-1934-

1934 Bremen. Gründung der "Weser"-Flugzeugbau.
1934, 9. 4. Bremen: Feierliche Eröffnung der Nordischen Kunsthochschule. Der Erste Leiter ist der Maler Fritz Mackensen aus Worpswede.
1934, 27. 1. Bremen. : Reichsbischof Ludwig Müller setzt gegen den Widerstand erheblicher Teile der bremischen Kirche den Pastor Weidemann zum Landesbischof ein. Die Einführung in das Amt erfolgt am 30. Juni 1934
1934, 25. 2. Bremen. Gedenkfeier für die im Ersten Weltkrieg gefallenen 25 Juden aus Bremen. Das Ereignis sei hier erwähnt, weil man in der Israelitischen Gemeinde offenbar meinte, auf diese Weise die Nazis milder stimmen zu können, was bekanntlich nicht möglich war.
1934, 11. 6. Bremen : Der von Pastor Greiffenhagen geführte "Bruderrat" der "Bekennen-den Kirche" veranstaltet in der "Uni-on" eine Kundgebung, an der etwa 1000 Personen teilnehmen. Greiffenha-gen hatte an der Bekenntnis-Synode in Barmen teilgenommen.
1934, 2. 7. Bremen: Aufstellung einer Marmor-Büste von Ernst von Wachold, die an den "Befreier Latein-Amerkas" Simon Bolivar, erinnert. Das Denkmal war ein Geschenk der Republik Venezuela. Da das Denkmal stark verwittert war, wurde es 1960 durch eine Bronze-Plastik ersetzt. Auch sie wurde Bremen von der Republik Venezuela geschenkt.
1934, 5. 11. Bremen: In der Hansestadt werden zahlreiche Sozialdemokraten und Reichsbannerleute verhaftet. Im Sommer 1935 werden 88 SPD-Mitglieder, darun-ter Hermann Osterloh, Willy Dehnkamp, Hans Hackmack und Anna Stiegler, wegen Hochverrats festgenommen und angeklagt. Außerdem sind zu nennen: Theophil Johannes Jazdziewski, Alfred Göbel, Johann Kühn, Heinrich Kröplin, Friedrich Brams, Waldemar Pötsch - das soll hier genügen. Sie erhalten im November hohe Zuchthausstrafen, die sie absaßen. Daran schloss sich in aller Regel Haft in einem Konzentrationslager an, die keineswegs alle überlebten. Karl Siegler wurde 1945 ermordet, Johann Kühn starb ebenfalls 1945 auf dem Marsch von Oranienburg nach Bergen-Belsen. Jazdiewski starb am 3. Juni 1941 im KZ Dachau.
1934 Bremen: Im April findet eine erste Luftschutzübung statt. Für alle sichtbar beginnt die Vorbereitung auf den erneu-ten Weltkrieg.
1934, 1 10. Bremen: Einweihung des Kriegsgefan-genen-Ehrenmals auf der Altmanns-Höhe. Die Anlage wurde von dem Architekten Rudolf Richter gestaltet. Der Bildhauer Herbert Kubica schuf die bei-den Figuren.
1934 Bremen. Der Freimarkt wird von der Neustadt auf die Bürgerweide verlegt.
1934 Bremen. Errichtung eines Zweigwerks der "Focke-Wulf-Flugzeugbau GmbH" in Hastedt.
1934 Wesermünde. In Geestemünde brennen die Holzhandlungen am Geestemünder Holzhafen aus. Dieser Teil des Hafens wird danach nur noch wenig genutzt. Er ist heute zugeschüttet und Teil einer Grünanlage.
1934 Wesermünde: Fritz Höger baut auf dem linken Geesteufer, also in Geestemünde, das Friedrich-Busse-Denkmal. Es mar-kiert die Stelle, von der der erste Fisch-dampfer, die "Sagitta", zum Fang auslief.
1934 Blexen. Die Kirche erhält eine neue Glocke, die von Pastor Günter Dede auf den Namen "Adolf Hitler" getauft wird.
1934, 25. 1. Nordenham: Das Konzentrationslager auf Langlütjen II in der Wesermündung wird aufgelöst. Das Lager bestand seit dem 9. September 1933. Prominentester Häft-ling war der spätere Ehrenbürger von Bremerhaven, Gerhard van Heukelum, der nach der Befreiung als Oberbür-germeister von Bremerhaven und Sena-tor der Freien und Hansestadt auch politisch eine große Rolle gespielt hat.
1934, 21. 3. Nordenham: Bürgermeister Emil Gerdes macht den ersten Spatenstich zur Anlage der Gateteiche beim heutigen Rathaus.
