Was ist und zu welchem Ende schreibt man Regionalgeschichte

Als ich im Zweiten Weltkrieg die Volksschule Blexen besuchte, gehörte die „Heimatkunde“ neben Lesen, Schreiben, Rechnen und Singen zu dem Fächerkanon des Unterrichts. Dann erzählte unsere Lehrerin Alma Law (möge sie im tiefsten Grund der Hölle braten) von Didde und Gerold und ähnlichen blutrünstigen Helden Butjadingens und wir hörten andächtig zu. Wenn ich mir heute die Produktionen der Oldenburgischen Landschaft oder das, was durch sie gefördert wird, ansehe, habe ich den Eindruck, dass die regionale Gechichtsschreibung den damaligen Status kaum hinter sich gelassen hat. Gewiss: Von Didde und Gerold ist nicht mehr die Rede, dafür beschränkt sich die Forschung aber auf die Genealogie der oldenburgischen Fürsten sowie auf die unsterblichen Taten der regierenden Mitglieder des Hauses Gottorp und ähnliche Größe. Das aber ist natürlich kein Selbstzweck. So wie es damals darum ging, mit der Geschichte von Didde und Gerold die Ideologie des Nationalsozialismus in unsere Köpfe zu bringen, so ist es heute das Anliegen der Oldenburgischen Landschaft und der sie tragenden Parteien, also der CDU, SPD und FDP, mit den Geschichten aus der Dynastie der Gottorps jüngere Linie, die bis 1918 in Oldenburg regierte, den deutschen Nationalismus zu tradieren. Dazu gehört auch das Bemühen, den letzten deutschen Kaiser, Wilhelm II., zu rehabilitieren, nachdem der Versuch, den Gauleiter Karl Röver als guten Nazi in dem Bestand der lokalen National-Heiligen zu etablieren, kläglich gescheitert ist – all dies natürlich im Dienst des Einen, den man natürlich nicht nennt, damit das eigentliche Anliegen nicht allzu deutlich wird, immerhin gelingt es ja so vielleicht, neben den bösen Faschismus, den man natürlich ablehnt, und der sich im Krieg und in der Judenverfolgung austobte, den guten zu etablieren, der sich in Bookholzberg mit dem Volksstück „de Stedinge“ von jenem Nazi-Dichter August Hinrichs zeigte, der noch heute Ehrenbürger von Oldenburg ist und als solcher zweimal von der SPD, der CDU und FDP ausdrücklich bestätigt wurde. Dass das natürlich nichts weiter ist als deutschnationale (und damit antisemitische) Propaganda liegt auf der Hand, so ist es denn verständlich, dass die „Heimatkunde“als „Wissenschaft“ heute in Oldenburg faktisch abgeschafft ist, obwohl es sie mal gab. Ja, es gab sie. Nicht weniger als drei Professoren der Carl-von-Ossietzky-Universität widmeten sich dem Thema und haben umfangreiche, materialreiche Werke hinterlassen, und sie wurden unterstützt von einem riesigen Pulk von Laienforschern, (zu denen ich mich auch zähle) an deren Arbeiten sicherlich Dieses oder Jenes auszusetzen wäre, die aber zumindest eine Menge von schlichtem Material bereit gestellt haben, das dann von anderen benutzt werden konnte, und diese Kärrner-Arbeit sollte man nicht gering achten, denn nicht jeder kann sich auf das Niveau eines Theodor Mommsen aufschwingen – es muss auch jene wie Hermann Allmers geben, die mit ihrer Arbeit wichtige Anstöße geben, auch wenn Manches aus heutiger Sicht lächerlich wirkt, wie beispielsweise das Denkmal auf Karl den