizern und Kohlenziehern im Bauch der Schiffe und dem Deckspersonal, von den Offizieren auf der Brücke ganz zu schweigen und schließlich die allgemeine Untätigkeit, die durch sinnlose Putzarbeiten nur verdeckt wurde - das alles musste doch zu einem Gefühl der Frustration führen, das durch die gelegentlichen Vorstöße der Flotte in die Nordsee kaum abgebaut werden konnte. Immerhin: So lange es an den Landfronten Erfolge gab und ein Ende des Krieges abzusehen war, ertrugen die Mannschaften das alles, aber im Jahre 1917, nach der Kriegserklärung der USA und angesichts der enormen Versorgungs-Engpässe auch in der Marine, häuften sich die besonderen Vorkommnisse:
  • 6. Juni 1917: Matrosen auf der "Prinzregent Luitpold" treten in einen Hungerstreik;
  • im Juni verweigern 30 Mann auf der "Helgoland" den Dienst;
  • am 4. und 5. Juli sowie am 11. und 12. Juli verweigern Matrosen auf dem Linienschiff "Friedrich der Große" den Dienst;
  • 19. Juli 1917 erneut Hungerstreik auf der "Prinzregent Luitpold";
  • 20. Juli 1917: 140 Mann verlassen unerlaubt das Schiff;
  • Juli 1917: Beschwerden auf der "Posen" wegen der Verpflegung;
  • 1. und 2. August 1917: auf der "Prinzregent Luitpold" verlassen 49 Mann unerlaubt den Dienst von denen elf Mann bestraft werden, was zur Folge hat, dass 600 Mann in den Streik treten.
  • 2. August: Demonstrationszug von Matrosen der "Prinzregent Luitpold" nach Rüstersiel;
  • 10. August: Auf der "Posen" verweigern Matrosen den Dienst und schließlich am
  • 16. August: Es kommt zu weiteren Unruhen auf der "Westfalen" und der "Rheinland".
Bemerkenswert ist an dieser Liste, dass die Besatzungen der Kleinen Kreuzer und der Torpedoboote nicht beteiligt waren. Offenbar war hier der emotionale Zusammenhalt der Offiziere mit den Menshaften stark genug, um Revolten zu verhindern, obwohl die materiellen Gründe dort dieselben waren wie auf den Dickschiffen. Hier ging es in allen Fällen im wesentlichen um die unzurei-chende Verpflegung, wobei besonders ärgerlich ist, dass die Mannschaften sehr schlecht versorgt werden, die Offiziere dagegen erkennbar sehr viel besser. Die Flottenführung ändert daran nichts, dafür werden zehn Mann vor ein Kriegsgericht gestellt, von denen zwei, nämlich Albin Köbis und Alfred Reichpietsch, zum Tode verurteilt und am 5. September 1917 in Köln-Wahn erschossen werden. (In Berlin gibt es, wenn ich mich richtig erinnere, ein "Reichpietsch-Ufer", in Wilhelmsha-ven dagegen erinnert nichts, nicht einmal ein Straßenname, an diese Martyrer der deutschen Demo-kratie. Pfui.)

-1918-

1918, 31. 1. Bremen: Streik bei der AG Weser. Er richtet sich gegen die schlechte Versor-gung der Bevölkerung und gegen den Wucher. Überdies fordern die Streiken-den die Demokratisierung der bremi-schen Verfassung und einen Verständi-gungsfrieden. Der Ausstand bricht am 3. Februar zusammen. "Das große revolu-tionäre Potential unter der Werftbeleg-schaft stellte einen wesentlichen Träger der Entwicklung während Revolution und Räterepublik 1918/1919 in Bremen dar." (Hochschule Bremen: Spanten und Sektionen, 1986, S. 33)
1918, 17. 10. Bremen Die Schulen werden wegen der spanischen Grippe bis zum 11. Novem-ber 1918 geschlossen.
1918, 14. 11. Bremen: Der Arbeiter- und Soldatenrat löst den Senat auf.
1918, 18. 11. Bremen. Im Baugewerbe wird der 8-Stundentag eingeführt.
