-1919-

1919 Berlin/Bremen: Das ist offiziell das erste Friedensjahr, kann also der Anlass sein, um eine Bilanz der vier Kriegsjahre zu ziehen, obwohl die Folgen der von Kaiser Wilhelm II. angerührten Katastro-phe noch lange nicht verwunden sind: Die Tonnage der deutschen Handels-flotte ist in den 51 Monaten des großen Orlogs von 5.459.000 BRT auf 671.000 BRT gesunken.
1919 Bremen. In der Hansestadt spitzen sich die Verhältnisse zu. Man erwartet die zurückkehrenden Soldaten und befürch-tet deren Eingreifen. Zugleich radikali-siert sich die Linke immer weiter, was dann schließlich zu den tragischen Er-eignissen führt, mit denen die Revolution in Bremen ihr Ende findet. Die Ein-zelheiten:
  • 1. Januar: Die Soldaten des Infan-terie-Regiments Nr. 75, das in Bremen stationiert war, werden in Sebaldsbrück ausgeladen und von einer riesigen Menschenmenge be-geistert empfangen. Das Regiment greift sogleich in die politischen Verhältnisse ein. Es kommt zu einem Vertrag zwischen dessen Stab und dem Arbeiter- und Soldatenrat, in dem beide Institu-tionen ihre Aufgaben definieren. Der Vertrag wird aber nicht eingehalten. Revolutionäre Arbeiter unter Führung von Johannes Knief entwaffnen daraufhin noch am gleichen Tag die Soldaten in ihrer Kaserne.
  • 6. Januar: Wahlen zum Arbeiterrat. Die Mehrheitssozialisten erhalten 104 Mandate. 59 gehen an die USPD und 60 Mandate an die KPD. Die beiden radikalen Parteien be-haupten damit eine knappe Mehr-heit in dem Gremium.
  • 9. Januar: Die Mehrheitssozalisten versuchen eine neue Zeitung als Ersatz für die Bremer Bürger-Zeitung, die ihnen mit Gewalt genommen worden war, heraus zu bringen, werden aber durch Vertreter des Soldatenrats gewalt-sam daran gehindert.
  • 10. Januar: Kundgebung der Kom-munisten und der USPD auf dem Marktplatz. "Das Rathaus war mit Bewaffneten umgeben. Maschinen-gewehre standen auf den Treppen des Doms." (Schwarzwälder, Ge-schichte der Freien Hansestadt Bremen, Bd. III, S. 56). Johann Knief ist krank, dafür spricht der Lehrer Karl Jörn. Auf dieser Kund-gebung wurde "die sozialistische Republik Bremen" proklamiert und das Standrecht verkündet. Die Mehrheitssozialisten wurden aus dem Arbeiterrat ausgeschlossen. Die Organe der Republik waren einmal der Arbeiter- und Solda-tenrat, wobei der Arbeiterrat nur aus Vertretern der USPD und der KPD bestand, und der Rat der Volksbeauftragten. Schwarzwälder: "Nun nahm die Menge die Resolution an, ohne dass eine ordnungsgemäße oder gar geheime Abstimmung stattgefunden hätte. Die Frage der Legitimation stellte sich natürlich nicht; was hier geschah, war ein revolutionärer Akt, über dessen Rechtmäßigkeit der Erfolg in der Zukunft entschei-den musste." (Schwarzwälder, Geschichte der Freien Hansestadt Bremen, Bd. III, S. 56). Noch am gleichen Abend wählt der Arbei-terrat, bestehend aus 75 Vertretern der KPD und 74 Delegierten der USPD, einen sechsköpfigen "Rat der Volksbeauftragten", der an die Stelle des Senats tritt. Schwarz-wälder: "Das Rätesystem konnte damit seinen Abschluss erhalten; es beruhte nicht auf einer Herr-schaft der Arbeiterschaft oder des Proeltariats, soweit man darunter alle Lohnempfänger oder auch nur alle lohnabhängigen Handarbeiter verstehen will; es war die ‚Herrschaft’ des linkssozialisti-schen Teils der Arbeiterschaft unter der Führung einer kleinen radikalen Gruppe". (Schwarzwäl-der: Geschichte der Freien Han-sestadt Bremen, Bd. III, S. 57).