Großen in Rechtenfleth. Und noch etwas können wir dem Marschenbuch entnehmen, nämlich dass regionale Geschichte sehr unterhaltsam sein kann – und auch sein sollte, eben weil sie uns so nah ist, und das gilt nicht nur für den historischen Roman, sondern auch für die sachliche, sagen wir journalistische Darstellung und nicht zuletzt für die Liste der Daten, die ich im Rahmen dieser Internetseite vorlege. Doch vergessen wir diesen Aspekt er Heimatkunde und wenden uns dem zu, was die seriöse Regionalgeschichte leisten kann. Das Wichtigste ist, denke ich, dass sie zu den Disziplinen gehört, die die Geschichte zur Wissenschaft macht. Damit steht sie natürlich nicht allein, vielmehr ist sie in dieser Hinsicht mit der Archäologie vergleichbar, die uns ja auch sagt, ob, beispielsweise, der Mythos von den israelitischen Königen Saul, David und Salomo einen realen Kern hat oder nichts weiter ist als eine Ansammlung erbaulicher Geschichten. Ähnlich die Heimatkunde, die, wie das Experiment in den Naturwissenschaften, bestätigt oder widerlegt, was die Theorie sagt. Ich greife ein Beispiel heraus, mit dem ich mich beschäftigt habe: Wer immer bislang eine Geschichte der SPD geschrieben hat, nahm sich im wesentlichen die Protokolle der Parteitage vor und erzählte auf Grund dieser Quellen, wie die Partei von Lassalle gegründet und dann von Liebknecht und Bebel mit sanfter Nachhilfe von Marx und vor allem Engels auf einen marxistischen Kurs gebracht wurde, bis sie sich endlich zur modernen Volkspartei wandelte – falsch! Wenn ich mir nämlich die Geschichte der SPD in Blexen anschaue, dann komme ich zu dem Ergebnis, dass sie nie marxistisch war, vielmehr eine politische Bewegung, die im Rahmen einer liberalen Philosophie die Interessen der Arbeiterschaft vertrat, bis sie dann im Ersten Weltkrieg zu einer national-liberalen und dann, nach 1933, zu einer rein nationalen Partei wurde, die unter Kurt Schumacher und vor allem unter Willy Brandt jedenfalls in ihrer Führung zu demokratischen Positionen zurückkehrte – aber was ist davon geblieben? Die Frage lasse ich offen,Oder nehmen wir die evangelische Kirche. Da habe ich gelernt, dass die Menschen im 16. Jahrhundert unter dem Druck der katholischen Kirche seufzten, bis sie von Luther erlöst wurden – falsch! Ganz falsch. Die katholische Kirche war (und ist) aus Gründen, die ich hier nicht darlegen kann, relativ tolerant, wohingegen die lutherischen Landeskirchen, beispielsweise in der Grafschaft Oldenburg, aber auch in der Herrschaft Jever üble totalitäre Systeme ausbildeten, die, wenigstens in der Theorie, den Methoden eines Erich Mielke in der DDR wenig nachstanden – ich sagte: in der Theorie, denn die Pastoren haben sich nicht durchgesetzt, wollten das auch nicht, aber eines können wir aus der Geschichte gerade der oldenburgischen Landeskirche lernen: Die Lutheraner waren und sind schwach, aber keineswegs tolerant. Der Erfolg der Gegenreformation beispielsweise in Südoldenburg erklärt sich auch daraus, dass die Menschen froh waren, dass die eifernden Schwarzröcke verschwanden und dafür die relativ toleranten Jesuiten oder wer auch immer im Dorf erschienen.