1918, 22. 12. Bremen. Der noch vom Arbeiter- und Soldatenrat eingesetzte Ausschuss für Unterricht und Bildung fordert die Ab-schaffung der christlichen Indoktrination in der Schule. Damit setzt eine Debatte ein, die erst durch eine Entscheidung des Reichsgerichts vom 21. November 1920 dahingehend entschieden wird, wonach in den Ländern, in denen der Religionsunterricht abgeschafft war, also außer in Bremen noch in Hamburg und Sachsen, nunmehr die Regelung der Reichsverfassung zu gelten habe. So ist es im Prinzip bis heute geblieben. - Die zwangsweise christliche Indoktrination der Schüler beginnt in Bremen wieder am 1. Februar 1921.
1918, 6. 1. Bremerhaven/Geestemünde/Lehe: Streik in der Metallwarenfabrik Wilkens. Von den 151 Beschäftigten sind vier Männer und 30 Frauen beteiligt. Der Ausstand endet am 8. Januar 1918, nachdem die Unternehmensleitung einige Zugestän-dnisse gemacht hat, Von den Streiken-den werden aber nur 12 Personen wie-der eingestellt.
1918 Bremerhaven/Geestemünde/Lehe: Der Transportarbeiterverband organisiert in den Unterweserorten im letzten Kriegs-jahr zwei Streiks, von denen weitere Einzelheiten leider nicht bekannt sind. An dem einen waren 200 Arbeiter beteiligt. Er erfasste 20 Betriebe und dauerte vier Tage. Er endete mit einem Teilerfolg. Bei dem anderen machten 1430 Proleten mit, die aus 55 Betrieben kamen. Diesmal dauerte der Ausstand eine Woche. Er endete ebenfalls mit einem Teilerfolg.
1918 Bremerhaven: Bei einem Einbruch in das Geschäft de Harde in der Bürgermeis-ter-Smidt-Straße werden Mäntel, Blu-sen und Kostüme im Wert von 18.000 Mark entwendet. Der Vorfall wird hier erwähnt, weil er ein Beispiel für die anwachsende Kriminalität im Ersten Weltkrieg ist, die wiederum eine Folge der allgemeinen Not war.
1918, 25. 7. Geestemünde/Nordenham: 54 Mann der Fischdampfer-Besatzungen (Matrosen und Heizer) treten in den Streik, der fünf Tage lang bis zum 30. Juli 1918 andauert. Er soll erfolgreich gewesen sein.
1918, 30. 11. Geestemünde. Streik auf den Werften von Seebeck und Tecklenborg. Anlass ist die schlechte Lebensmittelversor-gung. Hunger-Demonstration. Beteiligt sind etwa 500 Arbeiter.
1918, 31. 1. Wilhelmshaven: Die allgemeine Kriegs-müdigkeit macht sich in einer Kundge-bung Luft, die auf dem Banter Schützen-platz die Werftarbeiter vereinigt. Man fordert "Frieden, Freiheit, Völkerver-ständigung und die Abschaffung des Drei-Klassen-Wahlrechts in Preußen. Den Gewerkschaften gelingt es aber, ein Übergreifen des Berliner Munitions-arbeiterstreiks auf Wilhelmshaven zu verhindern.
1918, 31. 1. Oldenburg/Blexen: Gründung der Schiffswerft Oldenburg AG. Sie siedelt ihren ihren Betrieb in der Gemeinde Blexen an und zwar zwischen den Me-tallwerken und dem Kabelwerk. Die Produktion beginnt 1921, beschränkt sich aber auf Reparaturen und den Neubau kleiner Schiffe. Im Jahre 1925 wird der Betrieb eingestellt und die Firma zum Ende des Jahres 1932 liquidiert. Hintergrund: Nach dem vierjährigen Krieg hoffte man wohl auf einen Schiffbau-Boom, weil man meinte, dass nach dem Friedensschluss eine Menge Schiffe, die man nicht mehr brauchte abgebrochen werden müssten, während durch den wieder auflebenden Handel ein neuer Bedarf an Schiffsraum entstehen würde. Der Gedanke war zwar im Prinzip richtig, aber die Realität sah leider anders aus.