  • 11. Januar: Der Rat der Volksbe-auftragten führt die Vorzensur ein.
  • 13. Januar: Der Arbeiter- und Soldatenrat beschließt mit 101 zu 88 Stimmen, die Wahl zur Natio-nalversammlung in Bremen statt-finden zu lassen. Die Vertreter der KPD waren konsequent dagegen, die USPD ist gespalten.
  • 14. Januar: Bremen steht am Rande des Bürgerkriegs. Der Grund: Die Kommunisten im Arbeiterrat be-treiben die Entwaffung der Solda-ten, während der Soldatenrat meint, dass die Arbeiter ihre Ge-wehre abgeben sollten. Am 14. Januar 1919 wird der Stadtkommandant Ecks beim Mit-tagessen von Matrosen verhaftet, ebenso ein Mitglied des Soldaten-rats und ein Volksbeauftragter. Truppen besetzen die Brücken, den Bahnhof und den Markplatz der Stadt. Vor der AG Weser kommt es zu Schießereien zwischen Matro-sen und Arbeitern, bei denen es Tote gibt. Einige Arbeiter nehmen 20 Angestellte als Geiseln. Am Abend kommt es zu einem Kom-promiss zwischen den Parteien: Der kommunistische Stadtkomman-dant Ecks wird abgesetzt, die Ge-fangenen kommen frei und die Soldaten rücken wieder in ihre Kasernen ein.
  • 15. Januar: Die Straßenbahner in Bremen demonstrieren für einen achtstündigen Arbeitstag und höhere Löhne. Die Forderugen wurden am 16. Januar bewilligt.
  • 15. Januar: Chaotische Versamm-lungen im Casino, den Centralhal-len und in der "Union". Der Zweck war, dass die Arbeiter die Vereinbarung des Vortages bestä-tigen sollten, tatsächlich wurde nun offenkundig, dass die einzelnen Gruppen, insbesondere die Arbeiter hie und die Soldaten dort, sich unversöhnlich gegenüber standen, während die Bürgerlichen im Hintergrund auf ihre Stunde warteten. Schließlich gab es ja noch die Mehrheitssozialisten, die darauf hofften, ihre Forderungen in einer Republik durchzusetzen, die demokratisch und rechtsstaatlich geordnet war.
  • 19. Januar: In Bremen finden die Wahlen zur Nationalversammlung statt. Die Wahlbeteiligung betrug 84,1 Prozent. Die stärkste Partei wurden die Mehrheitssozialisten mit 42 Prozent der Stimmen. Es folgte die Deutsche Demokratische Partei mit 33,5 Prozent und die USPD mit 18,2 Prozent. Die KPD hatte sich an der Wahl nicht beteiligt. Schwarzwälder: "Das Wahlergebnis zeigte eindeutig, selbst wenn man etwa 10.000 verlorene kommunistische Stimmen annehmen sollte, wie schwach die Basis der Räterepublik bei der Bevölkerung und sogar bei der Arbeiterschaft zahlenmäßig war." (Schwarzwälder: Geschichte der Freien Hansestadt Bremen, Bd. III, S. 67).
  • 20. Januar: Bewaffnete Arbeiter unter der Führung von Karl Jörn besetzen öffentliche Gebäude und Banken. Einige ziehen zur Kaserne am Neustadtwall und verlangen Waffen. Weder die KPD noch die USPD waren von dem "Putsch" vorher unterrichtet worden, geschweige denn, dass sie einverstanden gewesen wären. Jörn musste also bald aufgeben.
  • 21. Januar: Der Arbeiter- und Soldatenrat hebt die Pressezensur auf.
  • 22. Januar: Karl Jörn verlässt Bre-men und geht nach Wilhelmshaven.