1934 Nordenham: Als Notstandsmaßnahme wird der Rest der Gate als eine Anlage ausgestaltet.
1934 Nordenham/Wesermünde: Die "Nord-see" Deutsche Hochseefischerei GmbH verlegt ihren Sitz von Nordenham nach Wesermünde. Damit erhalten siebzig Fischdampfer einen neuen Heimathafen. In dem Fischereihafen von Wesermünde haben 1938 21 Reedereien mit 193 Fischdampfern ihren Sitz. Hinzu treten 194 Fischgroßhandlungen und 56 Unternehmungen der Fischindustrie. In der Fischindustrie arbeiten über 10.000 Menschen. Praktisch lebt damit jede vierte Familie in der Stadt vom Fisch. Wesermünde wird in der Folgezeit systematisch zum Zentrum der Fischwirtschaft ausgebaut. Im Jahre 1939 sind an der Lune 214 Fischdampfer beheimatet, von denen bei Kriegsende 38 übrig geblieben waren.
1934, 1. 4. Nordenham. Gründung der "Weser" Flugzeugbau GmbH in Berlin, kurz "Weserflug". Die neue Firma ist eine Tochter der Deschimag (Deutsche Schiff- und Maschinenbau AG), die die Rohrbach-Flugzeugwerke in Berlin schluckt. Das Unternehmen produziert, repariert und wartet in den folgenden zehn Jahren in Berlin, Bremen, Lemwerder, Delmenhorst, Hoykenkamp und Einswarden Flugzeuge für die Luftwaffe des Deutschen Reiches.
1934 Berne. Das Westportal des Turms wird freigelegt. Im Erdgeschoss wird eine "Ehrenhalle" für die Stedinger einge-richtet, die Bernhard Winter mit Propa-gandabildern im Sinne der Nazis aus-stattet. Sie wurden nach der Befreiung zum Teil wieder entfernt. Wegen dieser "Kunstwerke" ist der Turm heute nur schwer zugänglich.
1934 Berne: Der Erdholländer in Neuenhun-torf wird abgebrochen. Er wurde 1851 erbaut und diente der Entwässerung. Im Jahre 1865 brannte die Mühle nieder, wurde aber sofort wieder aufgebaut.
1934 Lemwerder: Für die Fähre "Stedingen" wird ein neuer Anleger gebaut.
1934, 27. 5. Altenesch. Auf dem Henningshof wird mit riesigem Aufwand das NS-Propaganda-Stück "De Stedinge" von August Hinrichs aufgeführt. Anlass ist die 700-Jahrfeier der Schlacht bei Altenesch. Die Feiern zu dem Jubiläum wurden bereits 1932 von einem "Organisationsausschuss 700 Jahre Stedingsehre" vorbereitet. Auch ein Theaterstück, das aus diesem Anlass aufgeführt werden sollte, lag schon vor. Es war von dem Ingenieur Richard Schulze aus Lemwerder geschrieben. Nachdem der Nazi-Gauleiter Carl Röver im Juni 1932 zum Ministerpräsidenten des Freistaats Oldenburg gewählt worden war, nahm die NSDAP die Sache in die Hand. Das Werk von Richard Schulz verschwand und ist m. W. bis heute nicht wieder aufgetaucht. Stattdessen schrieb August Hinrichs sein Stück zu dem Thema, das genau den Vorstellungen der Nazis entsprach. Der Heimatdichter hatte sich bereits 1930 den Völkischen durch die "Swiensko-mödi" empfohlen und stellte von nun an bis 1945 sein ganzes Werk in den Dienst der Nazipropaganda, was die NSDAP dadurch honorierte, dass sie den Dichter und sein Werk in einer ganz ungewöhnlichen Weise förderte. Zur Uraufführung des Schauspiels "De Stedinge" erschien nicht nur die örtliche Partei-Prominenz mit Gauleiter Röver an der Spitze, sondern auch der Reichsleiter Alfred Rosenberg, zuständig für die ideologische Schulung der Partei, sowie der Reichsbauernführer Darré, einem engen Vertrauten des "Reichs-führers SS" Heinrich Himmler. Die In-szenierung besorgte hier wie auch spä-ter der damalige Oberspielleiter des Oldenburger Staatstheaters, Rudolf Sell-ner, der nach der Befreiung im Jahre 1963 zum General-Intendanten der Deutschen Oper in Berlin aufsteigen sollte. Die Veranstaltung wurde ein sol-cher Erfolg, dass Gauleiter Röver be-schloss, dem Stück "De Stedinge" an dem Geestrand in dem heutigen "Bookholzberg" eine Bühne zu bauen, wo nur dieses Schauspiel aufgeführt werden sollte. Es entstand dort, mit