1918, 30. 10. Wilhelmshaven: Auf Schillig-Reede sammelt sich seit dem 15. Oktober 1918 die deutsche Hochseeflotte "klar zum Auslaufen". Hintergrund: Obwohl seit dem 3. Oktober das deutsche Waffenstillstandsangebot an die Alliierten vorliegt, soll die Hochseeflotte am 30. Oktober 1918 "zu einem letzten Schlag" im englischen Kanal auslaufen, angeblich um die Westfront zu entlasten, tatsächlich wohl, um "mit wehender Flagge" unterzugehen, damit sie nicht ausgeliefert werden konnte. Angesichts dieser Situation kommt es auf den Schiffen zu Unruhen. Schon am 27. Oktober waren von den Großen Kreuzern "Derfflinger" und "Von der Tann" sowie vom Kleinen Kreuzer "Strassburg" Teile der Besatzung vom Landurlaub nicht zurückgekehrt. In der Nacht zum 30. Oktober begannen überdies auf den Linienschiffen "Kronprinz Wilhelm", "Markgraf", "König" und auf dem Kleinen Kreuzer "Regensburg" Meutereien. Zentrum der Aufstands-Bewegung standen aber die Linienschiffe "Helgoland" und "Thüringen", auf denen am 29. Oktober 1918, also unmittelbar vor dem Auslaufen, die Feuer aus den Kesseln gerissen wurden. Der Flottenchef, Admiral v. Hipper, setzte daraufhin Seesoldaten und Torpedoboote ein, die von der "Thüringen" 350 Mann und von der "Helgoland" 150 Mann als Gefangene abführten, aber an ein Auslaufen der Flotte war danach nicht mehr zu denken. Innerhalb der Mann-schaften eskalierte die Bewegung weiter: am 6. November verließen die Besatzungen massenhaft ihre Schiffe unnd vereinigten sich mit Matrosen, die an Land in den Kasernen untergebracht waren, zu einem riesigen Demonstra-tionszug. Der Stationschef Admiral v. Krosigk hatte den Schusswaffenge-brauch verboten und empfing eine Delegation der Demonstranten - die Revolution nahm ihren Lauf, nicht zuletzt deshalb, weil die Offiziere, die vermut-lich froh waren, nicht den Heldentod sterben zu müssen, sich passiv verhiel-ten. Nur auf der "König" kam es zu einem Zwischenfall, bei dem Offiziere starben, weil sie sich weigerten, die Fahne des Kaisers niederholen zu lassen. Am Abend des 6. November hatte sich im Offizierskasino unter der Leitung des Oberheizers Bernhard Kuhnt der 21er Rat konstitutiert, der nun in Wilhelmshaven und Rüstringen die Macht innehatte. Der Stationschef resignierte am 8. November. Auch auf der nationalen Bühne traten jetzt sehr schnell Veränderungen ein; Am 10. November 1918 ging der Deutsche Kaiser ins Exil und am 11. November 1918 trat der Waffenstilstand in Kraft. Der Chef der Hochseeflotte hatte inzwi-schen die Verlegung der Linienschiffe "König", "Bayern", "Kronprinz Wilhelm", Markgraf" und "Großer Kurfürst" nach Kiel befohlen, weil er hoffte, so die Mannschaften wieder in die Hand zu bekommen, erreichte aber auf diese Weise nur, dass die Auf-standsbewegung jetzt auch die anderen Häfen der Flotte erfasste. In Kiel kommt es zwar zu kurzen Kämpfen, bei denen acht Menschen sterben, aber am 11. November beherrschte der Arbeiter- und Soldatenrat die Stadt. Entscheidend war, dass sich nunmehr die Arbeiter-schaft mit den Matrosen solidarisierte, und dass sich auch die Soldaten des Feldheeres weigerten, den Widerstand fortzusetzen. Das Kaiserreich brach in sich zusammen -die Revolution hatte gesiegt.Die Revolution von 1918 ist das einzige Ereignis von nationaler Bedeutung, dass in Wilhelmshaven stattgefunden hat. Es ist zwar richtig, dass die Institution des "Arbeiter- und Soldatenrates" nicht von Dauer war - dessen letzte Sitzung fand am 26. Dezember 1918 auf dem alten Linienschiff "Kaiser Wilhelm II" statt, aber sie machte doch den Weg frei für die Wahlen zur Nationalver-sammlung am 19. Januar 1919, in der das deutsche Volk zum ersten und bislang letzten Male von seinem Recht auf Selbstbestimmung Gebrauch machte. Erst in diesem Akt konstituierte sich das deutsche Volk als "Nation" und ent-schied sich zugleich, und das auf Dauer, wie sich zeigen sollte, für den demo-kratischen Rechtsstaat, den wir seither haben, und der von den "Nationalen" seit jeher, auch jetzt, heftig bekämpft wird. Wenn das