  • 24. Januar: Der Rat der Volksbeauftragten und der Voll-zugsrat entwerfen eine Verordnung für die Wahlen zu einer bremischen Volksvertretung. Sie wird am 28. Januar fertiggestellt und dann am 1. Februar vom Arbeiter und Sol-datenrat angenommen. Schwarz-wälder: "Die Situation hätte es wohl gestattet, die Wahlen zur bremischen Nationalversammlung und damit eine friedliche Liquidie-rung der Räterepublik durchzufüh-ren, wenn auch linksradikale Akti-onen diese Entwicklung jederzeit gefährden konnten." (Schwarz-wälder, Geschichte der Freien Hansestadt Bremen, Bd. III, S. 73).
  • 25. Januar: In Berlin befiehlt der Volksbeauftragte Gustav Noske dem General Walther v. Lüttwitz, die Ordnung in Bremen wiederher-zustellen, der den Auftrag weiter-gibt.
  • 27. Januar: Oberst Wilhelm Gers-tenberg erhält den Befehl, die Aktion duchzuführen.
  • 29. Januar: In Verden trifft Militär ein. Zugleich versammeln sich hier Freiwillige unter dem Kommando des Majors Caspari.
  • 30. Januar: Aus Bremen trifft der Volksbeauftragte Alfred Henke in Verden ein, um mit den Militärs zu verhandeln, was aber abgelehnt wird.
  • 31. Januar: Der Vormarsch der "Division Gerstenberg" (eine zusammengewürfelte Truppe von 1500 Mann) beginnt.
  • 1. Februar.: Der bremische Rat der Volksbeauftragten bittet um Auf-schub der Operation der Division Gerstenberg und sagt die Abgabe der Waffen zu. Die Mehrheitsso-zialisten werden zu den Sitzungen des Arbeiterrates wieder zugelas-sen.
  • 2. Februar: Der Vorsitzende des Soldatenrats von Bremerhaven, Heinrich Armgard, ruft Noske in Berlin an und weist ihn auf den reaktionären Charakter der "Divi-sion Gerstenberg" hin. Noske er-klärt, er wolle Ordnung in Bremen.
  • 3. Februar: Der Rat der Volksbe-auftragten in Bremen will zurück-treten und einem neuen Platz machen, der sich aus Vertretern der MSPD, der USPD und der KPD zusammensetzt. Außerdem wird zugesichert, dass die Arbeiter ihre Waffen an Bremer Soldaten über-geben, die dann auch den Sicher-heitsdienst übernehmen sollten. Die "Division Gerstenberg" dagegen solle sich zurückziehen. Eine Dele-gation überbringt die Vorschläge den militärischen Behörden in Ver-den. Dort haben aber Vertreter der Bürgerlichen mit den Mehrheitsso-zialisten inzwischen der Besetzng Bremens durch Regierungstruppen zugestimmt. Die Entscheidung ist damit gefallen. Die vielfältigen Be-mühungen, die Eroberung der deutschen Stadt Bremen durch deutsche Truppen zu vermeiden, scheitern allesamt. Schwarzwälder urteilt: "Es ist wahrscheinlich, dass Noske längst keine Kompro-misslösung mehr wollte, sondern eine militärische Entscheidung, durch die der Wille der Reichsregierung voll durchgesetzt wurde, um auf diese Weise für ganz Deutschland ein Zeichen zu setzen." (Schwarzwälder, Ge-schichte der Freien Hansestadt Bremen, Bd. III, S. 81).
  • 3. Februar: Um 14.20 Uhr beginnt die letzte Sitzung des Arbeiter- und Soldatenrates.
  • 4. Februar: Die Offensive der "Division Gerstenberg"wird eröffnet. Bewaffnete Arbeiter weh-ren sich, haben aber gegen die im Straßenkampf geübten Soldaten keine Chance. Um 21. Uhr ist Bremen von den Regierugstruppen erobert.
  • 5. Februar: Regierungstruppen besetzen die AG Weser und holen die Rote Fahne vom Gebäude der Verwaltung herunter. Die Zeitung der KPD "Der Kommunist" wird verboten, dagegen die Bremer Bürgerzeitung der USPD genom-men und den Mehrheitssozialisten wieder übergeben. Streiks, die am 6. Februar einsetzen, brechen bis zum 10. Februar zusammen.
  • 8./9. Februar: Die Eroberung des Freistaats wird beendet, als ein Verband unter Major Stobbe die Unterweserstädte Bremerhaven, Geestemünde und Lehe besetzt. Hier kam zu keinen Kämpfen.