Eine andere Rolle spielten, und damit bin ich bei meinem dritten Beispiel, die Lehrer. Wie oft habe ich später von diesem oder jenem Pädagogen gehört: Er war zwar streng – aber wir haben was bei ihmgelernt. Was besagt diese Formel? Die Schule war schon im Mittelalter eine wichtige Institution , auch auf dem Lande, nur haben die Reformatoren sie allesamt vernichtet. Wir können nur indirekt auf ihre Existenz schließen, denn Luthers Schriften hätten sich nie so rasch verbreiten können, wenn es nicht im Jahre 1517 in jedem Dorf wenigstens einen gegeben hätte, der sie lesen und vor allem vorlesen konnte, aber lassen wir die Konjekturen. Was nach dieser Kultur-Katastrophe folgte, war also ein Wiederaufbau, der zum Ende des 16. Jahrhunderts einsetzte und erst nach etwa 50 Jahren abgeschlossen war. Denn die Menschen hatten die Bedeutung der Schulen auch in Butjadingen sehr wohl begriffen, weshalb die Lehrer wichtige Persönlichkeiten waren, die besonders im 19. Jahrhundert eine enorme kulturelle Tätigkeit entfalteten. Es waren die Pädagogen, die im Gesangverein den Chor leiteten, im Turnverein die Übungen an den Geräten überwachten, das Theaterspiel, mit dem der Herbstball eingeleitet wurde, einübten und überall die Protokolle schrieben. Und der Lehrer zeigte seinen Nachbarn, was ein Garten einbringen konnte, und vor allem wie man Obstbäume okulierte, kurzum: ohne ihn ging nichts, nicht einmal in der Kirche, denn dort saß der Lehrer an der Orgel! Und in der Schule? Hier herrschte die Brutalität pur. Der Lehrer prügelte sein Pensum gnadenlos in die Kinder hinein, was die Eltern hinnahmen und die Obrigkeit gerade zu verlangte, denn die brauchte Untertanen, die vor der Obrigkeit kuschten und welche die durch die schwarze Pädagogik erzeugten Aggressionen, wenn der Kaiser das verlangte, gegen den jeweiligen Feind einsetzen konnte. Der deutsche Schulmeister habe die Schlacht bei Königgrätz gewonnen, sagte man im 19. Jahrhundert. Wenn das so stimmt – und das ist in der Tat richtig -, dann hat er aber auch die Gemetzel von Verdun und Stalingrad und all die anderen Katastrophen dieser Art zu verantworten, womit ich Auschwitz einschließe, denn wenn die deutsche Schule nicht deutschnational-christlich und damit antisemitisch, sondern humanistisch oder auch nur human gewesen wäre, hätte es keine Diskriminierung der Juden und schon gar nicht den Massenmord an diesen und anderen Menschen gegeben.
Ich breche die Kette meiner Beispiele hier ab, obwohl ich sie fortsetzen könnte, denn im Moment geht es mir nicht um die Richtigkeit oder Falschheit meiner Thesen, sondern darum, dass die Heimatkunde keineswegs das gemütliche Fach ist, bei dem man getrost einschlafen kann, weil darin nichts passiert, und sie ist noch viel weniger eine Art Karnevalssitzung, bei der nur nicht „Helau“ und „Alaaf“ gebrüllt wird, während ein Tusch den Redner für seinen guten Witz belohnt – ganz im Gegenteil: Heimatkunde, so betrieben, wie ich das hier skizziert habe, wühlt tiefste Emotionen auf, die kaum beherrscht werden – auch in dieser Hinsicht ist das Verhalten der Oldenburgischen Landschaft und der anderen moralischen Instanzen, die Zionisten durchaus eingeschlossen, durchaus lehrreich, denn dort ist man über das, was ich bislang vorgelegt habe, „not amused“, was ich gut verstehen kann.
Um was geht es mir?
Zunächst möchte ich nicht nur fordern und anklagen, sondern das leisten, was ich leisten kann. Ich habe bereits gesagt, dass ich die Geschichte des Unterweserraumes, die ich gern geschrieben hätte, aus Zeitgründen nicht mehr hinkriege – schon meine Geschichte der Gemeinde Blexen habe ich bislang nicht zu Ende schreiben können, weil ich mir, wie alle depressiven Menschen, stets zu viel vornehme und so mein Scheitern vorprogrammiere, aber ich habe mich daran gemacht, wenigstens eine „Zeitleiste“ hergestellt, die von Adam und Eva bis zur Gegenwart reicht, und in die ich alles aufgenommen habe, was an der Unterweser und an der Jade so passiert ist. Und schon höre ich die Rachegeister der oldenburgischen Landschaft heulen:
Aber die Fehler!