Ereignis in Deutschland und schon gar nicht in Wilhelmshaven, wie das bei analogen Vorgängen in den USA und Frankreich bekanntlich ge-schieht, gefeiert, an der Jade sogar schändlicherweise verleugnet wird, so liegt eine der Ursachen darin, dass die Revolution die Folge einer militärischen Niederlage war, die darüber hinaus von der Marine als moralische Blamage em-pfunden wird, weil die Flotte, nachdem sie über vier Jahre hindurch nutzlos im Hafen gegammelt hatte, sich faktisch selbst aufgelöst hatte, statt mit weh-ender Flagge im Kampf mit dem Feind in der Nordsee ruhmvoll zu versinken, wie sich das nun mal so gehört. Dieser militärisch sinnlose und politisch schäd-liche Befehl, motiviert allein durch den Standesdün-kel einer Kaste, die keine Funktion mehr hatte, gegeben von einem Admirals, der selbst in Berlin an seinem unsinkbaren Schreibtisch blieb, blieb unausgeführt, weil den Offizieren die eigenen Leute wegliefen, was nur mö-glich war, nachdem diese ihre mora-lische Autorität eingebüßt hatten. Die Deutsch-Nazi-Onalen haben aus diesem Vorgang gelernt, dass weder die Propaganda noch die repression mehr nützen, wenn dieser emotionale Zustand einmal eingetreten ist, wenn sich also die Massen dem Herrschaftsanspruch einer Elite verweigern. Damit das nicht eintritt, muss also beispielsweise die moralische Leistung jener namenlosen Heizer auf der "Thüringen" und der "Helgoland", wie auch auf den anderen Dickschiffen der Hochseeflotte, negiert, mehr noch, aus dem kollektiven Gedächtnis des deutschen Volkes getilgt, zumindest muss der Vorgang dann, wenn er zur Sprache kommen muss, beispielsweise in einem Geschichtspunkt, als krimineller Akt der Gehorsamsverweigerung diffamiert, ja, kriminalisiert werden. Um das zu erreichen, hat es natürlich nicht an dem Versuch gefehlt, den verbrecherischen Befehl, der die Kamikaze-Fahrt der ganzen Flotte auslösen sollte, irgendwie zu rechtfertigen, was natürlich nie gelungen ist - es gab nämlich keine militärischen Gründe, die dem Vorhaben einen Sinn gegeben hätten: Der Krieg war nun einmal durch die Schuld Kaiser Wilhelms II. und seiner Entourage verloren, und selbst ein taktischer Sieg wäre angesichts der Überlegenheit der britischen und amerikanischen Flotte völlig ausgeschlossen gewesen, ganz abgesehen davon, dass es eine Rückkehr nicht gegeben hätte - das lehrt ein Blick auf die Seekarte. Dennoch ist es in den folgenden Jahrzehnten dann den Deutschnationalen - zum Teil bis heute - gelungen, Ursache und Wirkung zu vertauschen, indem sie den Eindruck erweckten, dass die Revolution die Niederlage zur Folge gehabt habe, während diese in der Tat die Konsequenz einer falschen, ja, auch nach damaligen Kriterien verbrecheri-schen Politik war, für die letztendlich Kaiser Wilhelm II. die Verantwortung trug, der aber nie zur Rechenschaft gezogen wurde - im Gegenteil: er konnte, nachdem er den Tod von Millionen Menschen zu vertreten hatte, in Ruhe in den Niederlanden von seinem Vermögen zehren, ja, noch im Jahre 2004 war es möglich, dass in Oldenburg so etwas wie ein verpäteter Kaiser-Wilhelm-Kult angestoßen wurde, als Jörg Michael Henneberg mit Hilfe der Oldenburgischen Landschaft und der Stadt Wilhelmshaven eine Gesellschaft gründeten, deren Aufgabe es war, die (nicht vorhandenen) kulturellen Leistun-gen des letzten deutschen Kaisers zu würdigen, der während seiner Regie-rungszeit sein Möglichstes getan hatte, um die Demokratie in Preußen und im Reich zu verhindern und nach seiner Abdankung sich nach schlimmsten Ver-mögen bemühte, die Weimarer Verfas-sung zu stürzen, womit er seinem Nach-folger im Amt und im Geiste, Adolf Hitler, in die Hände arbeitete. Ein sol-cher Mann wird, dank der oldenburgi-schen Landschaft, in Wilhelmshaven ge-feiert, ein Köbis und ein Reichpietsch hingegen hingegen bleiben unbeachtet - waren ja auch nur Matrosen, durften also nicht die Uniform eines Großadmirals tragen, mit der sich Kaiser Wilhelm II. noch im Exil, als er in den Niederlanden kein Ruderboot mehr kommandierte, schmückte.