  • 12. Februar. Die Beerdigung der Opfer vom 4. Februar wird noch einmal zu einer Demonstration für die gescheiterte Räterepublik in Bremen. Während der Kämpfe um Bremen waren 81 Menschen ge-storben, darunter zahlreiche Unbe-teiligte, nämlich 18 Männer, fünf Frauen und sechs Kinder - ein Massaker, das Noske hätte ver-meiden können, wenn er das ge-wollt hätte.
1919, 5. 2. Bremen: Gründung der "Stadtwehr". Die Mitglieder sollen die Polizei und das Militär unterstützen. Kommandant wird der Major Caspari.
1919, 6. 2. Bremen: Streik bei der AG Weser. Er dauert bis zum 9. Februar. Die Forde-rungen: Ende der militärischen Bewa-chung der Betriebe. Abzug der Division Gerstenberg. Entwaffnung der Freiwil-ligen-Abteilung Caspari.
1919, 8. 2. Bremen: Am Bürgerpark werden Villen geplündert.
1919, 19. 2. Bremen: Das "Landesschützenkorps" rückt aus Bremen ab.
1919, 26. 2. Bremen: Die Zeitung "Der Kommunist" wird "bis auf weiteres" verboten.
1919, 4. 3. Bremen: Erneuter Streik auf der AG Weser. Diesmal geht es um die Befrei-ung der Gefangenen, die seit der Erobe-rung Bremens durch die Regierungs-truppen einsaßen.
1919, 8. 4. Bremen: Letzte Sitzung des alten, nach dem 8-Klassen-Wahlrecht bestimmten Senats. Am 10. April wählt die bremi-sche Nationalversammlung einen neuen Senat, dem zehn sozialdemokratische und acht bürgerliche Senatoren angehö-ren. Der Präsident des Senats und sein Stellvertreter werden am 15. April ge-wählt.
1919, 12. 4. Bremen: Zwei amerikanische Schiffe bringen Lebensmittel in die Weserhäfen. Diese und die folgenden Schiffe legen aber wegen der sozialen Spannungen in der Hansestadt nicht in Bremen sondern in Brake an.
1919, 16. 4. Bremen: Generalstreik in der Hanse-stadt. Es beteiligen sich die Werftarbei-ter, die Arbeiter des Gaswerks, die Straßenbahner und andere. Das Bürger-tum reagiert vom 20. April an mit einem Abwehrstreik. Sämtliche Betriebe, Ver-kaufsstellen, Kinos, Theater sind ge-schlossen, Auch die Ärzte beteiligen sich.
1919, 26. 4. Bremen: Heftige Zusammenstöße zwi-schen Streikenden und Streikbrechern bei der Straßenbahn. Der Betrieb wird kurzfristig wieder aufgenommen, muss aber wieder eingestellt werden. Das Gaswerk kann wieder in Betrieb genom-men werden, obwohl die Arbeiter den Streik fortsetzen. Der Senat gibt be-kannt, dass die Lebensmittelgeschäfte wieder eröffnet werden. Zur Behebung der Unruhen wird über Bremen ein-schließlich Vegesack und dem Landge-biet der Belagerungszustand verhängt, außerdem werden außerordentliche Kriegsgerichte eingesetzt. (am 9. Sep-tember wieder aufgehoben)
1919, 27. 4. Bremen: Der Generalstreik ist beendet. Die städtischen Werke produzieren Gas und Strom. Die Straßenbahn fährt wieder.
1919, 28. 4. Bremen: Ein Putsch des "Roten Solda-tenbundes" wird abgewehrt, indem die führenden Mitglieder verhaftet werden.
1919, 29. 4. Bremen: Der 21er Rat fordert die Arbei-ter auf, die Arbeit am 30. April wieder aufzunehmen. Die Revolution ist been-det.
1919, 8. 8. Bremen: Streik der Versicherungsange-stellten.
1919, 8. 9. Bremen: Der Betrieb von Hansa-Lloyd wird geschlossen, weil 500 Hilfsange-stellte streiken. Der Arbeitskampf wird am 15. September beendet.