einem freien Blick bis zur Weser, eine Bühne mit einem richtigen kleinen Dorf. Zur Grundsteinlegung der Anlage am 19. Oktober 1934 erschien in Bookholzberg neben Alfred Rosenberg auch der Reichsführer SS, Heinrich Himmler, der so seine Zustimmung zu dem Plan und damit auch zum Stück von August Hinrichs bekundete. "De Stedinge" wurden dann an diesem Ort noch in zwei Zyklen augeführt, nämlich einmal 1935 und dann aus Anlass des Gautages der NSDAP im Jahre 1937. Bei dieser Gelegenheit erschien in Bookholzberg auch der "Stellvertreter des Führers", Rudolf Hess. Danach wurde die Anlage wieder geschlossen, weil sie nunmehr zu einem Schulungszentrum der Nazi-Partei ausgebaut werden sollte. Es fand fand nur noch ein Massenaufmarsch auf dem Gelände statt, nämlich am 17. Juni 1939 anlässlich einer Sonnenwendfeier der Nazis mit Alfred Rosenberg als Hauptredner. Die Bauarbeiten wurden bis 1941 fortgesetzt. Im Krieg fielen Bomben auf die Bühne, durch die die Kirche des künstlichen Dorfes zerstört wurde. August Hinrichs schrieb 1939 noch eine Forsetzung seines Stücks über die Stedinger, nämlich "Steding Ren-ke", das in Oldenburg uraufgeführt wurde. Hinrichs wurde, weil er sich um die Propaganda für die NSDAP so verdient gemacht hatte, nach Hitler und dem Gauleiter Carl Röver der dritte Ehrenbürger von Nazis Gnaden der "Gauhauptstadt" Oldenburg. Der Dich-ter hatte dann noch bis zu seinem Tode im Jahre 1956 über zehn Jahre lang Gelegenheit, sich von der Ideologie des Dritten Reiches zu distanzieren, was r jedoch nicht getan hat. Er ist also als der Nazi gestorben, der er auch formell im Jahre 1937 wurde. Gelegentlich wurde behauptet Hinrichs habe sein Stück bereits 1931 geschrieben, was nicht wahrscheinlich ist, denn den Auftrag dazu erhielt er erst 1933 von der NSDAP, die ihn dann lobte, dass er das Werk so rasch fertiggestellt habe, also war zuvor nichts vorhanden. Aber selbst wenn dem so gewesen sein sollte, dann wäre damit nur bewiesen, dass Hinrichs bereits 1931 ein Nazi war. Im übrigen soll Hinrichs behauptet haben: "Dass mein durchaus unpolitisches Spiel vom Untergang der Stediger dann von nationalsozialistischer Seite für ihre Zwecke misshandelt wurde, habe ich selbst am meisten beauert und dies Zeugen gegenüber wiederholt betont, ohne es jedoch ändern zukönnen." (zit nach Schmeyers: Die Stedinger Bauernkriege, 2004, S. 243) Schmeyers, der diese Meinung persönlich teilt, betont jedoch: "Er (nämlich Hinrichs, Anm. d. Verf.) war in allen Vorberei-tungsphasen der 700-Jahrfeier über die nationalsozialistische Vereinnahmung des Festes informiert, zumal er im Festkomitee mitarbeitete." Und dass er sich mit der NSDAP in vollem Umfange identifizierte, machte der sog. "Heimat-dichter" in einem Artikel deutlich, der in derr Oldenburgischen Staatszeitung (das war das Blatt der NSDAP, Anm. d. Verf.) parallel zu den Aufführungen von 1937 erschien Darin heißt es: "Wieder stehen wir, wie ich zuversichtlich glaube, an einem Höhepunkt in der Geschichte unseres Volkes. Wieder sind Männer da, alle Energien, alle schöpferischen und schaffenden Kräfte aufzurufen zum Kampf um Leben und Freiheit unseres Volkes, wieder stehen wir im Schicksalskampf gegen eine uns feindliche Welt. Gerade darin aber verstehen und bewundern wir heute nach 700 Jahren den heldenmütigen Verzweiflungskampf unserer Vorfahren, der Stedinger Bauern ..." (Schmeyers: Die Stedinger Bauernkriege, 2004, S. 243). Die NSDAP hatte also allen Anlass, dem Dichter August Hinrichs für seinen Einsatz zu danken. Das ist verständlich. Nicht verständlich ist, was nach der Befreiung unterblieb: Während der Rat der Stadt Oldenburg nach dem Ende des Naziterrors, den August Hinrichs mit seinem Werk so gründlich überzuckert