1918. Bremen:. Die Revolution nimmt in Bremen einen besonders dramatischen Verlauf:
  • 4. November: Im Casino "Auf den Häfen, findet eine Versammlung statt, an der 4000 Menschen teil-nehmen. Angesichts der allgemei-nen Unruhe in der Stadt das Verbot solcher Veranstaltungen aufgeho-ben ist. Veranstalter ist die USPD, also die Abspaltung der Vorkriegs-SPD von der Mehrheits-Partei, die unter der Führung von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg seit jeher für einen Verständi-gungsfrieden mit den Feindmächten eintritt.
  • 5. November: Am folgenden Tag findet an demselben Ort eine Ver-sammlung der Mehrheitssozialisten statt, die tumultuarisch verläuft, denn bislang hatten die Mehrheits-sozialisten ja die Kriegspolitik der Reichsleitung unterstützt. Diese Haltung fand nun auch in dieser Versammlung keine Mehrheit mehr.
  • 6. November: Demonstrationen auf dem Marktplatz, während der Senat über die Einführung des allgemeinen Wahlrechts bereit (bis dahin war die Wählerschaft Bre-mens in nicht weniger als acht Klassen gegliedert). Unterdessen sammeln sich vor dem Rathaus Kolonnen von Arbeitern aus den Großbetrieben. Unter dem Druck dieser Massen beugt sich der Se-nat: Um 20 Uhr verkündet Adam Fransunkiewicz vom Balkon des Rathauses aus die Bildung eines Arbeiter- und Soldatenrates, dem nunmehr die Behörden der Hanse-stadt nach den Regeln des Belage-rungszustandes untersellt sind.
  • 7. November: Der "Arbeiter- und Soldatenrat" konstituiert sich. Ihm gehören 180 Vertreter der meisten bremischen Briebe an, sowie 30 bis 50 Delegierte der in Bremen stationierten Truppen. Er bildet einen Aktionsausschuss mit 15 Mitgliedern, in dem nur die USPD und Linksradikale vertreten sind (10 Unabhängige und 5 Linke). Die Mehrheitsozialisten bleiben vor der Tür.
  • 8. November: Die Mehrheitssozia-listen, vertreten durch Karl Deich-mann, bekennen sich zur Revo-lution. Sie dürfen deshalb zusätzlich sechs Vertreter in den Aktions-ausschuss entsenden, der sich damit auf 21 Mitglieder verstärkt.
  • 9. November; Die Bürgerschaft tagt und verschiebt die fällige Wahl von zwei Senatoren. Auch der Senat hält weiter Sitzungen ab.
  • 11. November: Der Senat hat die neue Wahlrechtsvorlage fertigge-stellt. Sie sieht das allgemeine, geheime und direkte Stimmrecht aller Frauen und Männer in Bremen vor. Damit sind die Forderungen der Mehrheitssozialisten erfüllt, nicht jedoch die der Linksradikalen, die die "Diktatur des Proletari-ats" anstreben.
  • 13. November: Die liberalen Parteien und Gruppen, denen natürlich die ganze Richtung nicht passen konnte, bilden unter dem Vorsitz von Dr. Emil Quidde einen "Bürgerausschuss", der nun die Opposition vertritt.
  • 14. November: Der Arbeiter- und Soldatenrat tagt im Konventssaal der Börse, in dem sich sonst die Bürgerschaft der Stadt versammelt. Hier verkündet Alfred Henke (USPD) die Absetzung des Senats und der Bürgerschaft. Der Arbeiter- und Soldatenrat soll in Zukunft die Gesetze erlassen, der Aktionsausschuss diese ausführen. Bremen sollte Bestandteil der deutschen Volksrepublik werden.
  • 15. November: Auf dem Rathaus wird an Anwesenheit einer großen Menschenmenge die rote Fahne gehisst.