1919, 6. 5. Oldenburg/Bremen. Der Landtag in Ol-denburg lehnt den Antrag auf Vereini-gung des Freistaats Oldenburg mit der Hansestadt Bremen ab.
1919, 26. 9. Bremen: In der Hansestadt wird eine Ortsgruppe des Stahlhelms gegründet. Der "Bund der Frontsoldaten" war republikfeindlich, jedoch nicht monar-chistisch. Er ging nach der "Macht-ergreifung" der Nazis in der SA auf.
1919, 2. 11. Bremen. Gründung der Volkshochschule. Die Anregung dazu gab Pastor Emil Felden. 1935 übernahm das "Kreis-schulungsamt der NSDAP" die Aufga-ben des "Vereins Bremer Volkshoch-schulen e. V.". Die Institution wurde am 5. 10. 1946 im Rathaus wieder eröffnet.
1919, 25. 5. Bremen. Der 1. Mai wird in der Hansestadt gesetzlicher Feiertag. Das Gesetz wird am 1. Mai 1922 von der Bürgerschaft mit Mehrheit aufgehoben, wobei die Linke die "verfassungs- und geschäftsordnungwidrige Methode" der Abstimmung kritisierte. Im entscheiden-den Moment erloschen nämlich in der Bürgerschaft die Lampen, so dass der Präsident die Stimmen bei dem Licht von Kerzen und Streichhölzern zählen musste. Der Senat billigt am 28. April 1922 den Beschluss des Parlaments, der damit in Kraft tritt.
16. 9. 1919 Bremen: Streik der Hafenarbeiter. Er dauert bis zum 3. Oktober 1919.
1919, 19. 9.. Bremen: Die Atlas-Werke schließen und entlassen die Arbeiter.
1919, 20. 9. Bremen: Streik der Straßenbahn-Arbei-ter (Handwerker und Werkstätten-Per-sonal)
1919, 20. 9. Bremen: Streik des Fahrpersonals der Bremer Straßenbahn. Dazu ergeht am 28. September ein Schiedsspruch. Der Streik endet aber erst am 19. Oktober 1919.
1919, 5. 10. Bremen: Das Neuenlander Feld wird Zwischenlandeplatz der Fluglnie Am-sterdam - Hamburg - Kopenhagen.
1919, 24. 10. Bremen: Der Fahrpreis bei der Straßen-bahn steigt von 15 auf 20 Pfennige.
1919, 2. 11. Bremen: Eröffnung der Volkshochschule.
1919, 4. 2. Bremen: Auf dem Friedhof in Walle werden die Opfer der Revolution von 1918/1919 gemeinsam beerdigt.
1919, 15. 2. Bremerhaven/Geestemünde/Lehe: 36 von 37 Schneidern in mehreren Herren-Bekleidungsgeschäften treten für 30 Tage in einen Streik, der am 18. März endet. Sie erhalten einen Zuschlag von 60 bis 115 Prozent zu dem bisherigen Lohns.
1919, 9. 1. Bremerhaven/Geestemünde/Lehe: Kon-ferenz der drei Bürgermeister von Bre-merhaven, Geestemünde und Lehe mit dem Regierungspräsidenten Grashoff aus Stade sowie weiteren Beamten über die Frage, ob es möglich sei, die drei Städte zu einer einzigen zu vereinigen. Die Situation erläutert der Stadtdirektor Becké von Bremerhaven so: "Die kommunalpolitische Trennung der drei Städte hat bewirkt, dass drei städtische Gasanstalten, drei städtische Elektri-zitätswerke, drei Wasserwerke einge-richtet und betrieben werden, dass drei selbständige Sparkassen bestehen, dass zwei Schlachthöfe betrieben werden, dass drei städtische Krankenhäuser ... betrieben werden ...." und so weiter. Angesichts dieser Unzuträglichkeiten stimmten Bremerhaven und Lehe, wenn auch mit Einschränkungen, der Forde-rung nach einer Zusammenlegung zu, Geestemünde jedoch lehnte ab, weil die Stadt nicht bereit war, sich Bremen anzuschließen. Damit geriet das Vorha-ben auf die lange Bank und wurde erst 1939 unter ganz anderen Auspizien realisiert.