Natürlich habe ich mich gelegentlich geirrt: manches habe ich möglicherweise falsch abgeschrieben, in anderen Fällen habe ich das, was in meiner Vorlage schon verkehrt war, schlicht abgekupfert, ohne den Irrtum zu bemerken – möglich. In solchen Fällen möge man mich korrigieren. Ich danke im Voraus denen, die sich die Mühe machen, schon jetzt für diese Dienste. Von Sir Karl Popper habe ich gelernt, dass es nicht schlimm ist, Fehler zu machen, wohl aber, sie stehen zu lassen, damit man mit ihnen den Autor diffamieren und einschüchtern kann, was ja zu meiner Zeit die Spezialität deutscher Schulmeister war und heute auch noch vorkommt.
Und dann: Was fehlt nicht alles!
Da klaffen doch Lücken wie Scheunentore! Gewiss! Ein solches Werk wird nie fertig werden, weil ich eben nicht die ganze Literatur auswerten kann. Ich kann nur bitten, das hinzunehmen, was ich geleistet habe – und vielleicht findet sich jemand, der das Werk fortsetzt. Ploetz hat einmal damit begonnen, die Geschichtszahlen aufzulisten, die ein Pennäler damals, am Ende des 19. Jahrhunderts, zum Abitur im Kopf haben sollten. Das war ein sehr schmales Heft, und heute steht auf meiner Bücherborte ein dicker Band, den allerdings nicht mehr der Urheber der Sammlung geschrieben hat, sondern von vielen Mitarbeitern verfasst wurde. Der „Ploetz“ lehrt aber, dass solche Sammlungen wichtig sind, denn eine solche Zahlenleiste kann immerhin zweierlei bringen:
Zum einen findet derjenige, der beispielsweise wissen möchte, was in Blexen einmal los war oder wie viele Sturmfluten es gegeben hat, hier einige Hinweise und zum andern erschließt sich schlicht aus der Auflistung der Ereignisse manche Einsicht, was mir übrigens erst während der Arbeit zu dämmern begann. Ich nenne nur zwei Beispiele: Ich habe mir große Mühe gegeben, Streikbewegungen vor allem in Bremen und Bremerhaven zu regstrieren, wobei ich ich schon jetzt gestehe, dass ich sie sicherlich nicht alle erfasst habe, aber doch so viele, um Zeiten sozialer Spannungen plastisch hervortreten zu lassen. Das ist das eine. Und nun das andere Exempel, nämlich die viel belächelten deutschen Vereine, die im 19. und zeitweilig auch im 20. Jahrhundert eine immense Bedeutung hatten. Ich bin erst ziemlich spät auf die Idee gekommen, dass ich hier ein ungemein wichtiges Phänomen vor Augen hatte, das keineswegs banal ist, auch wenn manche Vereine komisch wirken – aber ich gelobe Besserung.
Und dann die Doubletten! Ja, ich habe manches doppelt und vielleicht sogar dreifach benannt – sicherlich auch aus Nachlässigkeit und Vergesslichkeit, aber gelegentlich auch deshalb, weil dies eben keine fortlaufende Geschichte des Unterweserraumes ist – das eben nicht! – sondern eine Kompilation von Daten, was bedeutet, dass der Benutzer das Werk nicht von vorn bis hinten liest, sondern bei Bedarf aufschlägt und dann an der Stelle, die er einsieht, das vorfinden soll, was er in diesem Augenblick braucht.
