An Weser und Jade

Einige Daten zur Geschichte der Städte Bremen und Bremerhaven, des Landes Wursten, der Wesermarsch, Varels, des Jeverlandes und Wilhelmshavens sowie des Harlinger Landes samt gelegentlichen nützlichen Anmerkungen zu Jedermanns Freude und Belehrung.

Redaktionelle Vorbemerkung

Vor einigen Jahren erreichte mich ganz überraschend die Einladung, an einem Sammelband mitzuwirken, in dem die Landschaften der dänischen, deutschen und niederländischen Nordseeküste vorgestelltwerden sollten. Das überraschte mich sehr, denn ich bin ja, weil ich nicht im rechten Glauben stehe, vor allem in Oldenburg von allen moralischen Institutionen geächtet, was zur Folge hat, dass mich solche erfreulichen Anträge in aller Regel nicht erreichen und wenn das aus Versehen doch geschah, alsbalde unter einem Vorwand wieder zurückgezogen wurden. Ich teilte dies Professor Ludwig Fischer mit, der mich offenbar vorgeschlagen hatte, und bat ihn, sich die Sache noch einmal zu überlegen. Fischer antwortete sinngemäß, dass mein Einwand in der Tat zu bedenken sei, er aber nicht allein entscheide, weshalb er meinen Brief dem Herausgebergremium mitteilen werde. Damit war der Vorgang nach meiner Auffassung abgeschlossen – aber mitnichten. Bei der Kommission handelte es sich nämlich um eine Gruppe, die von dem „Commmon Wadden Sea Secretariat“ eingesetzt war. Diese Institution wird von dem Königreich Dänemark, der Bundesrepublik Deutschland und dem Königreich der Niederlande gebildet und in dem Kreis war offenbar das, was in Oldenburg und um zu geklatscht wurde, ziemlich egal – und so wurde die Einladung eines Tages wiederholt, und ich machte mich ans Werk, je die Wesermarsch und das Jeverland mit dem Harlinger Land in zwei kurzen Aufsätzen vorzustellen. (Erschienen in: Das Wattenmeer. Kulturlandschaft vor und hinter deen Deichen. Stuttgart) Bei der Vorbereitung fiel mir nun auf, dass ich im Grunde zweimal dieselbe Geschichte erzählen musste, weil die Landschaften beidersets der Jade einen Wirtschaftsraum bilden, der sich um die Wesermündung (zu der die Jade gehört) gruppiert. In diesem Augenblick wurde mir klar, worin der prinzipielle Fehler unserer regionalen Geschichtsschreibung lag und immer noch liegt. Sie leidet nämlich zunächst einmal daran, dass sie loka begrenzt ist, womit ich meine, dass die Lehrer und Pastoren, die sich bislang mit dem Thema beschäftigt haben, zwar sehr genau registrierten, was Ort passiert war (eine verdienstvolle Arbeit, gewiss), es aber sorgfältig vermieden, über den Tellerrand zu schauen. Hinzu traten dann noch die Ideologen, die die Absicht verfolgten, etwa die Verdienste der Gottops in Oldenburg hervorzuheben und deren Fehler zu verschweigen – und das geht bis heute so weiter, was zur Folge hat, dass es bis zur Stunde keine zusammenhängende Wirtschaftsgeschichte des Unterweserraumes gibt. Nun, die Lücke konnte und kann ich nicht ausfüllen, aber ich habe mich, sozusagen als Vorarbeit, ans Werk gemacht und schlicht die Daten der Ereignisse aufgelistet, die meines Erachtens für die Geschichte dieses Gebiets von Belang waren, wobei ich mich sozusagen in Bremen auf den Marktplatz stellte und von hier aus nach Norden blickte, denn die Hansestadt (und nicht Oldenburg) ist der politische, wirtschaftliche und kulturelle Schwerpunkt des Raumes, der für mich im Süden durch das Weserwehr, im Norden durch den Rote-Sand-Leuchtturm, im Osten und Westend aber jeweils durch die Geestränder des Urstromtals der Weser begrenzt wird. Was ich hier vorlege, soll also einmal dazu anregen, die Geschichte der Unterweser ohne Rücksichtnahmen auf irgendwelche zufälligen dynastischen oder administrativen Grenzen zu betrachten, zum andern Historiker ermutigen, endlich die ideologischen Vorgaben, wie sie besonders von der Oldenburgischen Landschaft ausdrücklich oder stillschweigend vorgegeben werden, zu vergessen. Regionalgeschichte sollte nicht zum Ruhme der oldenburgischen Gottorps und am allerwenigstens der Rehabilitation Kaiser Wilhelms II. dienen, wie das in Oldenburg bis in die jüngste Zeit hinein geschehen ist, sondern als Teil der Geschichtswissenschaft betrachtet werden und zwar als ein wichtiger Teil, denn der Blick in die Region kann durchaus zur Korrektur allgemeiner Theorien führen. Ich nenne nur ein Beispiel aus meiner Biographie: Anhand der gängigen Parteigeschichten der SPD hatte ich gelernt, dass diese Partei von Lassalle gegründet wurde, dann zum Marxismus konvertierte, bis sie dann schließlich zur modernen Volkspartei wurde. Wenn ich aber den sozialdemokratischen Wahlverein der Gemeinde Blexen betrachte, dann stelle ich fest, dass die SPD dort nie marxistisch war. Sie begann als eine liberale Arbeiterpartei und wandte sich einem nationalen Liberalismus zu, den sie heute noch vertritt. Solche Prozesse werden aber nur deutlich, wenn man sich in das Kleingedruckte vertieft – und dazu möchte ich einladen, indem hier mit diesem Zahlenwerk sozusagen ein Gerippe aufbaue, das andere mit Muskeln und Nerven versehen mögen – vor allem hoffe ich, dass der Körper dann vor allem von dem Blut des humanistischen Geistes durchströmt wird. Das also war meine Absicht, als ich begann, die nachfolgenden Daten aufzulisten, aber als zwei Jahre vergangen und fast 1000 Seiten vollgeschrieben waren, stellte ich fest, dass ich an einem Hemd der Penelope arbeitete – ich setzte also einen Punkt. Das hat sicherlich zur Folge, dass ich manche Lücke gelassen habe, aber sei’s drum: Vielleicht trage ich das Fehlende nach, vielleicht nimmt ein anderer den Faden auf – wir werden sehen, sagte der Häuptling Seattle. Noch ein letztes Wort: Natürlich schleichen sich in ein solches Werk Fehler und Versäumnisse ein, das ist, denke ich, unvermeidlich. Ich bitte also diejenigen, die solches bemerken, um Nachsicht und Nachricht, damit das, was verbessert werden kann, auch tatsächlich korrigiert wird. Mein Dank gilt im übrigen Prof. Dr. Ludwig Fischer, der zu diesem Werk den Anstoß gegeben hat.