1919, 2. 6. Bremerhaven/Geestemünde/Lehe: In dreizehn Betrieben des Bau- und des Zimmererhandwerks streiken alls 130 Beschäftigte bis zum 11. Juni 1919 zehn Tage lang und erzielen einen Zuschlag zum Stundenlohnvon 25 Pfennigen.
1919, 6. 6. Bremerhaven/Geestemünde/Lehe: 35 von 58 Musikern in den Gastwirtschaften der Unterweserorte treten in einen Streik, um höhere Honorare zu erzielen. Sie erzielen einen Teilerfolg. Hinter-grund: Nach dem Krieg und angesichts der gegewärtigen Notlage stürzen sich die Menschen in einen Vergnügungs-rausch, um all das, was gewesen ist und sie noch bedrückt, zu vergessen. Dass in einer solchen Situation die Musik schweigt, ist natürlich unerträglich und da auf der anderen Seite die Gastwirte gut verdienen, ist ein Erfolg des Musikerstreiks möglich.
1919, 1. 7. Bremerhaven/Geestemünde/Lehe: Streik in den Kaufhäusern Bartsch, Schocken, Lewy, Liepmann, Hirsch usw.. Es beteiligen sich alle 217 Angestellten und erzielen nach neun Tagen am 10. Juli auch einen Erfolg.
1919, 16. 1. Bremerhaven: Alle 400 Straßenbahner treten inden Streik. Sie setzen in nur einem Tag ihre Forderungen durch.
1919, 1. 5. Bremerhaven: Die Stadtverordneten be-schließen die Übernahme des Theaters in städtische Regie.
1919, 1. 7. Bremerhaven: Alle Straßenbahner treten in einen Streik, weil eine bereits zugesagte Lohnerhöhung nicht ausge-zahlt wurde. Nach sieben Tagen setzen sich (am 7. Juli 1919) durch.
1919, 30. 10. Bremerhaven: Alle 431 Straßenbahner treten erneut in den Streik, um ange-sichts der Inflation eine Lohnerhöhug durchzusetzen. Der Ausstand endet nach 50 Tagen am 20. Dezember 1919 mit einem Erfolg.
1919, 19. 2. Bremerhaven/Geestemünde: Alle 16 Netzmacher in den Fischereihäfen strei-ken. Der Ausstand dauert bis zum 24. Februar und bringt eine Lohnerhöhung von 1,40 auf 1,70 Mark die Stunde.
1919, 14. 4. Bremerhaven/Geestemünde. Alle 222 Männer der Fischdampferbesatzungen streiken für mehr Lohn und bessere Ar-beitsbedingungen. Sie erhalten nach 21 Tagen (am 5. Mai 1919) die gleichen Prämien und die gleiche Verpflegung wie die Besatzungen der Minensuch-boote.
1919, Mai Bremerhaven/Geestemünde: 83 Angestellte der Werften fordern eine Erhöhung der Gehälter und eine Verkür-zung der Arbeitszeit und treten deshalb in den Streik. Sie erzielen nach zwei Tagen einen Erfolg.
1919, 19. 6. Bremerhaven/Geestemünde: In den Fi-schereihäfen streiken die Korbmacher bis zu 26 Wochen lang. Es kommt zu Aussperrungen. Das Ergebnis des Ar-beitskampfes ist nicht bekannt.
1919 Bremerhaven/Geestemünde. Arbeiter der Hanseilfabriken Reckelmann sowie Schur & Lange treten in einen Streik, der am 15. Juli 1919 mit einem Erfolg endet. Weitere Einzelheiten nicht be-kannt.
1919, 22. 9. Bremerhaven/Geestemünde. Der See-mannsbund organisiert einen Streik gegen die Reedereien der Hochsee-fischerei, an dem 144 der 170 Beschäf-tigten teilnehmen. Der Arbeitskampf dauert 14 Tage lang bis zum 6. Oktober und endet mit einer völligen Niederlage. Der Seeannsbund wird aufgelöst.