  • 19. November: Der Arbeiter- und Soldatenrat lehnt mit 116 gegen 23 Stimmen bei 13 Enthaltungen die Einberufung der Nationalversamm-lung ab und fordert die Errichtung einer sozialistischen Republik. Am 22. November fordert Johann Knief die Bewaffnung der industriellen Arbeiterschaft und die Entferung der Mehrheitssozialisten aus den Organen der Revoltion.
  • 21. November: Der Widerstand gegen die Mehrheit im Arbeiter- und Soldatenrat gewinnt jetzt an Breite: Im Offizierskasino versam-meln sich Mehrheitssozialisten, die Vertreter bürgerlicher Gruppierun-gen und Vertrauensmänner der Garnison. Sie sprechen sich mit großer Mehrheit für die Wahl zur Nationalversammlung aus.
  • 21. November: Der "Bürgeraus-schuss" hat zu einer Versammlung im Museum am Domshof einge-laden. Hier fordern die Vertreter des Bürgertums die Gleichberech-tigung bei der Neugestaltung der Verhältnisse und Wahlen zur deut-schen Nationalversammlung sowie die Wiedereinsetzung von Senat und Bürgerschaft. Das Bürgertum wendet sich gegen den Kommunis-mus und den proletarischen Terror.
  • 23. November: Zahlreiche Lehrer Bremens beschließen die Gründung einer Lehrerkammer und eines Lehrerrats.
  • 24. November: Die Arbeiter-und Soldatenräte tagen im Casino. Nun-mehr erklären sich 81 Delegierte für die Wahl zur Nationalversamm-lung und 20 dagegen.
  • 26. November: Die Mehrheitsso-zialisten votieren für die Wahl zur Nationalversammlung.
  • 27. November: Johann Knief grün-det die Zeitung "Der Kommuist"
  • 29. November: Kundgebung auf dem Domshof mit Knief als Haupt-redner, der seine Forderungen wiederholt: Ablehnung der Natio-nalversammlung, Befürwortung der ‚proletarischen Dikatur’ und Be-waffnung der Arbeiter. Er lässt darüber abstimmen und behauptet anschließend, die Forderungen sei-en "einstimmig" angenommen worden. Anschließend geht Knief in die Sitzung des Arbeiter- und Soldatenrats. Dieser stimmt den-noch - unter turbulenten Umstän-den - mit 97 Stimmen für die Nationalversammlung (56 Gegen-stimmen und 56 Enthaltungen). Inzwischen waren Demonstranten in den Saal eingedrungen, während es draußen zu Schlägereien kam. Als die Mehrheitssozialisten den Saal verlassen hatten, gingen die weiteren Forderungen glatt durch. Insbesondere wurde die Bewaff-nung der Arbeiter befürwortet, darüber hinaus wurden Neuwahlen zu den Arbeiter- und Soldatenräten beschlossen, die zum Ziel hatten, die Mehrheitssozialisten auszu-schließen. Außerdem wollten die Linken die "Bremer Bürger-Zei-tung" besetzen. Schwarzwälder urteilt über diesen Prozess der fortschreitenden Radikalisierung: "Die Vorgänge vom 19. November hatten mit einer auf Mehrheitsent-scheidungen beruhenden Demokra-tie nichts mehr zu tun. Es fehlte eine halbwegs vernünftige Diskus-sion." (offenbar war auch nicht mehr ganz klar, wer befugt war, über die Anträge abzustimmen und wer nicht. Zusatz d. Verf.) (Schwarzwälder: Geschichte der Freien Hansestadt Bremen. III, S. 35) Der Autor kritisiert vor allem die turbulenten Versammlungen und den ständigen Druck der Demonstranten. Er meint dazu: "Nüchtern ausgedrückt: Der Idee nach war das Rätesystem eine Dik-tatur der demokratisch verfassten ‚Arbeiterschaft’ bzw. des ‚Pro-letariats’ über das Bürgertum mit dem Ziel einer klassenlosen Gesellschaft. In Bremen aber ging die Entwicklung dahin, dass eine radikale Gruppe eine Diktatur über die Arbeiterschaft und das Bürger-tum auszuüben trachtete." Mit meinen Worten: Was in Russland unter der Führung Lenins ins Werk gesetzt wurde, scheiterte unter der Leitung von Johann Knief in Bremen - glücklicherweise.