hatte, dem "Führer" und dem "Gauleiter", die beide zu diesem Zeitpunkt bereits tot waren, die Würde Ehrenbürgewürde aberkannte, ließ sie die im Falle des Heimat-Dichters die Ehrung bestehen. Zwei Anträge, den Nazi-Barden August Hinrichs von der Liste der oldenburgischen Ehrenbürger zu streichen, wurden 1991 und 2001 von einer Mehrheit im Rat, bestehend aus CDU, SPD und FDP, abgelehnt. Die Grünen enthielten sich 1991 der Stimme und stimmten 2001 dafür, nach Hitler und Röver nun auch den dritten Nazi-Ehrenbürger zu streichen. Die ehemali-gen Komunisten Müller und Fleßner so-wie die PDS votierten natürlich für ihre jeweiligen Anträge (Jens Schmeyers hat die bislang vollständigste Dokumentation zu dem Thema vorgelegt, die mir be-kannt ist, wobei bemerkenswert ist, dass in der Darstellung seine Kommentare in einem gerade zu schreienden Gegensatz zu den Dokumenten stehen, die er zi-tiert.)Die Propaganda-Wirkung der Auffüh-rungen des Nazistücks der Stedinge war enorm und wirkte Jahrzehnte hindurch nach. So schreibt der Diplom-Ingenieur F.-Herbert Wenz noch im Jahre 1986 - also vierzig Jahre nach Auschwitz - in einem Postkartenband über Lemwerder: "Anlässlich des 700jährigen Gedenktages der Schlacht bei Altenesch fand am 27. Mai 1934 auf dem Festplatz Henningsweide in Altenesch die Auffüh-rung des Festspiels "Der Stedinge" von August Hinrichs statt, an der ca 30.000 Menschen teilnahmen. Am fol-genden Mittwoch sahen 20.000 Kinder und am folgenden Sonntag noch mal 20.000 Besucher, die alle mit Son-derzügen nach Altenesch gebracht wur-den, die Aufführung des Festspiels. Mitgewirkt haben bei diesem Festspiel 150 Bewohner der Gemeinde Altenesch und ca 70 Pferde. Für diese Aufführung wurde, wie auf dem Foto zu sehen ist, die Scheune des Bauern Hennings ent-sprechend hergerichtet und eine getreue Nachbildung der Altenescher Kirche er-richtet. Noch heute berichten Teilneh-mer dieser Veranstaltung von diesem unvergesslichen Ereignis, das die Ge-schichte der damaligen Freiheitsschlacht so ungeheuer packend widerspiegelte." (Fr.-Herbert Wenz: Lemwerder in alten Ansichten, 1986, S, 59). Wenz findet kein Wort der Distanzierung zu einem Stück, das offensichtlich zunächst einmal dazu diente, die katholische Kirche zu diffamieren, die hier die "überstaat-lichen Mächte" vertrat, die die Nazis bekämpften und zu denen natürlich, wie jeder damals wusste und Wenz hätte schreiben müssen, auch die Freimaurer, vor allem die Juden gehörten. Natürlich hatte das Stück auf die Besucher einen enormen Eindruck gemacht, der allein schon durch die Massen, die der Nazi Sellner zu bewegen wusste, erzeugt wurde, aber er diente dazu, die Produktion emotional an ein Regime zu fesseln, dass dabei war, einen neuen Weltkrieg zu entfesseln und - für alle seit dem 1. April 1933 sichtbar - den Massenmord an den Juden vorzubereiten - dazu von Wenz kein Wort, dafür spricht er affirmativ von der "Frei-heitsschlacht" der Stedinger, die das Stück von Hinrichs so "ungeheuer packend" widerspiegele. Offensichtlich ist Wenz noch im Jahre 1986 von der damaligen Inszenierung gefesselt - und von der Ideologie, die sie transportierte. Pfui.
1934 Hohenkirchen: Fritz Höger, einer der bedeutendsten modernen Architekten Norddeutschlands, errichtet in Hohen-kirchen einen Wasserturm, der eines der bedeutendsten Dokumente des "Back-stein-Expressionismus" ist und zu-gleich ein Zeugnis dafür, dass sein Schöpfer damals der völkischen Ideo-logie verfallen war. "Der Bau, der Geist des Hakenkreuzes selbst’ ist, sollte ’mit elementarer Gewalt’ aus dem Boden quillen’ wie der sehnsüchtige Geist des neuen Deutschland’." So Nils Achenbach in "Wassertürme im Nordwesten (2003), der hier Zitate von Gerhard Kaldewei benutzt.