Und schließlich die Orthographie. Welche bitte? Eines hat doch die sog. Rechtschreibreform bewirkt, nämlich dass wir das starre Korsett des Dudens hinter uns gelassen haben und faktisch zu der alten Freiheit, wie sie vor 1890 bestand, zurückgekehrt sind. Zunächst einmal sei zugegeben, dass ich natürlich schlicht Fehler gemacht habe. Nun gut, aber ich habe mich auf der anderen Seite bemüht, beispielsweise die Groß- und Kleinschreibung strikt durchzuhalten, auch wenn Duden, Wahrig und Mackensen etwas Anderes vorschreiben, und überdies vermeide ich manche Verdeutschungen, die ich für verfehlt halte, schreibe also „Affaire“, um das Beispiel zu nennen. Andererseits verdeutsche ich auch Manches, so „Imäl“.
Aber der Dede ist doch nicht neutral.
Nein, ist er nicht.
Ich leugne nicht, dass ich mich in meinem Sammeleifer von zwei Ideen leiten lasse.
Zum Einen:
Ich vergesse alle mehr oder weniger zufälligen feudalen oder administrativen Grenzziehungen und betrachte den Wirtschaftsraum des ehemaligen Weser-Deltas, das nach meiner Menung einmal im Osten und Westen durch die jeweiligen Geestränder, dann nach Süden durch das Weser-Wehr in Bremen und im Norden durch den Leuchttum „Roter Sand“begrenzt ist. In diesem Gebiet werden die Häfen von Bremerhaven und Wilhelmshaven in Zukunft die Zentren des Verkehrs sein, die von Bremen aus organisiert werden. Das ganze bildet dann eine Agglomeration, wobei sich natürlich irgendwann einmal die Frage stellen wird, ob man das Land Bremen entsprechend ausweiten sollte – dafür würde ich eintreten - oder ob es vorteilhafter wäre, die Hansestadt nach Niedersachsen einzugliedern, ws sich deshalb nicht empfiehlt, weil die Interessen der Küste von Hannover noch nie richtig betrachtet und durchgesetzt wurden. Ich nehme also das Ergebnis eines künftigen Prozesses vorweg, indem ich in meiner Zeittafel die Ereignisse in Bremen, Bremerhaven, der Wesermarsch, Varel, im Jeverland und Wilhelmshaven und im Harlinger land berücksichtige, aber Oldenburg beispielsweise nicht weiter beachte, denn diese Stadt gehört geographisch nach Westfalen und spielt deshalb für meine Darstellung keine Rolle.
So viel zur geographischen Abgrenzung.
Wichtiger ist mir ein anderer Gesichtspunkt: In der Geschichte kommt es sehr auf die Terminologie an, mit der sehr oft eine ganze Ideologie sozusagen als Konterbande in die Darstellung eingeschleppt wird. Nun ist es ganz unmöglich, hier eine neutrale Position einzunehmen und so habe ich mich entschlossen, auch in dieser Zeittafel deutlich zu machen, dass ich einen demokratischen Humanismus vertrete, der etwa an Kant und Goethe festgemacht werden kann, was zur Folge hat, dass ich die Terminologie der deutschen Nationalisten möglichst nicht übernehme. Ich will das an einem Beispiel deutlich machen: Ich bezeichne die Niederlage der Nazis im Jahre 1945 und den Einmarsch der Alliierten nicht als „Kapitulation“, sondern als „Befreiung“. Damit spreche ich eine Wertung aus, denn wer den ersteren Begriff einsetzt, stellt sich auf den Standpunkt der Besiegten, die mit ihrem Vorhaben gescheitert sind und sich infolgedessen unterwerfen müssen, während mit dem Wort „Befreiung“gesagt wird, dass die Phase der Unterdrückung nunmehr beendet ist – der Einmarsch der Briten in diesem Falle wird also positiv bewertet. Herbert Schwarzwälder erörtert das Problem am Ende seiner Geschichte der Freien Hansestadt Bremen. Er schreibt: „Es wird leicht vergessen, dass damals nicht nur Care-Pakete