  • 2. Dezember: Der Geschäftsführer der Druckerei Schmalfeldt & Co weigert sich, die "Bürger-Zei-tung" an Delegierte des Arbeiter- und Soldatenrates zu übergeben.
  • 8. Dezember: Der Arbeiter- und Soldatenrat verbietet eine bürger-liche Kundgebung, die auf dem Marktplatz stattfinden sollte. Der Bürgerausschuss schickt einen Protest gegen diese Maßnahme an die Reichsregierung in Berlin
  • 8. Dezember: Im Bürgerausschuss tritt Dr. Emil Quidde als Vorsit-zender zurück und wird durch den Reeder Adolph Vinnen ersetzt.
  • 11. Dezember: Die Reste des Reserve-Infanterie—Regiments 213 werden auf dem Marktplatz vom Arbeiter- und Soldatenrat feierlich empfangen. Bei der Entlassung der Soldaten gab es keine Probleme.
  • 12. Dezember: Der Arbeiter- und Soldatenrat lässt 22 Offiziere und bürgerliche Aktivisten verhaften. Die Männer werden zwar am nächsten Tag wieder frei gelassen, dennoch zeigt der Vorfall, wohin die Reise geht.
  • 17. Dezember: Neue Wahlordnung zum Arbeiterrat. Wahlberechtigt waren nur Arbeiter und Arbeite-rinnen, die den Freien Gewerk-schaften oder einer der drei sozialistischen Parteien angehör-ten.
  • 21. Dezember: Die USPD über-nimmt die "Bremer Bürger-Zei-tung".
  • 25. Dezember. Die bürgerliche "Weser-Zeitung" wird bis zum 27. Dezember verboten. Dann darf auch das Bremer Tageblatt bis zum 1. Januar 1919 nicht erscheinen.
  • 30. Dezember: Die "Internationa-len Kommunisten" in Bremen tre-ten der neu gegründeten Kommu-nistischen Partei Deutschlands bei.
1918, 6. 11. Bremerhaven/Geestemünde/Lehe: Auch hier bildet sich ein Soldatenrat, jedoch erreicht der Festungskommandant, Vi-zeadmiral Schröder, einen Ausgleich mit den Vertretern der Marine und der Ar-beiterschaft: Er bleibt im Amt, arbeitet aber mit dem Arbeiter- und Soldatenrat zusammen. Dadurch bleiben den Unter-weserstädten größere Gewalttätigkeiten erspart. Für Bremerhaven und die an-deren Unterweserstädte hat die Nieder-lage, für die Kaiser Wilhelm II. und seine Generäle verantwortlich waren, enorme Konsequenzen: Der Norddeutsche Lloyd büßt seine ganze Flotte ein. Es bleiben eigentlich nur noch Schlepper und Barkassen übrig. Von den 263 Einheiten, die 1914 die deutsche Fischereiflotte bildeten, waren 82 Dampfer übriggeblie-ben. Hinzu treten die enormen sozialen Verwerfungen, die mit der Auflösung des Feldheeres verbunden waren, während die Lebensmittelnot ja keineswegs be-hoben war, weil die Blockade fortgesetzt wurde. Das alles wurde an der Unter-weser noch dadurch komplizierter, dass wir es ja mit zwei Ländern und zwei Städten, sowie einer "Landgemeinde", nämlich Lehe, zu tun haben, die mit ihren 35.000 Einwohnern die größte Kommune ist, aber die geringsten Rechte hat.
1918, 19. 11. Wilhelmshaven: Die 16 modernsten Dickschiffe der Hochseeflotte und acht Kleine Kreuzer laufen aus, um in dem britischen Stützpunkt Scapa Flow inter-niert zu werden. Dort trifft der Verband am 21. November 1918 ein. Die Schiffe versenken sich in der Annahme, der Waffenstilstand sei abgelaufen, am 21. Juni 1919 selbst, um nicht an die Alliierten ausgeliefert zu werden.
1918 Esens: Die Ostfriesischen Muschelkalk-werke nehmen ihren Betrieb auf. Verar-beitet wurden in zwei Brennöfen die Schalen der Herzmuscheln, die man in Massen aus dem Watt holte. In den zwanziger Jahren waren die Muschel-kalkwerke der größte Arbeitgeber in Esens. Der Betrieb wurde 1974 einge-stellt.