1919 Geestemünde: Gründung des "Instituts für Seefischerei". Seit 1948 "Institut für Meeresforschung". Die Einrichtung hat seit 1967 ihren Sitz in einem Neubau an der Schleuse zum Fischereihafen.
1919 Geestemünde: Die "Berlin" aus Altona sinkt in der Nordsee. Die Besatzung ertrinkt.
1919, 25. 6. Geestemünde: Die Arbeiter der geestemünder Mühlenwerke streiken drei Tage lang. Keine weiteren Einzelheiten.
1919, 3. 4. Lehe: 222 Holz-Arbeiter der Firma W. Rogge streiken für mehr Lohn und bes-sere Arbeitsbedingungen. Der Ausstand dauert zwei Tage und endet mit einem Teilerfolg.
1919 Nordenham: Die Stadt kauft den Hof "Altensiel" mit der Ziegelei und be-treibt die Fabrik in eigener Regie weiter. Der Betrieb wird 1940 stillgelegt und in den 60er Jahren abgerissen.
1919 Tossens: Der Galerie-Holländer bei Tossens wird abgebrochen. Die Mühle war 1873 erbaut worden. Zuvor gab es in Tossens eine Bockwindmühle, die aber in der Nacht vom 24. zum 25. Aril 1873 abbrannte. Im übrigen gab es Tossens seit dem 16. Jahrhundert eine Mühle.
1919 Abbehausen: Die Hobenmühle, die noch bis 1918 gearbeitet hat, wird abgerissen. Sie war 1857/58 errichtet worden. Vorher gab es in der Gemeinde eine Bockwindmühle.
1919-1922 Lemwerder: Bau der Bahn von Delmen-horst nach Lemwerder. Die Strecke wird am 31. 10. 1922 eröffnet. Damit ist der Eisenbahnbau im Oldenburger Land ab-geschlossen. Das Ergebnis: Abgesehen von Wiefelstede hat numehr jedes größere Dorf im Land seinen Bahnan-schluss oder anders ausgedrückt: Es gibt im nunmehrigen Freistaat kein Haus, das weiter als zehn Kilometer von der nächsten Station entfernt steht.
1919 - 1923 Wilhelmshaven: In dem früheren Stütz-punkt der kaiserlichen Marine blüht das Schrottgeschäft: Auf mehreren Werften werden 112 deutsche Kriegsschiffe, 82 Handelsschiffe und 100 weitere Einhei-ten aus den USA, Frankreich und Pro-duktion abgebrochen. Unter anderen endet hier die Kaiser-Yacht "Hohenzollern II".
1919, 15. 1. Rüstringen/Wilhelmshaven: Freikorps-Männer ermorden Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, die Führer der soeben gegründeten Kommunistischen Partei Deutschlands, ein Verbrechen, für das der damalige Reichswehrminister Gustav Noske die politische Verantwortung trägt. Darauf-hin ereignet sich an der Jade Folgendes:
  • 20. Januar: Die Kommunisten der Festung rufen zu einer Protest-kundgebung gegen die Ermordung der beiden Politiker auf.
  • 26. Januar: Gemeinsame Kundge-bung der SPD, USPD und KPD auf dem Adalbert-Platz in Wilhelmsha-ven. Letztes gemeinsames Auftre-ten der drei Arbeiterparteien. Es spricht noch einmal Bernhard Kuhnt, der unmittelbar darauf zur Berichterstattung nach Berlin fährt. Dort wird er verhaftet. Zwar er-weisen sich später die Vorwürfe als haltlos, jedoch scheidet er damit aus dem politischen Gesche-hen an der Jade aus.
  • 27. Januar: Sogenannter Kommu-nisten-Putsch. Die Spartakisten um den Volksschullehrer Jörn besetzen den Bahnhof, das Fernsprechamt, die Post, die Banken, das Lebensmittelamt und "einige" Rathäuser. (In den beiden Städten gab es neben dem Rathaus in Wilhelmshaven noch solche für die ehemaligen Gemeinden Bant und Heppens; Neuende hat es nie zu einem eigenen Rathaus gebracht.). Ihr Hauptquartier ist die Tausend-Mann-Kaserne. Zur Finanzierung des Putsches erpressen sie von der Reichsbank die Auszahlung einer größeren Geldsumme. Die Gruppe ruft Wilhelmshaven zu einer "Sozialistischen Republik" aus. Die Spartakisten bleiben aber isoliert: Die Arbeiter der Werft schließen sich ihnen nicht an und die Beamten so wie die Angestell-ten in Wilhelmshaven verweigern ihnen den Gehorsam. Vor dem Offizierskasino kommt es zu einer spontanen Protestkundgebung ge-gen die Putschisten.