aus Amerika kamen, sondern auch der „Morgenthau-Plan“und Anordnungen über Reparationen, ganz zu schwiegen von der Zustimmung zur Teilung Deutschlands und zur unmenschlichen, durch nichts zu rechtfertigenden ‚Vertreibung’, die auch viele Bürger ins kriegszerstörte Bremen brachte und die Not erhöhte. Der Verfasser dieser bremischen Geschichte war Ohren- und Augenzeuge von manchen Kriegs- und Nachkriegsgreueln, über die kein Gericht urteilte, und er war auch selbst leidtragender von Zuständen und Ereignissen, die damals kaum das Gefühl aufkommen ließen, Deutschland sei nun ‚befreit’ worden. Dieses Gefühl stellte sich nur sehr langsam ein.“(Schwarzwälder: Geschichte der freien Hansestadt Bremen (1985), IV, S. 638) Ich habe nun keine Ahnung, welche Geschichten sich hinter den Andeutungen des Historikers Verbergen, aber er stellt sicherlich die Gefühle vieler Deutscher damals richtig dar, die einmal von einer großen Zukunft träumten, die jetzt plötzlich abgeschnitten war, denn die Nazizeit hatte ja auch Manchem unerhörte Aufstiegschancen geboten, die ein Wirt in Blexen, wenn er betrunken war, in die schönen Worte kleidete: „Ich sollte Bürgermeister von Moskau werden ...“- und nun war er nichts weiter als ein unbedeutender Piesel im letzten Dorf vor Amerika. Dass der mann sich nicht „befreit“fühlte, sondern enttäuscht war, liegt auf der Hand. Ich persönlich haben andere Erinnerungen: Während des Krieges hatten mir sowohl die Lehrer als auch meine Mitschüler klargemacht, das ich als Sohn eines Pastoren beste Chancen hatte, in dem Deutschland der Nazis die Rolle des Juden, die es ja nicht mehr gab, einzunehmen, ganz abgesehen davon dass ich auf Grund meiner körperlichen Unbeholfenheit eh nicht einmal die Pimpfenprüfung bestanden hätte, womit mein Ende besiegelt gewesen wäre, bevor mein Leben überhaupt begonnen hätte. Ja, subjektiv gesehen wäre ich gerne ein strammer HJ-Führer geworden, aber objektiv wäre das aus ideologischen und praktischen Gründen nicht möglich gewesen, wäre ich der „Ausmerze“ verfallen gewesen, was ich irgendwie damals ahnte. Für mich war also das Ende des Krieges objektiv eine „Befreiung“. Mit anderen Worten: Schwarzwälder schildert die subjektiven Empfindungen vieler, ja der meisten Deutschen richtig, was denn ja auch Konsequenzen bis heute hat, aber der objektive Sachverhalt war eben der, dass die Unterdrückung der Menschenrechte durch die Nazis mit dem 5. Mai 1945 ein Ende hatte. Natürlich gab es eine große Not, die zum Teil die Folge des von Deutschland begonnenen Krieges war, ein Teil natürlich auch durch Maßnahmen der Alliierten verursacht wurden, natürlich führten sich besonders die Amerikaner in der ersten Zeit als „Besatzer“ auf (was sich aber sehr rasch änderte) , natürlich gab es manche Härten, von denen die eine oder andere auch überflüssig sein mochte – das ist alles richtig und soll hier nicht klein geredet werden, und wenn jemand von einer solchen Maßnahme betroffen war, dann war das ein Unglück, über das er sich natürlich freute – indes genossen wir doch von vorneherein das Recht der freien Meinungsäußerung, das es unter der Herrschaft der Nazis nicht gegeben hatte, und das allein wog Manches auf, was vorübergehend eben auch stattfand. Ja, was subjektiv negativ empfunden wurde – und das durchaus nicht nur von den Nazis selbst – war objektiv für Deutschland eine „Befreiung“, und deshalb verwende ich den Begriff in meiner Zeittafel, wie ich hoffe, ganz konsequent.