  • In der Nacht zum 28. Januar gehen Offiziere, Deckoffiziere und Be-rufssoldaten mit Artillerie gegen die Tausendmann-Kaserne vor, der man die Versorgung mit Strom und Wasser abschneidet. Bei den Kämpfen werden 8 Männer getötet und 46 verletzt. Gegen 3 Uhr ziehen die Spartakisten - etwa 400 Mann - ab. Jetzt distanziert sich auch der Arbeiter- und Soldatenrat von dem Putsch, unterstellt sich ausdrücklich der Regierung in Berlin und verhängt den "Belagerungszustand".
  • 1. Februar: Konferenz aller Betei-ligten (also der Arbeiterparteien und der bürgerlichen Gruppen, natürlich ohne die Kommunisten) im Stationsgebäude mit dem Sta-tionschef. Daraufhin entspannt sich die Lage.
  • 7. Februar: Festungskommandant und Arbeiter- und Soldatenrat ordnen die Abgabe aller Waffen bis zum 11. Februar an.
  • 17. Februar: Das Landesschützen-korps unter dem Kommando des Generals v. Roeder zieht in Wil-helmshaven ein. Paul Hug wird zum Reichskommissar für die Festung ernannt. Damit ist die Revolution an der Jade beendet.
  • Bremerhaven/Lehe/Geestemünde, 3. Februar: Der Soldatenrat rüstet gegen den Willen das Arbeiterrates 150 Freiwillige mit Waffen aus, die dann mit einem Sonderzug nach Bremen fahren, um die dortige "Räterepublik" gegen die Divisi-on Gerstenberg zu unterstützen. Der Einsatz endet damit, dass die Bremerhavener sehr rasch fliehen.
Die Aktion bedeutet das Ende des Soldatenrates an der Unterweser. Der Arbeiterrat stellte Ende 1919 seine Tätigkeit ein. Er hatte faktisch keine Funktion mehr, weil die Gemeindeorgane inzwischen demokratisch gewählt waren und ihre Arbeit machten. Am 8. Februar 1920 werden die Unterweserorte von einer Abteilung der Landesschützen-brigade besetzt, die etwa 100 Personen festnimmt. Damit ist die Revolution auch hier beendet.
1919, März Rüstringen/Wilhelmshaven: Bildung der "Marine-Brigade Wilhelmshaven", später "Brigade Erhardt". Sie spielt ein Jahr später beim Kapp-Putsch eine Rolle.
1919, 1. 4. Wilhelmshaven: Die Gemeinde wird "kreisfreie Stadt".
1919, 13. 4. Rüstringen/Wilhelmshaven: Gründung des Zweigvereins Rüstringen/Wilhelms-haven des Katholischen Deutschen Frauenbundes.
1919, 1. Mai Rüstringen/Wilhelmshaven: SPD und USPD halten getrennte Maifeiern ab
1919, 15. Mai Rüstringen/Wilhelmshaven: Auf dem Bismarckplatz protestieren die Bürger-lichen gegen die Bedingungen des Friedensvertrages von Versailles.
1919, 13. 6. Rüstringen/Wilhelmshaven: Trauerfeier "aller Sozialisten" für Rosa Luxem-burg, Karl Liebknecht und den in München ermordeten Leviné auf dem Bismarckplatz. Sie ist nur schwach besucht. Der revolutionäre Elan gehört der Vergangenheit an.
1919, 17. 12. Rüstringen/Wilhelmshaven: In Mariensiel gehen 40.000 15-cm-Granatenin die Luft, die dort entschärft werden sollten. Das Unglück fordert 27 Tote, davon zehn aus der Bevölkerung. Der Sachschaden istenorm.